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Ausstellung

11.12.2012

Die heile Welt ist dahin

„American Portrait“ von Felix Weinold ist eines der dominanten Ausstellungsstücke im H2.
Bild: Hans Krebs

Sechste Bestandsaufnahme des H2 – Zentrums für Gegenwartskunst

Im Frühjahr 2006 gab das von Thomas Elsen geführte H2 – Zentrum für Gegenwartskunst sein Debüt. Es zeigte in seinen Räumen im Glaspalast einen Überblick über zeitgenössische Werke aus dem Besitz der Augsburger Kunstsammlungen. Jetzt ist dort die sechste Bestandsaufnahme zu begutachten. Sie spiegelt die fortlaufende Sammlungstätigkeit wider.

So ist soeben der zweite gelernte Geograf hinzugekommen, allerdings mit völlig anderem Ausdruckswillen und anderen Ausdrucksmitteln als Per Kirkeby: nach dem Dänen, von dem 2009 ein großformatiges Beispiel seiner Malerei erstanden wurde, nun der New Yorker Trevor Paglen mit einem Beleg seiner Fotoirritationen. Beide Erwerbungen sind kunstsinnigem Mäzenatentum zu verdanken, unverzichtbar in Zeiten klammer öffentlicher Kassen.

Paglens Bild einer in sich ruhenden Seenlandschaft in Nevada („Pyramid Lake“) entsprächeeinem romantischen Blick auf die Welt, wenn bei genauem Hinsehen nicht seltsame Streifen in Höhe des Horizonts erkennbar wären. Sie bezeugen die Bahn eines Militärsatelliten, dem Paglen durch Langzeitbelichtungen auf die Spur gekommen ist.

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Durchdringung von Fotografie und Malerei

Es handelt sich um dasselbe Bild, das auch bei der letzten Wechselausstellung im H2 zu sehen war und deren Titel „Hinter der Landschaft“ sinnfällig machte. Aus dieser von Juli bis Oktober 2012 gezeigten Präsentation sind etliche andere Arbeiten in den Sammlungsbestand eingegangen – etwa die vierteilige Mixed-Media-Meeresimpression „Between“ von Karen Irmer (Augsburg), die endlose Fahrt durch die Dämmerung von Elham Rokni (Tel Aviv) und der zu acht Minuten kondensierte Abriss Ostberliner Herrlichkeit von Reynold Reynolds (New York/Berlin).

Es manifestiert sich die Wirkweise des Fotografischen, übrigens auch in der Malerei selbst. Die Anfang des Jahres verstorbene Schweizerin Leta Peer hat eisige Berggipfel des Engadins in fotografischer Präzision mit Ölfarbe auf Leinwand gebannt, diese an leer geräumte Renovierungsflächen des Schaezlerpalais gehängt und so ihre Fotoserie „To Inhabit A Place“ gestaltet. Das heißt: Das gemalte Bild wurde zum Bestandteil des fotografischen Bildes. Vier Lambda-Prints und ein kleines Ölgemälde dokumentieren dies in der Ausstellung.

Durchdringung von Fotografie und Malerei kennzeichnet auch „American Portrait“ des Augsburgers Felix Weinold. Es ist das Ensemble von sechs erkennungsdienstlichen Frontalfotos zum Tode verurteilter amerikanischer Häftlinge. Nach Art der Farbfeldmalerei bedeckte Weinold ihre Gesichter mit monochromen Streifen – zur Anonymisierung, wohl auch zum Persönlichkeitsschutz.

Hier wie auch in Leta Peers „To Inhabit A Place“, Trevor Paglens „Pyramid Lake“, Elham Roknis durchquerte Dämmerung „Clavileño“ und Reynold Reynolds’ „Der letzte Tag der Republik“ wird das Irritierende, Verstörende zum Element der Kunst. Die heile Welt hat abgewirtschaftet, ausgedient, ist dahin. Nur ganz selten gibt es da eine Korrektur durch Arbeiten der anderen ausgestellten Künstler, als da sind Benjamin Appel, Tamara Grcic, Jaakko Heikkilä, Stefan Heyne, Christian Hörl, Ieva Jansone, Kotek, Maik und Dirk sowie Maiks Sohn Tim Löbbert, Frank Mardaus, Stephan Reusse und (als einzige Leihgabe) Tobias Rehberger.

Tröstliches lässt sich ausnahmsweise in Frank Mardaus’ Tagebuchnotizen finden, nur briefmarkengroß, aber zusammen wandfüllend. So lautet der Eintrag vom 02.05.2009: „Wandern im Frühjahr, was im H2 war, Garten.“

Laufzeit im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst (Glaspalast) bis 31. März 2013; Dienstag, 10–20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag, 10–17 Uhr

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