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Serie(Folge 72)

07.02.2014

Die jüdische Lederhose

Diese Lederhose verdeutlicht die Tragik einer ganzen Lebensgeschichte. Es war ein Stück Heimat, das der junge Jude Joseph Landman bei seiner Flucht vor den Nationalsozialisten mit nach New York nehmen konnte.
Bild: Ulrich Wagner

Henry Landman entkam 1938 dem Terror der Nationalsozialisten. Ein Stück Heimat konnte er retten. Heute steht es für eine bewegende Lebensgeschichte

Eine abgetragene, speckige kurze Lederhose: Was soll an ihr jüdisch sein? Man muss ihre Geschichte kennen, damit aus einer zünftig-bayerischen Allerweltskleidung ein kostbares Exponat wird. Denn diese Lederhose aus dem Depot des Jüdischen Kulturmuseums nahm der 18-jährige Augsburger Heinz Landmann nach New York mit, als er nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wieder aus der Haft im Konzentrationslager Dachau freikam und seiner Familie nachfolgend aus Nazi-Deutschland entkommen konnte. Als Henry Landman marschierte er als Soldat der US-Army am 28. April 1945 wieder in Augsburg ein – jetzt als Befreier seiner Heimatstadt. Jahrzehnte später stiftete er dem Museum sowohl seine geliebte Lederhose als auch seine amerikanische Uniformjacke.

Für Museumsleiterin Benigna Schönhagen dokumentiert die Lederhose, wie integriert die deutschen Juden in die deutsche Gesellschaft waren. „Sie hatten selbstverständlichen Anteil am Bürgertum und fühlten sich absolut heimatverbunden. Auf Familienfotos dieser Zeit tragen die Frauen oft ein Dirndl und die Männer Tracht“, erzählt Schönhagen. Joseph Landmann, der Vater, war Kürschner und hatte eine Lederfabrikation in der Hermanstraße 3, wo damals viele jüdische Familien wohnten. Er war als „Ostjude“, 1895 geboren in Russland, mit seinen Eltern um 1910 nach Augsburg gekommen und hatte hier eine mittelständische Firma gegründet. Am 12. Juni 1920 kam Sohn Heinz zur Welt.

In der Pogromnacht 1938 wurden Vater und Sohn wie so viele Juden verhaftet und nach Dachau gebracht. Die Familie erzählt, Heinz habe die Lederhose damals, im Spätherbst, angehabt. Joseph Landmann wurde nach wenigen Wochen wieder entlassen. Er hatte eine Bürgschaft, die seiner Familie die Emigration in die USA ermöglichte. Heinz konnte erst im Februar 1939 nachkommen. In New York sollte er später seine emigrierten Landsleute zusammengehalten haben, sodass man ihn den Bürgermeister von Augsburg nannte. Henry Landman, inzwischen hochbetagt, kam immer wieder in die alte Heimat. Er war 1985 bei der Einweihung der renovierten Synagoge dabei und hielt 1998 in Augsburg die Gedenkrede zum 60. Jahrestag der Pogromnacht.

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Das Jüdische Kulturmuseum verdankt ihm ein ganzes Konvolut an kostbaren Erinnerungsstücken an das frühere jüdische Leben in Augsburg. Dazu gehören Briefe, Fotos, Dokumente und alle seine Reden, die er in Augsburg hielt. Auch die Ausstellung über die Private Tennisgesellschaft Augsburg, dem Zufluchtsort für jüdische Sportler in der Nazizeit, konnte auf seine Exponate zurückgreifen – zumal sein Vater Joseph der Vorsitzende war. Benigna Schönhagen wird bei Führungen nicht müde, bei den Nachkommen jüdischer Augsburger um Originaldokumente zu bitten. „Nur die Kontakte mit den Zeitzeugen bringen solche Exponate. Die Lederhose von Henry Landman können Sie auf dem Markt nirgends kaufen.“

In unserer Serie „Aus den Depots“ stellen wir immer mittwochs Objekte und Aspekte rund um Augsburger Museumsdepots vor – nächste Woche dreht es sich um Mode aus dem Textil- und Industriemuseum.

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