Geschichte

09.11.2013

Die Nacht des Terrors

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6 Bilder
Die Postkarte zeigt die neu erbaute Synagoge. Sie war zwischen 1913 und 1917 nach Plänen der Architekten Fritz Landauer und Heinrich Lömpel errichtet worden, die auf der Postkarte vermerkt sind.
Bild: Foto: Sammlung Häußler

Vor 75 Jahren verwüsteten Nationalsozialisten die Synagoge. Davon berichten zahlreiche Augsburger Juden wie der Sohn des damaligen Rabbiners, Walter Jacob, oder die Fürsorgeschwester Sophie Dann

Jetzt richtete sich die braune Gewalt gegen die jüdischen Gotteshäuser, im ganzen Land, auch in Augsburg. Anders als in manch anderer Stadt brannte in Augsburg die Synagoge aber nicht aus. Um angrenzende Gebäude zu schützen, löschte man den Brand. Dennoch gab es auch hier in den Tagen nach dem Pogrom eine Welle von Gewalt und Schikanen gegen jüdische Menschen. Das alles ist jetzt 75 Jahre her. Eine lange Zeit, die es manchem Nachgeborenen schwer macht, sich die Ereignisse zu vergegenwärtigen. Darum soll an dieser Stelle von Menschen erzählt werden, die vor 75 Jahren den Nazi-Terror erleiden mussten.

Die Gestapo legte seinem Vater einen Selbstmord nahe

„Die Synagoge stand in Flammen, der Innenraum war zerstört“, so erinnert sich Walter Jacob. Der Sohn des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob war damals acht Jahre alt. Seinem Vater, so berichtet er, habe die Gestapo zuerst nahe gelegt, Selbstmord zu begehen. Dann wurde Ernst Jacob mit allen männlichen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde ins KZ Dachau verschleppt, wo er bis Januar 1939 inhaftiert war. Der Familie Jacob gelang anschließend die Flucht in die USA. Walter Jacob, der selbst Rabbiner geworden ist, wird bei der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Pogromnacht in der Synagoge sprechen.

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Auch Sophie Dann hat in ihrem Tagebuch festgehalten, wie die Synagoge verwüstet wurde. Die Tochter einer angesehenen jüdischen Familie war Fürsorgeschwester der jüdischen Gemeinde und hatte viel an der Halderstraße zu tun. Denn je aggressiver die jüdischen Augsburger aus der Gemeinschaft der Bürger ausgegrenzt wurden, desto mehr war die Synagoge zu ihrem Zufluchtsort geworden. Die jüdische Gemeinde betrieb dort einen Kindergarten, später auch eine einklassige Schule. Nach der Pogromnacht konnte man in der verwüsteten Synagoge keinen Gottesdienst mehr abhalten; er fand in der kleinen Synagogeander Ulmer Straße statt, die verschont geblieben war. In der großen Synagoge fanden viele jüdische Familien, die aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, notdürftig Unterkunft. Die Gemeinde richtete eine Kleiderkammer, die Wohlfahrtsstelle und einen Speiseraum für ihre verarmten Mitglieder ein. Das Ritualbad, die Mikwe, wurde zum Gemeindebad umfunktioniert.

Erzwungener Verkauf

Benno Arnold (1876-1944) war 1938 der Zweite Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Er versuchte, das Leben der nach der Pogromnacht in der Synagoge zusammengepferchten Menschen zu erleichtern. Arnold hatte mit seinen Brüdern die väterliche Textilfirma Kahn&Arnold am Sparrenlech geleitet. Schon Anfang 1938 hatten die Nationalsozialisten ihn gezwungen, das Unternehmen zu verkaufen. 1939 übernahm Arnold die Leitung der jüdischen Gemeinde, zusammen mit Josef Hermann. Benno Arnold wurde 1942 mit seiner Frau Anna nach Theresienstadt deportiert; beide überlebten nicht. Auch Josef Hermann und seine Frau Cilli sowie die Töchter Margot und Trude wurden deportiert; sie starben im Getto Piaski. Benno Arnolds Bruder Arthur wurde im KZ Dachau ermordet, seine Brüder Alfred und Berthold konnten emigrieren.

