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Kirche

03.11.2016

Die Freizeit-Seelsorger

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Erich Josef Wagner (oben) und Thomas Gröpl sind ehrenamtlich als Diakone für die Kirche im Einsatz. Und das, obwohl sie mit Beruf und Familie eigentlich ausgelastet wären.

Thomas Gröpl und Erich Josef Wagner sind im Beruf und als Familienväter gefordert. Trotzdem haben sie sich als Diakone ausbilden lassen. Was bewegt die beiden?

Ein promovierter Medizinaloberrat im öffentlichen Gesundheitsdienst und ein MAN-Verkaufsleiter für USA und Indien – solche Männer würde man in ihrer Freizeit auf dem Golfplatz vermuten, im Lions-Club, vielleicht im Förderverein eines Kammermusikfestivals. Stattdessen haben Thomas Gröpl und Erich Josef Wagner zwei Jahre lang berufsbegleitend Theologie studiert und anschließend eine vierjährige Ausbildung zum Diakon absolviert. Jetzt wurden sie gemeinsam mit vier weiteren Männern im Augsburger Dom von Bischof Zdarsa zu Ständigen Diakonen geweiht.

Die beiden unterstützen nun die Pastorale der Pfarrgemeinden Zum Heiligsten Erlöser und St. Remigius, Zwölf Apostel und Heilig Geist. Für etwa sechs Stunden wöchentlich haben sie sich verpflichtet, ehrenamtlich, gegen eine kleine Aufwandsentschädigung. Was bringt erfolgreiche Männer im besten Alter dazu, auf diese Art für die Kirche tätig zu werden? Und wie lässt sich Seelsorge mit einem anspruchsvollen Vollzeitberuf und einer Familie unter einen Hut bringen?

„Das ist alles machbar, wenn man aus einer gewissen Ruhe des Glaubens schöpft“, erklärt Erich Josef Wagner. „Wenn man fest auf dem Boden und im Leben steht, aber sich auch ab und an zurückzieht zum Beten oder Meditieren, dann kann man daraus die nötige Kraft gewinnen, sich freizuschaufeln für die neue Aufgabe.“

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„Und in die wächst man hinein“, sagt Thomas Gröpl. „Aber es bleibt eine Herausforderung, Beruf, Familie und diakonalen Dienst in Harmonie zu bringen.“ In Gröpls Fall gehören zur Harmonie seine Frau, seine zweieinhalbjährige Tochter, die ärztliche Tätigkeit mit Schwerpunkt Krankenhaushygiene und Tuberkulosefachberatung für die Regierung von Schwaben – und zwei Islandpferde. Gerade in der heutigen Zeit beobachtet Gröpl, wie sich die Menschen nach etwas sehnen und es mit allen Kräften zu erlangen versuchen, es aber immer irgendwo anders und unerreichbar scheint – „dabei kann es hier und jetzt Realität werden, dadurch, dass man sich für Gott öffnet“.

Der Diakonat ist für Gröpl die logische Fortsetzung von 22 Jahren Engagement als Ministrant. Nun will er sich um Jugendthemen und junge Familien kümmern, denkt darüber nach, geistliche Angebote für Messdiener zu machen, um die Jugendlichen am Übergang vom Kinderglauben zur erwachsenen Spiritualität an die Hand zu nehmen.

Für Erich Josef Wagner bedeutet das Leben als Christ und nun als Diakon, dass „alles ineinander überfließt: Beruf, Familie, diakonales Wirken. Ich versuche, den Geist, mit dem ich Letzteres mache, überall mit hinzutragen. Wir unterstützen die Pfarrer da, wo es etwas mehr Zeit braucht, als diese im Einzelfall manchmal haben.“ Außer für Familie und Jugend möchte er sich in der Palliativ-Seelsorge engagieren. Dass Menschen sterben und leiden, auch Angst haben, zweifeln, Kritik üben an Gott und Kirche, gehört für die beiden neuen Diakone dazu – im Umgang mit anderen und auch für sich selbst.

Wagner ist Realist: „Für Diakone ist ja nicht plötzlich mit der Weihe der Heilige Geist da, sondern es ist ein lebenslanges Ringen, Glauben immer wieder spüren und erfahren zu können.“ Sein Weg begann ebenfalls mit gläubigen Augsburger Großeltern, er engagierte sich als Ministrant, in der Jugendarbeit und der Gemeindeband.

Besondere Momente hat Wagner nicht nur in seiner damaligen und jetzt in den neuen Gemeinden erlebt, deren Mitglieder er als besonders offen und engagiert empfindet, sondern auch bei ganz anderen Glaubensgemeinschaften. Er verkauft Web-Offset-Maschinen für den Zeitungsdruck in die USA, nach Kanada und Indien. Alle zwei Wochen reist er für etwa fünf Tage in diese Länder. Nach dem BWL-Studium hat er für dreieinhalb Jahre in Malaysia gelebt und gearbeitet und ist viel herumgekommen. „Ich habe buddhistische Tempel besucht und erlebt, wie in São Paulo in der Kirche getanzt wird, war bei den Mormonen in Salt Lake City und freue mich jedes Mal, wenn ich in New York bin, auf die Predigten von Kardinal Dolan und seine wahnsinnig lebendigen Messen in der St. Patrick’s Cathedral.“

Großen Rückhalt haben Wagner und Gröpl bei den Menschen ihres Umfelds erfahren. Ihre Arbeitgeber haben die Nebentätigkeit genehmigt, ihre Frauen sind die wichtigsten Ratgeberinnen, aber auch Kritikerinnen. Beide erzählen schmunzelnd, wie die Partnerinnen als erste die Predigt am Antrittswochenende lesen durften und ein paar Dinge aus dem Theologiestudium auf ein verständliches Maß geholt haben.

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