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Intervention

20.02.2015

Die Energie strömt purpurrot

Wie ein Wurzelwerk schlängeln sich die purpurroten Stoffstränge der Arbeit „Santa Sangre“ der argentinischen Künstlerin Elizabeth Aro in der Moritzkirche vom Altar herab. Die Kunstinstallation begleitet die ganze Fastenzeit.
Bild: Michael Hochgemuth

In der Moritzkirche hat Textilkünstlerin Elizabeth Aro den Altarraum verändert. Ihre Arbeit heißt Santa Sangre und weckt Verknüpfungen mit Blutkreislauf und Blutsbande

Was schlängelt sich da beim Altar in der Citykirche St. Moritz entlang? Purpurrot leuchten die armdicken Stränge aus Samt und Brokat, darauf goldene Akanthusmuster. Meterlang ragen sie in den Kirchenraum hinein, laufen spitzig aus, als wäre es ein Wurzelwerk. Die argentinische Künstlerin Elizabeth Aro dachte jedoch eher an Adern. „Santa Sangre“ – Heiliges Blut nennt sie ihre textile Kunstinstallation zur Fastenzeit.

Unberührt lässt die Skulptur zu beiden Seiten des Altars sicherlich keinen Kirchenbesucher. Die einen werden fasziniert sein von diesem Energiefluss, die anderen eher irritiert von der raumgreifenden Intervention, für die sogar vier Kirchenbänke verkürzt worden sind. Zumal die rot-goldenen Stränge eine Seite des Altars bis über den oberen Rand bedrängen. Elizabeth Aro begreift die Stätte des Messopfers als das Herz, von dem ein pulsierender Lebensstrom ausgeht, der sich in den symbolischen Blutgefäßen vom Altar hinab in die christliche Gemeinde ergießt. Eine Allegorie sei es, eine sinnbildliche Deutung dessen, was sowohl im liturgischen Geschehen der Eucharistiefeier als auch im Unterbewusstsein der Gläubigen passiere, erklärt die Künstlerin.

Fastenzeit ist eine Zeit der Besinnung, ergänzt Michael Grau, der Kunstreferent der Moritzkirche. „Ich hoffe, dass die Installation auch zu einer persönlichen Reflexion verhilft, zu einer tieferen Einsicht unser selbst.“ Nämlich eine Besinnung auf die eigenen Kraftquellen, die persönlichen Blutbahnen. Und auf Bindungen. Denn Blutsbande begründen auch familiäre Verbindungen, die nie vergehen – „egal was du machst und wohin du gehst“ (Aro). Das gilt für die Familie im engeren Sinne genauso wie für die Kirche als Gottes Familie oder für die Menschheitsfamilie, der wir alle angehören.

Elizabeth Aros Kunstinstallation besteht aus 16 einzelnen Strängen, jede neun Meter lang. Genäht sind sie aus kostbaren Stoffen, die teils nach historischen Vorlagen in Manufakturen in Norditalien gewebt werden. Zum Teil sind sie golden bedruckt, zum Teil mit schattierten Mustern. Die Künstlerin, die in den vergangenen zehn Jahren in Italien arbeitete, knüpft an die barocke Kirchendekoration an. Betörende Sinnlichkeit wohnt der Textilarbeit inne, nicht nur der kräftigen Farbe wegen, sie übt auch einen unwiderstehlichen Reiz aus, die Oberfläche zu berühren, den Samt zu streicheln. „Aber bitte sehr vorsichtig!“, mahnt Elizabeth Aro. „Santa Sangre“ verstärkt die Dramaturgie des liturgischen Raumes, die Kirche wirkt wie eine Bühne. Gerade im harten Kontrast der minimalistischen Formensprache der Neugestaltung. Das Licht, das durch die Fenster in St. Moritz einfällt, verleiht dem Purpur hohe Intensität. Zumal die Sonne zu dieser Jahreszeit genau über den Altar wandert.

Provokation des religiösen Empfindens liege ihr fern, beteuert Elizabeth Aro. Heiliges Blut entspricht christlicher Ikonografie. Freilich: Der heilige Bezirk erfährt durch diese Installation eine Beeinträchtigung. Insofern stellt sie auch die aktuelle Frage nach der Freiheit der Kunst und den Vorgaben der Religion. Für Michael Grau steht fest: „Damit Religion lebendig ist, müssen wir auch jenseits der Grenzen gehen und Fragen stellen.“

ist St. Moritz täglich von 8.30 bis 19 Uhr. Zu sehen bis 1. April.

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