Als sozial engagiertes Gemeindemitglied hatte Benno Arnold im Jahr 1937 das Jüdische Altersheim in der Frohsinnstraße 21 eingerichtet. Nach dem Pogrom befahlen die Nationalsozialisten, das Heim binnen 48 Stunden zu räumen. Sophie Dann, die Fürsorgeschwester, berichtete, wie verstört die betagten Bewohner waren, wie fieberhaft man nach behelfsmäßigen Unterkünften suchte, wie ihr einige aus den Schulen ausgestoßene jüdische Mädchen halfen, die Habseligkeiten der alten Menschen zu packen. Die Bewohner quartierte man bei jüdischen Familien oder in den „Judenhäuser“ genannten Zwangsunterkünften ein. Fast alle Bewohner des Altersheims wurden später deportiert und kamen in den KZs Theresienstadt oder Auschwitz ums Leben. Sophie Dann (1900-1993) konnte emigrieren.

Auch eine andere Einrichtung der Jüdischen Gemeinde griffen die Nationalsozialisten am 9. November an: Beth Chaluz, das „Haus der Pioniere“ in der Armenhausgasse B 121a. Dort lebten 36 Männer und neun Frauen, junge Menschen, die sich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiteten. Noch in der Pogromnacht wurden 33 junge Männer in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau gebracht, wo sie bis kurz vor Weihnachten 1938 inhaftiert waren. Aber nicht nur die jungen Leute aus dem Beth Chaluz wurden verhaftet – insgesamt kamen über 100 jüdische Augsburger in diesen Tagen ins KZ. Henry Stern, der mit seiner Familie aus Augsburg in die USA fliehen konnte und diese Woche in seiner alten Heimatstadt zu Besuch ist (wir berichteten), war am 9. November 1938 elf Jahre alt. Er erzählt: „Es klingelte an der Tür und beklommen öffnete ich und da standen mir zwei Männer...gegenüber... Sie fragten nach meinem Vater. Meine Mutter hat sie als Gestapomänner erkannt, die den Auftrag hatten, meinen Vater zu verhaften.“

Terrorisiert wurden in der Nacht des 9. November 1938 auch jüdische Geschäftsleute, denen die SA- und SS-Leute die Schaufenster zerschlugen (daher der beschönigende Name „Kristallnacht“) und plünderten. Wer es noch nicht getan hatte, war jetzt gezwungen, sein Geschäft zu verkaufen – weit unter Wert. Anfang 1939 gab es in Augsburg nur noch einen einzigen jüdischen Gewerbebetrieb: die Gaststätte Bollack, die Pauline, Josefine und Rosa Bollack im Kaufhaus Landauer am Königsplatz führten – nur noch bis Oktober 1939.

Das Kaufhaus Landauer hieß zu dieser Zeit schon Zentralkaufhaus und war von der jüdischen Familie Landauer unter Druck an Albert Golisch und zwei Mitinvestoren verkauft worden. Ähnliche „Arisierungen“ hatten auch andere jüdische Unternehmer um ihren Besitz gebracht – zum Teil schon lange vor dem Pogrom im November 1938.

Der Architekt lebte bereits in London

Landauer – das ist auch der Name des Erbauers der Augsburger Synagoge. Im November 1938 lebte Fritz Landauer (1883-1968) bereits in London. Der Sohn eines jüdischen Augsburger Textilfabrikanten hatte mit dem Bau der Synagoge in Augsburg großes Renommee in der deutschen Architektur gewonnen. Nach 1933 bekam er jedoch keine Aufträge mehr, und er emigrierte nach London, wo er freilich beruflich nie recht Fuß fassen konnte. Von der Verwüstung „seiner“ Augsburger Synagoge wird Landauer im Exil sicherlich erfahren haben.

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