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Augsburg

15.03.2018

Die „Gäste“ spüren wohltuende Nähe

Dass alte Menschen in ihren letzten Tagen nichts mehr wahrnehmen, ist ein Trugschluss.
Bild: Matthias Becker

Erfahrene Hospizhelfer erzählen von ihren Begegnungen mit Sterbenden und dem Tod.  Mancher lernt sich dadurch selbst besser kennen.

„Wir haben viel geweint“, sagt die Besucherin des Informationsabends im St.-Vinzenz-Hospiz, „aber wir haben auch gelacht.“ Zwei Jahre ist es her, dass ihr Mann mit 68 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben ist und sie von ehrenamtlichen Hospizhelfern eine wertvolle Unterstützung in der Phase des Abschieds erfuhr. Sie weiß jetzt aus eigener Erfahrung, dass Angehörige die Belastung alleine gar nicht so auffangen können, weil sie „emotional zu stark involviert“ sind. Jetzt ist sie der Einladung in die Nebelhornstraße 25 gefolgt, um sich darüber klar zu werden, ob sie anderen die gleiche Art der Hilfe angedeihen lassen kann.

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Drei unterschiedliche Bereiche

„Wenn Sie den inneren Ruf verspüren mitzuarbeiten, würde uns das sehr freuen“, schickt Theologin und Palliativ-Koordinatorin Gudrun Theurer voraus, ehe sie mit drei ausgebildeten und erprobten Ehrenamtlichen von den Anforderungen der Hospizarbeit erzählt, die in drei unterschiedlichen Bereichen möglich ist. Annette Steinle etwa ist ambulant im Einsatz, besucht Schwerstkranke daheim. Rita Erbe besucht Altenheime, weil sie alten Menschen schon immer zugetan war. Rosemarie Panradl ist eine derer, die auf Station im Einsatz sind. Alle drei Frauen haben 2015 einen mehrmonatigen Kurs besucht und wurden 2016 „entsendet“.

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In Hochzoll, wo Bayerns erstes Hospiz neun sogenannte Gastzimmer unterhält, sind die Tage gezählt. Die Mitarbeiter freuen sich, womöglich schon im kommenden November ein neues Haus in der Oberhauser Zirbelstraße zu beziehen. Dort werde es 14 Gastzimmer geben – zumindest sind laut Theurer 14 genehmigt. Dennoch hat sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es 16 werden könnten.

Jeder Abschied ist speziell

Manchmal, so ist zu erfahren, sind es sehr kurze Begleitungen. So summierten sich die Fälle bei Rita Erbe innerhalb von zwei Jahren auf geschätzte 30 Sterbende, für die sie da war. „Eine gewisse Trauer“, sagen die Frauen, sei am Ende immer dabei. Schließlich habe man eine Verbindung aufgebaut. Dennoch sei jeder Abschied speziell, ja, individuell. Häufig sei man als Hospizhelfer sogar froh, wenn die Menschen gehen dürfen. „Wir können jederzeit eine Supervision haben“, so Annette Steinle, genutzt habe sie, wie auch ihre beiden Kolleginnen, dieses Angebot jedoch noch nicht. Denn wenn es manchmal auch schwer sei – an ihre persönliche Grenze sei sie noch nicht gekommen.

Das Leben mit dem nahenden Tod schildern Theurer und die drei Hospizhelferinnen als etwas Intensives und Bereicherndes. Denn die Menschen, denen sie auf deren letzter Etappe begegnen, seien „echt“, seien „authentisch“ und man lerne sich selber neu kennen. Dabei erinnert sich Annette Steinle insbesondere an die Erfahrungen eines Kursteilnehmers. Der habe durchaus damit gerechnet, neue Menschen kennenzulernen, habe dann aber jemanden getroffen, mit dem er nicht gerechnet hat: „Sich selbst“.

Eigene Küche im Haus

Mit einer weiteren Fehleinschätzung können die Frauen an diesem Abend aufräumen: Mit dem Trugschluss, dass alte Menschen ohnehin nichts mehr mitkriegen. „Nein, die spüren sehr wohl, wenn jemand bei ihnen ist“, versichert Rita Erbe. Gerade im Pflegeheim sei es deshalb schwer einzuschätzen, wann der richtige Moment für den Abschied gekommen sei. Rosemarie Panradl, die fast 45 Jahre hauptberuflich in der Krankenpflege tätig war, weiß, was es heißt, am Abend noch mit einem Patienten Kontakt gehabt zu haben und am nächsten Morgen sein Bett leer zu finden. Jetzt, nach zweijähriger Tätigkeit als Hospizhelferin kann sie sagen: „Ich bin ausgeglichener, ich bin ein anderer Mensch geworden.“ Doch auch, wenn es möglich ist, mit der Aufgabe zu wachsen, macht es nach Ansicht von Gudrun Theurer Sinn, sich vorzubereiten. Erfüllend sei es, den „Gästen“ das zuteilwerden zu lassen, was Gudrun Theurer als „Luxus“ bezeichnet: eine eigene Küche im Haus zu unterhalten. Denn das heißt, den Patienten das kochen zu können, auf das sie Appetit haben. Nicht selten ist das laut Hauswirtschaftsmeisterin Annette Steinle einfach Schoko-Pudding.

Hospizarbeit bedeutet heute, vor allem Lebensqualität zu ermöglichen, sagen die Ehrenamtlichen. Ehrlich gemeinte und achtsame Behandlung richte die Menschen in ihrer Not wieder auf. Doch der Luxus habe auch seinen Preis. Deshalb müsse das St.-Vinzenz-Hospiz fünf Prozent seiner Kosten durch Spenden selbst aufbringen. Im Jahr seien das bislang rund 500000 Euro. Und ohne den Einsatz ehrenamtlicher Helfer, da ist sie sich sicher, werden der Betrieb und die Qualität auch in Zukunft nicht gewährleistet sein.

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