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Augsburg

26.05.2014

Die ersten Stolpersteine sind gesetzt

Es gibt schon 47.000 Stolpersteine in 18 Ländern. Jetzt auch zwei in Augsburg. Sie erinnern an das Schicksal von Hans und Anna Adlhoch

Die ersten Stolpersteine in Augsburg sind gesetzt. Weil das Projekt umstritten ist, beginnt es auf Privatgrund. Es erinnert an die Unbeugsamkeit von Hans und Anna Adlhoch in der NS-Zeit.

Die Aktion an sich ist unspektakulär. Sie sieht aus wie eine Pflasterverlegung und ist in fünf Minuten erledigt. Und doch ist sie Kunst. Der inzwischen international bekannte Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig kniet mit Kelle und Eimern am Boden. 20 Schüler der Hans-Adlhoch-Schule und 60 weitere Bürger beobachten gestern früh, wie der Künstler in den Eingang der Peutingerstraße 11, Augsburgs erste „Stolpersteine“ im Boden versenkt. Es ist das Haus, in dem Anna Adlhoch nach dem Tod ihres Mannes 1945 lebte.

Im Auftrag der Hans- und Anna-Adlhoch-Stiftung sowie des 2013 gegründeten Initiativkreises Stolpersteine mauerte er die beiden zehn mal zehn Zentimeter großen Betonquader in die Torschwelle ein. Das Haus gehört der Stiftung; die Steine liegen also auf Privatgrund. Anders als in zahlreichen anderen deutschen Städten verabschiedete der Augsburger Stadtrat bisher keine Genehmigung zur Verlegung solcher Gedenksteine im öffentlichen Raum. Ein Fraktionen übergreifender Antrag scheiterte im Februar. Seitdem auch Rabbiner Henry Brandt von der Israelitischen Kultusgemeinde Kritik an der deutschland- und europaweit stattfindenden Kunstaktion äußert, hält sich die Politik zurück. Ungeachtet der immer noch laufenden Debatte entschlossen sich die Adlhoch-Stiftung und der Initiativkreis, zu dem 18 Augsburger Parteien, Gewerkschaften, christliche und andere Verbände zählen, Fakten zu schaffen.

In 18 Ländern hat Demnig bisher 44000 Steine verlegt, auf deren Metalloberfläche die Namen und weitere Daten der während der NS-Zeit Ermordeten und Verschleppten eingraviert sind. Allein in Hamburg liegen 5000, in Berlin 5500. Bevor er nach Augsburg kam, war Demnig am Wochenende im rumänischen Temeswar aktiv. „Die Stolpersteine sind eine soziale Skulptur. Ich möchte, dass der einzelnen Holocaust-Opfer vor ihren ehemaligen Häusern und Wohnungen gedacht wird, mitten unter uns“, erklärt Demnig.

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Unter den Zuschauern ist auch Terry Swartzberg, Vorstand des Münchener Stolpersteinvereins. Wie in Augsburg hat die Israelitische Kultusgemeinde in der Landeshauptstadt religiöse und ethische Bedenken gegen die Kunstaktion. Die Steine und damit die Opfer des Holocaust würden mit Füßen getreten und von Hunden beschmutzt, so die Einwände. Der Münchner Stadtrat zögert mit einer Genehmigung. Im Herbst gibt es ein Symposium zum Thema. In München verlegte Demnig inzwischen 27 Gedenksteine – auf Privatgrund. „Die Diskussion ist sehr emotional“, findet Swartzberg, der selbst Jude ist.

Die Bedenken von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Kultusgemeinde, wie auch des Augsburger Rabbiners kann er zwar nachvollziehen, stimmt ihnen aber nicht zu. „Wenn sie erst einmal da sind, lieben die Bürger die Gedenksteine. Katastrophen heraufzubeschwören ist Panikmache. Außerdem: Niemand bekommt einen Stein, wenn die Angehörigen ihn nicht wollen.“ Dass auf den Steinen gelaufen wird, ist Teil des Kunstwerks. „Die Schuhsohlen polieren die Metallfläche. Wenn niemand auf ihnen läuft, oxidiert sie und wird unansehnlich“, erklärt Aktionskünstler Demnig.

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