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Region Augsburg

23.02.2018

Die Tafeln sind am Limit

Schwer sind die Kisten mit frischem Obst und Gemüse, die die Ehrenamtlichen der Tafel-Vereine den bedürftigen Menschen bereitstellen.
Bild: Anne Wall (Archiv)

Die Tafeln versorgen die Menschen mit Lebensmitteln, die in Armut leben - auch in Augsburg. Doch die Hilfseinrichtungen haben große Zukunftssorgen.

Jede Woche versorgt die Tafel in Augsburg rund 4500 Menschen einmal pro Woche mit Lebensmitteln. Vor zwei Jahren feierte die soziale Einrichtung 20-jähriges Bestehen und ist damit eines der ältesten Mitglieder des , der in dieser Woche 25 Jahre alt wurde. Die Aufgaben werden mehr. Vor allem während des Flüchtlingsansturms hatten die Tafeln mit großen Herausforderungen zu kämpfen.

Fritz Schmidt, Vorsitzender der Tafel in Augsburg, berichtet: „Die Kunden kommen nach wie vor aus allen Schichten der Gesellschaft, jedoch stieg die Zahl der zu Versorgenden vor zwei Jahren um 1000 Kunden aufgrund der Flüchtlingskrise.“ Die Situation habe sich aber wieder eingependelt, weil viele Asylbewerber, die in den großen Erstaufnahmeeinrichtungen in Augsburg untergebracht waren, später in andere Städte verteilt wurden.

Andere blieben weg, weil sie mit den angebotenen Lebensmitteln nichts anfangen konnten. Das war nicht das einzige Problem in dieser Phase. Von der Bundestafel bekamen alle Einrichtungen Plakate, welche die in den Mittelpunkt stellen. Denn einige Stammkunden hätten Angst gehabt, durch den großen Andrang der Flüchtlinge weniger abzubekommen. Mittlerweile sieht es anders aus: Einige Flüchtlinge helfen sogar selbst bei der Tafel mit.

Alltag ist jedoch nicht der große Flüchtlingsansturm. Laut Schmidt sind es vielmehr immer ähnliche Schicksale: Rentner, Alleinerziehende und andere Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Ingrid Engstle, Vorsitzende der Tafel Mering, erklärt: „Ein großes Problem sind ungeplante Ausgaben wie die Neuanschaffung einer Waschmaschine.“

Tafeln: 13,4 Millionen Menschen leben unter Armutsgrenze

Vor Kurzem feierte die Einrichtung zehnjähriges Bestehen. Engstle sieht die Aufgabe der Tafeln vor allem darin, Menschen zu ermöglichen, Geld für größere Anschaffungen, aber auch Ausflüge ins Kino oder Theater zu ermöglichen. Einige Klienten können ihr zufolge jedoch gar nicht an Sparen denken. Sie sind auf die Essensspenden angewiesen.

Das untermauern Zahlen der EU-Statistikbehörde „Eurostat“. Im Jahr 2015 waren demzufolge 13,4 Millionen Menschen in Deutschland von Armut bedroht. Ihr Durchschnittseinkommen lag mit 719 Euro pro Monat um 30 Prozent unterhalb der Armutsgrenze von 1033 Euro. Laut Engstle rutschen Arbeitnehmer oft durch die Abwanderung von Firmen ins Ausland in die Arbeitslosigkeit. Viele Menschen kämen zur Tafel, um die Bearbeitungszeit von Anträgen auf Sozialleistungen zu überbrücken, weil in dieser Zeit kein Geld fließt und sie nichts Erspartes haben. Mittlerweile versorgt die Meringer Tafel jede Woche rund 200 hilfsbedürftige Personen.

Zuhören ist so wichtig wie Lebensmittel verteilen

Auch die Tafel in Neusäß kann schon auf eine zehnjährige Geschichte zurückblicken. Dort hat man einen kleinen Café-Bereich eingerichtet, der den Kunden Raum für Gespräche bietet. Vorsitzende Sabine Zimmermann weiß: „Ein offenes Ohr für Probleme ist den Menschen mindestens genauso wichtig wie die Lebensmittel.“

Die Klienten erhalten im Wartebereich eine wärmende Tasse Kaffee. Unter den Hilfsbedürftigen ist auch der ein oder andere Augsburger. „Wir kontrollieren die auswärtigen Empfänger, so dass sie nicht bei mehreren Tafeln Lebensmittel abholen“, erklärt Zimmermann. Denn eigentlich muss man im eigenen Wohnort zur Tafel gehen.

Die Versorgung mit Lebensmitteln ist bei allen Tafeln ausreichend, im Winter herrscht jedoch häufig ein Mangel an frischem Obst und Gemüse. „Es kommt vor, dass eine Stunde vor Schluss der Essensausgabe kein einziger Apfel mehr übrig ist“, schildert Engstle die Situation. Sie würde sich wünschen, von Spendengeldern frische Waren dazu kaufen zu können, was die Bundestafel jedoch intern verbiete. Die Spenden dürfen nur in den Eigenbedarf der Tafeln fließen, zum Beispiel in die Einrichtung vor Ort.

Ehrenamtliche Tafel-Mitarbeiter sind häufig Rentner

Möglich ist diese Art der Sozialhilfe nur durch die zahlreichen Ehrenamtlichen. Dies sind häufig Rentner, wodurch Schmidt die Zukunft der Tafel gefährdet sieht: „Wir sind zurzeit am Limit, es ist für ein Ehrenamt einfach zu viel Arbeit.“ Viele unterschätzen seiner Meinung nach, wie anstrengend die Arbeit bei der Tafel ist.

Abholer müssen Kisten mit einem Gewicht zwischen zehn und 25 Kilogramm schleppen. Man benötige Menschen, auf die man sich verlassen kann, da sonst der Ablauf nicht funktioniert. Diese Verbindlichkeit können laut Schmidt junge Helfer häufig nicht einbringen, weil das Ehrenamt mit Arbeitszeiten und familiären Aufgaben kollidiert. Bundesweit versucht die Tafel, dieses Problem zu lösen und Abläufe anders zu organisieren, so dass Berufstätige die Möglichkeit haben, am Wochenende zu helfen.

Engstle sieht die Zukunft der Tafeln nicht gefährdet: „Ich würde mich freuen, wenn keine Tafeln gebraucht würden und Supermärkte nichts wegschmeißen müssten, aber das bleibt wohl eine Wunschvorstellung.“ Ihr zufolge muss sich vor allem politisch etwas ändern, so dass Bedürftige von ihren Sozialleistungen etwas ansparen können, um in Notsituationen über die Runden zu kommen. 

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