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Augsburg

14.10.2017

Die Fahrkarten, bitte! Kontrolleure berichten von ihren Erlebnissen

Fahrscheinprüfer Hüseyin hat schnell im Blick, welche Fahrkarte passt und welche nicht.
Bild: Silvio Wyszengrad

22 feste Fahrkartenkontrolleure und 18 Studenten sind für die Stadtwerke Augsburg im Einsatz. Dabei werden sie mit allerhand Situationen konfrontiert. Wie sie damit umgehen.

Wenn der große Mann mit dem gezwirbelten Schnauzbart die Straßenbahn betritt, dann wissen die meisten Fahrgäste schon, was los ist: Fahrscheinkontrolle. Und tatsächlich dauert es nicht lange, die Tram ist gerade am Königsplatz in Richtung Stadtbergen losgefahren, da sagt er auch schon: „Grüß Sie. Die Fahrscheine bitte.“ Was folgt, ist dasselbe Bild. Alle Fahrgäste beginnen in ihren Taschen zu kramen, holen ihre Geldbeutel aus der Hosentasche hervor oder das Ticket aus der Brusttasche ihres Hemdes.

Routine und Schnelligkeit sind gefragt

In der mittags gut besetzten Straßenbahn ist für die Fahrkartenkontrolleure alles geboten: Schülertickets, Campus Cards, Bayern-Ticket, ein Jahresticket von einem Menschen mit Behinderung, ein Familien-Ticket und Monatskarten werden Walter, Hüseyin und Numan – sie alle wollen ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen – vorgezeigt. Die Männer gehen routiniert vor und haben bald alle Tickets kontrolliert. Das ist wichtig. „Wir müssen schnell sein. Denn sobald wir uns zu erkennen geben, versuchen die Schwarzfahrer an der nächsten Haltestelle auszusteigen“, sagt Walter. Doch in dieser Tram fährt niemand ohne Ticket – es gibt dennoch Handlungsbedarf.

Zwei Schulbuben können nicht das richtige Ticket vorweisen. Jakob hat zwar seine Karo-Card dabei. Der Chip ist allerdings kaputt und kann vom Lesegerät nicht erfasst werden. „Kein Problem“, sagt Hüseyn freundlich und erklärt ihm genau, warum er ihn jetzt aufschreiben muss. „Die Karte muss erneuert werden. Deine Eltern sollen einfach die kommenden acht Tage zum Kundencenter der Stadtwerke an den Dom gehen“, sagt er und drückt ihm einen Ausdruck und einen Überweisungsträger in die Hand.

Bild: Silvio Wyszengrad

Schwarzfahren ist kein Kavaliersdelikt

Dort ist der Betrag von 60 Euro bereits verzeichnet. So viel werden fällig, wenn jemand in Augsburg beim Schwarzfahren erwischt wird. Jakob ist das nicht und seine Familie wird in der Folge sicherlich auch keine 60 Euro bezahlen müssen. "Uns ist das egal. Wer wie viel am Ende zahlen muss, entscheidet ohnehin das Kundencenter. Wir müssen die Überweisungsträger verwenden, weil wir dadurch eine Bearbeitungsnummer in unser Lesegerät einscannen können", sagt Walter. Diese Nummer ist wichtig. Darin wird der Vorgang gespeichert: die Nummer der Straßenbahn oder des Busses, das Fahrtziel, Uhrzeit und eine Beschreibung, was vorgefallen ist. Dadurch können die Mitarbeiter der Stadtwerke, die den Fall weiterbearbeiten, einschätzen, was passiert ist.

Es gilt aber auch als wichtige Informationsgrundlage vor Gericht. "Schwarzfahren ist kein Kavaliersdelikt. Wer zweimal in einem halben Jahr erwischt wird, der wird angezeigt", sagt Walter. Mehrmals im Monat müssten die Fahrscheinprüfer vor Gericht als Zeugen aussagen. Da sei die detaillierte Dokumentation hilfreich. "Die Stadtwerke haben 22 festangestellte Prüfer und 18 Studenten, die ebenfalls Fahrscheine kontrollieren.

