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Augsburg

11.07.2019

Die Halle 116 in Pfersee öffnet sich

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2 Bilder
So sieht es im oberen Stockwerk der Halle 116 aus: eine endlose Betonflucht aus Fluren, Türen und wieder Fluren. Auf dem Boden ist roter, teils vergammelter und durchlöcherter Teppich verlegt.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Das Gebäude auf dem einstigen Kasernengelände in Pfersee soll zum Gedenkort werden. Am Wochenende gibt es noch einmal Ausstellungen und Führungen

Wie aus der Zeit gefallen ruht das 190 Meter lange, schmutzig-gelbe Gebäude mitten im schicken Sheridan Park. Zwischen Einfamilienhaus-Idylle, Bauhaus-Ambiente und ungemähten Blühwiesen mahnt es als steinerner Zeuge an Augsburgs Rolle im Krieg, an Wehrmacht, SS und an die Jahrzehnte, in denen die Amerikaner auf dem Areal stationiert waren. Auf den zehn massiven Holztoren an der Längsseite blättert bunte Farbe.

Halle 116 soll authentisch saniert

Das bleibt auch so. Denn nach langen Bemühungen unter anderem der Bürgeraktion Pfersee, der Universität sowie des Verbandes der Sinti und Roma hat es die Halle in diesem Jahr in den Haushalt der Stadt geschafft. Die Halle wird von der Augsburger Gesellschaft für Stadtentwicklung (AGS) in den Besitz der Stadt übergehen, gewerbliche Nutzung eines Teils des Gebäudes ist baurechtlich ausgeschlossen worden. Das Haus soll nicht „schön“, sondern historisch authentisch saniert werden, wie Reinhold Forster, Gründer der Augsburger Geschichtsagentur, erklärt. Er führte am Wochenende durchs Haus. Anlass ist eine Veranstaltungsreihe der Fachstelle für Erinnerungskultur, die die Augsburger auf den Weg zur Entwicklung dieses vielschichtigen Ortes mitnehmen soll.

Insgesamt sieben bestehende Ausstellungen zur NS- und Amerika-Geschichte am Lech wurden hierfür zu einer Gesamtschau zusammengezogen. Führungen durch die Schau sowie durchs Haus entlang der Spuren, die Wehrmacht, SS, Zwangsarbeiter und das Werkstattzentrum der US-Armee zwischen 1945 und 1998 hinterlassen haben, werden am kommenden Wochenende nochmals angeboten.

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Amerika-Ausstellung in einem Schott

In der unteren Halle sind Exponate des Architekturmuseums zu Augsburger NS-Architektur, Forschungsergebnisse der Geschichtsagentur zum Messerschmitt-Komplex sowie Tafeln zur Geschichte Augsburger Sinti- und Roma-Familien während und nach der NS-Verfolgung zu sehen. In einem der zehn Schotts hat die Universität Augsburg Bilder ihrer Amerika-Ausstellung aufgebaut, darunter sind mehrere gut restaurierte amerikanische Oldtimer zu besichtigen.

Wie bei einer Zwiebel häuten sich an diesem Ort 80 Jahre Augsburger NS- und Lokalgeschichte. Wie überall im Reich begann die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) auch in Augsburg schon früh mit Wiederaufrüstung und Kriegsvorbereitungen. Der Block, der heute als Halle 116 bekannt ist, entstand 1937, kurz bevor Willy Messerschmitt in Haunstetten die Messerschmitt AG gründete. Die Halle im Erdgeschoss war in zehn Schotts unterteilt, in denen die Luftnachrichtenkaserne ihre Fahrzeuge parkte und wartete. Im ersten Stock, so vermutet Historiker Reinhold Forster, erhielten zu dieser Zeit die ersten Augsburger Rekruten nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht eine Art Grundausbildung. Die Gesamtfläche des Baus beträgt 7000 Quadratmeter.

Als 1944, auf dem Höhepunkt des Krieges, die Messerschmittwerke und die Zwangsarbeiterbaracken in Haunstetten bombardiert worden waren, begann der Rüstungskonzern mithilfe der SS, Produktion und Häftlingsunterkünfte vorsichtshalber zu dezentralisieren. Die Wehrmacht stellte der SS die Halle zur Verfügung.

200 Zwangsarbeiter pro Schott

Die SS verlegte etwa 2000 Zwangsarbeiter in die zehn Schotts des Gebäudes, 200 pro Schott. Die meisten waren aus Osteuropa verschleppte Jugendliche, wie Forster herausfand. Auf den Listen trugen sie die Vermerke „Schutzhäftlinge jüdischer Abstammung“ (Sch), „Psychisch Sicherheitsverwahrte“ (PSV) oder „Arbeitszwang reich“ (AZR), also „arbeitsscheu“. Bei den Recherchen zu den Namen und Biografien fiel ihm eine Zeichnung von dem Haus in die Hände. Ein Häftling hatte die Tore und den Appellplatz vor dem Gebäude mit Bleistift festgehalten, auf dem die SS die öffentlichen Prügelstrafen und andere Züchtigungen vornahm. Heute parken dort Autos. Forster stieß auch auf den Augenzeugenbericht eines Rekruten, der in einem Bericht vermerkte, dass ihm im Treppenhaus ausgemergelte, kranke Gestalten begegneten.

Erstmals schloss Forster bei seiner Führung am vergangenen Wochenende auch das obere Stockwerk für die Öffentlichkeit auf. Eine endlose Betonflucht aus Fluren, Türen und wieder Fluren. Roter, teils vergammelter oder durchlöcherter Teppich, noch von den Amerikanern. Die Luft riecht nach Staub. Erst vor ein paar Monaten räumte die Wohnbaugruppe, die von hier aus die Neubauten des Sheridan-Areals vermarktet hatte, einen Teil der Räume. An einigen Stellen hat sie bereits Löcher in Putz und Rigipswände bohren lassen, um das Innenleben auf Pestizide und anderes untersuchen zu lassen.

Augsburger Kulturamt bereitet Ausstellung vor

Die Planung für die zukünftige Nutzung des Gesamtkomplexes ist noch in der Ideenfindung. Derzeit laufen laut Kulturamt die Vorbereitungen für eine neue Interimsausstellung, die im nächsten Jahr eröffnet werden soll. Außerdem sei eine Wanderausstellung des Anne-Frank-Zentrums im Gespräch. Forster selbst, der von der Stadt mit den Forschungen zur Halle 116 beauftragt ist, kann sich vorstellen, dass im ersten Stock eine Außenstelle der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit einzieht.

Das „Newseum“ soll Konzepte gegen Fake News und radikalisierte Kommunikationen im Internet erarbeiten, wie Ministerpräsident Markus Söder im letzten Sommer bei einem Besuch im Augsburger Rathaus angekündigt hatte.

Informationen zum aktuellen Programm in der Halle 116 gibt es im Internet unter dem Link https://www.augsburg.de/kultur/erinnerungskultur/halle-116/.

Lesen Sie dazu auch: So könnte die Zukunft der Halle 116 aussehen

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