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Augsburg

06.03.2019

Die Wasserschützer vom Hanreibach

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3 Bilder
Hans-Georg Wurm (links) und Karl Ketterl holen am Hanreibach Plastikmüll aus dem Rechen des Kraftwerks.

Eine neue Schutzgemeinschaft macht sich Sorgen um den Müll in Augsburger Kanälen. Die Mitglieder fischen Plastik aus dem Wasser und versuchen, die Bürger aufzuklären. Die Stadt sieht kein Problem

Hans-Georg Wurm macht sich Gedanken um den Schutz der Weltmeere. Der Augsburger Physiker sieht mit Sorge, wie viel Plastik jeden Tag in die Meere und damit letztendlich auch in den Nahrungskreislauf gelangt. Und deshalb sammelt er, wann immer er Zeit findet, Bonbonpapier, Plastiktüten und auch mal einen Fernseher aus dem Hanreibach auf. Hans-Georg Wurm ist Mitglied der Schutzgemeinschaft zur Reinhaltung der Gewässer und Kanäle in Augsburg. Und weil im Umweltschutz Taten zählen, trifft sich der 69-Jährige mehrmals die Woche mit dem Lechhauser Kraftwerksbetreiber Karl Ketterl und hilft ihm, den angeschwemmten Zivilisationsmüll aus dem Rechen der Anlage zu fischen.

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Die Schutzgemeinschaft geht auf Initiative von Karl Ketterl zurück. Seit mehr als zwölf Jahren holt er allen Müll aus dem Wasser, der an seinem privaten Kraftwerk angeschwemmt wird. Mit der Schutzgemeinschaft will er einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung bewirken und auf Stadt und Freistaat einwirken, mehr für den Gewässerschutz zu unternehmen. Denn fast fünf Kubikmeter Zivilisationsmüll, der sich alleine an seiner Anlage jedes Jahr sammelt, seien zu viel.

Rund 40 Kraftwerksbetreiber erzeugen in Augsburg Strom an den Kanälen

Rund 40 Kraftwerksbetreiber erzeugten in Augsburg an den Kanälen Strom, heißt es aus dem Baureferat. Allerdings sei der Müll in den städtischen Kanälen kein großes Thema mehr. Während der jährlichen Ablässe wird auch der Unrat abtransportiert. In den 70er-Jahren waren das noch zehn Lastwagenladungen voll. Zehn Mitarbeiter und ein Bagger waren damals im Einsatz. Heute sei die Müllbeseitigung ein untergeordnetes Ziel der Bachablässe. Große Gegenstände, die zu Abflusshindernissen werden könnten, würden ganzjährig entnommen.

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„Man muss zwischen zufälliger und absichtlicher Verunreinigung unterscheiden“, erklärt er. Zufällig sind Coladosen, Einkaufstüten und Zigarettenschachteln, die Wind und Regen von der Straße in die Augsburger Kanäle bringen. Doch wesentlich größer sei das Problem mit Anwohnern, Bauarbeitern oder Gaststätten, die absichtlich ihren Müll in den Kanal kippen. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, so die Erfahrung des Kraftwerkbetreibers. „Wenn Sie falsch parken, kann man das zuordnen, und Sie bekommen einen Strafzettel“, sagt Ketterl. „Wenn Sie Müll ins Wasser werfen und nicht zufällig beobachtet werden, bleiben Sie fast garantiert ungeschoren“, ärgert er sich.

Illegale Müllentsorgung kostet bis zu 50000 Euro

Ordnungswidrigkeitsverfahren, weil jemand seinen Müll in die Kanäle geworfen hat, seien selten, heißt es aus dem Umweltreferat. Zu schwierig sei der Nachweis. Wenn jemand erwischt wird, kann es aber teuer werden. Bis zu 50000 Euro kostet die illegale Müllentsorgung.

Gerade hat Karl Ketterl große Mengen an Styroporkügelchen aus dem Hanreibach geschöpft. Vermutlich sind sie Hinterlassenschaften einer Baustelle bachaufwärts. Solcher Dreck belaste das Wasser erheblich, sagt Ketterl. So seien seit einiger Zeit die Fische, die sich sonst am Kraftwerk tummeln, verschwunden. „Ob das am Styropor oder etwas anderem liegt, kann ich nicht sagen“, erklärt Ketterl.

Das Problem ließe sich nur lösen, wenn die Bevölkerung konsequent über das Müllproblem aufgeklärt werde – am besten schon in den Schulen. Es seien fast immer direkte Anlieger, die den Dreck ins Wasser werfen. Wenn in Klein-Venedig eine Wohnung geräumt wird, hängt kurz darauf ein altes Fernsehgerät im Rechen. Bei manchen Firmen ließe sich ein Muster feststellen. „Wenn einmal etwas angeschwemmt wird, kann das ein Versehen sein – 15-mal ist sicher Absicht.“ Ketterl sammelt fleißig Etiketten, um vielleicht einmal einen Übeltäter überführen zu können.

Müll aus Augsburg landet im Schwarzen Meer

Doch zum Schutz der Meere müsse mehr geschehen, sind sich die Mitglieder der Schutzgemeinschaft einig. Rund 4,2 Tonnen Plastik schwimmen jeden Tag ins Schwarzen Meer – Müll, der über die Kanäle, Lech und Donau auch aus Augsburg stammt. Wenn Schwemmgut am Kraftwerk ankommt, habe jeder Betreiber die Möglichkeit, es einfach weiterzuleiten, so Ketterl. Nur wenn er es mit seinem Rechen abfängt, mache er es sozusagen zu seinem Problem und müsse es dann auch entsorgen. „Das machen die wenigsten“, glaubt er. Deshalb versucht die Schutzgemeinschaft gerade, eine Änderung des Wasserwirtschaftsgesetztes zu erwirken. Die Kraftwerke sollen verpflichtet werden, allen Dreck, der bei ihnen ankommt, auch zu entnehmen. „Natürlich muss es dafür dann eine Entschädigung geben“, schlägt Ketterl vor. Angesichts der großen Bedeutung der Kanäle für Augsburg und wegen der Bewerbung zum Unesco-Weltkulturerbe hofft Ketterl, auch die Stadt mit ins Boot zu bekommen.

Der Gewässerschutz sei eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Deshalb sucht die Schutzgemeinschaft auch noch nach tatkräftigen Mitgliedern. Bislang ist man zu viert – noch nicht einmal genug, um einen Verein zu gründen. Doch Ketterl gibt die Hoffnung nicht auf. Jeder könne seinen Teil zum Schutz der Meere und damit zu unserer Lebensgrundlage beitragen, ist er überzeugt.

Wer sich für die Schutzgemeinschaft zur Reinhaltung der Gewässer in Augsburg interessiert, kann per E-Mail Kontakt aufnehmen: gewaesserreinh-augsburg@web.de

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