"In Augsburg sind die Prüfer in Teams unterwegs", sagt Alois Bachmeir, Leiter des Prüfdiensts. Die Kontrolleure arbeiten in verschiedenen Schichten und decken so alle Zeiten ab, in denen die Stadtwerke ihre Fahrgäste transportieren – und auch das gesamte Gebiet. Der Eindruck, das am Monatsanfang oder zum Schul- und Semesterstart vermehrt kontrolliert wird, trügt. Die Prüfer sind jeden Tag unterwegs – auch an Sonn- und Feiertagen. "Einmal bin ich an einem Sonntag in eine Straßenbahn eingestiegen. Von den sechs Fahrgästen hatten fünf Personen keinen Fahrschein. Einer sagte, dass das gemein sei, das wir am Sonntag kontrollieren. Aber so ist es eben. Ich sagte, dass es gemein sei, dass er keinen Fahrschein habe", so Walter.

Bild: Silvio Wyszengrad

Rollenspiele in der Schulung helfen

62 Millionen Fahrgäste wurden im vergangenen Jahr von den Stadtwerken mit Bus und Tram transportiert. Die Schwarzfahrerquote ist konstant. Sie liegt bei zwei Prozent. Seit 2006 wurde der Prüfdienst neu organisiert, die Prüfer sind bei den Stadtwerken angestellt und werden regelmäßig geschult. "Jedes Vierteljahr gibt es von uns eine Schulung. Einmal jährlich kommt ein externer Trainer, der die Fahrprüfer zwei Tage lang schult", berichtet Team- und Ausbildungsleiter Peter Sailer.

Anhand von Rollenspielen werden verschiedene Situationen trainiert. "Wir versuchen immer, freundlich zu bleiben. Das klappt nicht immer. Manch ein Fahrgast reagiert aggressiv", sagt Walter. Erst diese Woche kam es bei einer Kontrolle zu einer Rangelei. Zwei Fahrkartenprüfer und zwei Fahrgäste waren nötig, um einen Schwarzfahrer zu bändigen. Sie hielten ihn fest, bis die Polizei kam. "Das dürfen wir. Zwei- bis dreimal im Jahr kommt es bei mir vor, dass Fahrgäste bei der Kontrolle ausflippen. Der Rest verhält sich eigentlich ganz ruhig", sagt Walter.

Er und seine Teamkollegen Hüseyin und Numan kennen ihre Kundschaft. Die "Zonenstempler" etwa, die kurz vor dem Zonenwechsel einsteigen und erst abstempeln, wenn sie die nächste Zone erreicht haben. In der 3-er Tram wird es in Richtung Stadtbergen ruhiger. Eine Frau hat zwar ihre Monatskarte, nicht aber ihre Kundenkarte dabei. Auf dem Weg zurück in die Innenstadt zeigt ein junger Mann, der nicht besonders gut Deutsch spricht, eine Schul-Monatskarte vor, die nur für den Bereich der Zone 20 gilt. "Sie sind hier im Bereich der Zone 10. Ihre Karte bringt hier nichts." Schließlich kramt der junge Mann noch eine Monatskarte hervor, die er sich zusätzlich gekauft hat, sie ist für Zone 10 und 20 gültig. "So zahlen sie aber zu viel", sagt der Kontrolleur. Er versteht das nicht.

Mit der Tarifreform wird sich vieles ändern. Im November beginnen die Schulungen für die Prüfer. Etwas wird sich wahrscheinlich nie ändern. Es wird immer Fahrgäste geben, die ohne Ticket unterwegs sind. "Es gab noch keinen Arbeitstag, an dem ich nicht jemanden aufgeschrieben habe", sagt Walter.

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