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Augsburger Geschichte

06.04.2017

Die „Mohrenkopf“-Tragödie

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3 Bilder
Sein Doppelanwesen am Predigerberg ließ der damalige Wirt und Besitzer des Gasthofs zum Mohrenkopf, Johann Friedrich Mußbeck, um 1860 auf seinem Briefbogen abbilden.
Bild: Sammlung Häußler

Die jüdische Besitzerin des Gasthauses wurde 1939 zum Verkauf an die Stadt Augsburg gezwungen. Buch und Ausstellung über das Familienschicksal sind in Vorbereitung.

Das „Augsburg-Album“ löst des Öfteren Reaktionen bei Lesern aus. Das war auch bei „Bälle und Feste im Mohrenkopf“ (27. Oktober 2016) der Fall. Es ging dabei um die Geschichte des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Anwesens Predigerberg 9. Es war die Adresse des Gasthofs zum Mohrenkopf und einer Eisenwarenhandlung. Seit 1962 befindet sich auf dem Areal zwischen Predigerberg und Dominikanerkirche (Römisches Museum) ein Berufsbildungszentrum.

Kurz nach Erscheinen der „Album“-Geschichte konnten die Kunstsammlungen einen kleinen Stich mit der Abbildung des „Mohrenkopfs“ um 1860 erwerben. Er zierte den Briefbogen des damaligen Wirtes Johann Friedrich Mußbeck. Dazu passend fand sich eine Einladung von Mußbeck zum „Katharinen-Ball“ am 21. November 1858.

Als Pflegekind bei einer Bauernfamilie

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Die „Mohrenkopf“-Geschichte kam auch in die Hände des Allgäuer Autors und Filmemachers Leo Hiemer. Seine jüngsten Filme: „Heimat unter Strom“, „Daheim sterben die Leut“ und „Komm, wir träumen“. Leo Hiemer drehte 1994 den mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichneten Kinofilm „Leni … muss fort“. Dieser Film hat das grausame Schicksal des im März 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau ermordeten fünfjährigen Mädchens Gabriele Schwarz zum Inhalt. Es lebte als Pflegekind bei einer Bauernfamilie in Stiefenhofen und war eine Enkelin der Jüdin Anna Schwarz, der einstigen Besitzerin des Anwesens Predigerberg 9 in Augsburg.

Die Geschichte der jüdischen Familie Schwarz ließ den Filmemacher Leo Hiemer nicht mehr los. Er nahm 2008 die Recherchen wieder auf. Jetzt liegt das Manuskript für ein Buch, Dokumente und Bilder für eine Ausstellung vor. Seine Nachforschungen ergaben, dass der aus Steppach stammende Jude Joseph L. Schwarz 1891 das Areal Predigerberg 9 (damalige Anschrift: Litera A 72/73) kaufte. Der Kaufmann richtete in einem Teil des Doppelanwesens im Erdgeschoss eine Eisenwarenhandlung ein. Seine Söhne Carl und Heinrich Schwarz führten sie weiter. Die Wirte des Gasthofs zum Mohrenkopf waren in der Folgezeit nur mehr Pächter.

Anna Schwarz nahm sich das Leben

„1939 erwarb die Stadt Augsburg die Gebäude von der Witwe Anna Schwarz zum Einheitswert“, heißt es in Leo Hiemers Buchmanuskript. Anna Schwarz war die Witwe von Carl Schwarz, der 1926 verstorben war. 1894 hatten sie geheiratet. Drei Töchter – Emilie, Johanna und Charlotte – kamen zur Welt. Nach dem Hausverkauf nahm sich Anna Schwarz am 20. September 1939 das Leben.

Als Jüdin durfte sie nur über wenige hundert Reichsmark verfügen. Das reichte kaum, um künftig ihr Leben zu bestreiten, und schon gar nicht, um ihre Töchter Johanna und Charlotte bei der verzweifelten Suche nach einer Möglichkeit zur Emigration aus Nazi-Deutschland finanziell zu unterstützen. Beide wurden 1941 in ein Konzentrationslager deportiert und 1942 ermordet. Das Schicksal von Charlottes 1937 geborener Tochter Gabriele bildete für Leo Hiemer den Stoff für seinen Film „Leni … muss fort“.

Die Wiedergutmachungsbehörde stellte nach dem Zweiten Weltkrieg fest, es habe sich 1939 um keinen normalen Kaufvertrag gehandelt, sondern um eine Entziehung jüdischen Vermögens im Rahmen der Arisierungspolitik der Nationalsozialisten. Die Stadt Augsburg einigte sich daraufhin mit den Erben auf eine Entschädigung für den Zwangsverkauf. 1939 hatte Anna Schwarz’ Tochter Johanna noch eine Postkarte vom „Mohrenkopf“ versandt, auf der sie ihrem Sohn René schrieb, er werde dereinst „den ollen Mohrenkopf“ erben. Die Karte trägt den Aufdruck: „Historische Gaststätte zum Mohrenkopf / Augsburg, Predigerberg A 72-73. In diesen Räumen feierte Elias Holl, der berühmte Baumeister, Erbauer des Augsburger Rathauses, im Jahre 1595 seine Hochzeit mit Maria Burkhartin“.

Gewölbter Keller und feiner Garten

In einer Holl-Biografie heißt es dazu: „Am 2. Mai 1595 fand die Trauung mit Maria Burkhart in St. Anna statt. Das Hochzeitsmahl hielt man bei Martin Kollinger. Fast ein halbes Jahrhundert vorher hatte Hans Holl (Vater von Elias Holl) dessen großes Wirtshaus gebaut, mit gewölbten Kellern, einem großen Hof und einem feinen Garten, nicht weit vom Wohnhaus des jungen Brautpaars entfernt. Es war 1554 der erste große Auftrag des jungen Meisters gewesen.“ Elias Holl lebte bis 1618 im Elternhaus an der Ecke Bäckergasse/Werbhausgasse, in dem er 1573 geboren war.

Der „Mohrenkopf“ war bis zu seiner Zerstörung 1944 in die Häuserzeile an der Nordseite des Predigerbergs eingefügt. Gebäude des einstigen Dominikanerklosters schlossen sich in Richtung Dominikanergasse an. Darin war jahrzehntelang die städtische Armenpflege untergebracht. Fotos und Bildpostkarten überliefern die bauliche Situation. Die einstigen Klostergebäude wurden im Februar 1944 teilzerstört. Nur ein Rest unmittelbar an der Kirche blieb bewohnbar. Dort steht jetzt die Turnhalle des Berufsbildungszentrums.

Völlig zerbombt wurden alle Bauten des seit 1939 in Stadtbesitz befindlichen Anwesens Predigerberg 9: der „Mohrenkopf“, die seit 1926 von Josef Stangl betriebene Eisenwarenhandlung und ein zugehöriges Rückgebäude mit Mietwohnungen. Nach der Trümmerräumung kaufte die Stadt die leeren Flächen drumherum und errichtete 1960 bis 1962 auf dem zu einem einzigen Grundstück vereinten großen Areal ein Berufsbildungszentrum.

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Wer frühere Folgen des Augsburg-Albums nachlesen will, kann das unter www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album tun.

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