1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Die Bewohner der "Wilden Siedlung" müssen ausziehen

Augsburg

07.11.2019

Die Bewohner der "Wilden Siedlung" müssen ausziehen

Die Bewohner der Wilden Siedlung in Lechhausen müssen auf absehbare Zeit ausziehen. Sie hatten vor Gericht gegen den städtischen Bescheid geklagt, doch die Klage wurde abgewiesen.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archiv)

Plus Das Gericht weist die Klage der Siedler gegen die Stadt ab. In einem Jahr müssen die Bewohner die Koffer packen – außer, sie ziehen in die nächste Instanz.

Die Bewohner der „Wilden Siedlung“ am Rand von Lechhausen müssen in absehbarer Zeit ihre Koffer packen. Das hat das Verwaltungsgericht am Donnerstag entschieden. Das Gericht wies die Klage von neun Siedlern ab, die weiter in der Bauwagensiedlung leben möchten. Diese war vor 15 Jahren als alternatives Wohnprojekt ohne Baugenehmigung errichtet worden. Vor einem Jahr untersagte die Stadt per Bescheid die Wohnnutzung des Areals an der Derchinger Straße.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Wie es nun weitergeht, ist offen. Sobald das Urteil des Verwaltungsgerichts rechtskräftig wird, läuft eine einjährige Frist der Stadt, in der die Bewohner ausziehen müssen. Die Kläger haben aber die Möglichkeit, in Berufung vor den Verwaltungsgerichtshof zu ziehen – entscheiden sie sich dafür, haben sie noch einmal Aufschub, bis es dort zu einem Urteil kommt. Noch sei über das Einlegen einer Berufung nicht entschieden, so Sven Gröbmüller, der Anwalt der Siedler, im Anschluss an das Urteil.

Wilde Siedlung in Augsburg: Die meisten Bewohner gehen einer ganz normalen Arbeit nach

In dem Hüttendorf leben Menschen zwischen 30 und 40 Jahren, die als Handwerker oder Angestellte arbeiten oder noch studieren. Die selbst gebauten Häuser – rechtlich gesehen handelt es sich um Schwarzbauten – sind klein, aber behaglich eingerichtet. Es gehe darum, so die Bewohner, sich aufs Wesentliche zu beschränken. Gleichzeitig erlebe man Freiheit und Gemeinsamkeit gleichzeitig.

Vor etwa 15 Jahren entstand die Siedlung auf einem Privatgrundstück zwischen Äckern nahe an der Ostumgehung. Der Eigentümer war einverstanden, dann entstanden die ersten Hütten. Von der Stadt genehmigt waren sie nicht. Vor einem Jahr wurde man im Bauordnungsamt auf die Siedlung aufmerksam, als ein Bewohner eine Hausnummer beantragte, nachdem ein Brief nicht zugestellt werden konnte.

Die Wilde Siedlung. Wir haben die Besucher besucht - jetzt im Sommer und im vergangenen Herbst.
17 Bilder
So lebt es sich in der "Wilden Siedlung" in Lechhausen
Bild: Silvio Wyszengrad

Dass die Klage nicht übermäßig große Erfolgsaussichten hatte, war absehbar. Denn allein die Lage der Bauwagensiedlung im sogenannten Außenbereich – also zwischen Feldern und Wiesen außerhalb des Siedlungsgebietes – macht eine Genehmigung nahezu unmöglich. Gesetz und Rechtssprechung sagen klar, dass sogenannte Splittersiedlungen, die ein Zerfransen der Stadt zur Folge hätten, nicht zulässig sind. Auch auf Bestandsschutz könne sich die Bauwagensiedlung nicht berufen, so Richter Andreas Endres, weil es nie eine wie auch immer geartete Genehmigung gegeben habe. Als das Thema in der Vergangenheit im Bauausschuss des Stadtrats besprochen wurde, ließen die Stadträte zwar Sympathien für das Projekt erkennen, fürchteten teils aber auch die Schaffung eines Präzedenzfalls.

Förderte die Stadt die Ansiedlung vor 15 Jahren?

An diesem Punkt sieht Anwalt Gröbmüller noch ein Fragezeichen. Man gehe davon aus, dass die Ansiedlung der Wilden Siedlung von der damaligen Stadtregierung unter Oberbürgermeister Paul Wengert im Zuge der Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt gefördert worden sei. Allerdings, schränkt Gröbmüller ein, seien die damaligen Siedler-Aktivisten inzwischen ausgezogen und nicht mehr greifbar. Schriftliche Zusagen der Stadt habe man auch nicht finden können.

Bauordnungsamtsleiter Peter Sterz sagt, dass auch bei der Stadt keine entsprechenden Unterlagen existierten. Er habe auch mit der damaligen Kulturbürgermeisterin Eva Leipprand gesprochen. Wie auch schon gegenüber unserer Zeitung sagte Leipprand, dass sie sich nicht an derartige Zusagen seitens der Stadt erinnern könne.

Suche nach Ersatzgrundstück bisher ohne Erfolg

Die Siedleraktivisten sind seit einem Jahr auf der Suche nach einem neuen Grundstück. Das Liegenschaftsamt der Stadt fand in seinem Bestand keinen Ersatz. „Wir sind aktiv auf der Suche, bisher haben wir aber kein Grundstück gefunden“, so Jan Prochazka, einer der Siedler. Die SPD brachte zuletzt die Idee auf, dass auf dem ehemaligen Ledvance-Areal an der Berliner Allee Platz für eine derartige Siedlung sein könnte. Allerdings winkte das Baureferat schnell ab, weil der Bereich der Ansiedlung von Firmen vorbehalten bleiben soll.

Bauamtsleiter Sterz gibt zu bedenken, dass die Stadt bei der Ausweisung neuer Wohnbauflächen angesichts des Wohnungsmangels dem klassischen Wohnungsbau Vorrang geben werde. „Abgesehen davon haben Sie das Problem, dass in dem Moment, wo für ein Areal ein Baurecht zur Wohnnutzung ausgesprochen wird, der Grundstückspreis nach oben gehen wird“, so Sterz in Richtung der Siedler.

Anwalt Gröbmüller sieht aber weiterhin die Stadt dazu aufgerufen, sich um eine Lösung zu bemühen. Wie berichtet hatte die Stadt im Mai nämlich einen zweiten Bescheid zurückgenommen, der die Siedler nicht nur zum Auszug, sondern auch dazu verpflichtet hätte, die Häuser abzureißen. Weil aus dem Bescheid aber nicht klar hervorgeht, wer welche Hütte beseitigen muss (die heutigen Bewohner sind meist nicht die ursprünglichen Bauherren), kassierte die Stadt dieses Dokument freiwillig wieder ein. Allerdings, so Gröbmüller, könne der Stadt daraus ein Problem erwachsen, wenn die jetzigen Bewohner ausziehen und neue Siedler einziehen. In diesem Fall gehe das Spiel von vorne los.

Mehr zur Wilden Siedlung lesen Sie hier:

Lesen Sie dazu den Kommentar: Schade um die alternative Wohnform "Wilde Siedlung"

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

07.11.2019

So was von typisch für eine CDU regierte Stadt...

Permalink
07.11.2019

Mit der CDU gibt es keine Slums - gut so ;-)

Noch mal ohne Spaß:

Hier wird weiterhin unter dem verklärenden Begriff "alternative Wohnform" ein prekärer Standard vorgestellt. Für mich ist nicht vorstellbar, dass die damalige Regenbogenregierung Wohnformen ohne fließend Wasser und Abwasser fördern wollte.


Permalink
Das könnte Sie auch interessieren