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Architektur

31.01.2015

Die schöne Seite des Backsteins

Das neue Gesundheitszentrum (Mitte) fügt sich in die Backsteinfassaden des alten Vincentinums (links) und des Alten Hauptkrankenhauses (rechts) ein.
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Das neue Gesundheitszentrum (Mitte) fügt sich in die Backsteinfassaden des alten Vincentinums (links) und des Alten Hauptkrankenhauses (rechts) ein.

Das Gesundheitszentrum beim Vincentinum – eine starke Antwort aufs Alte Haupthaus und die bestehende Klinik

Der Backstein ist eigentlich ein Fremdkörper in Süddeutschland. Zwar wird der Quader aus rot „gebackenem“ Lehm auch hier zum Bauen von Häusern verwendet, aber dann doch gern verputzt und damit unsichtbar gemacht. Sichtmauerwerk aus blanken Ziegeln gehört eher in den Norden – dort ist die berühmte Backsteingotik zu Hause, dort werden ganze Straßenzüge mit Klinker verkleidet und Hausfassaden mit Blendziegeln geschmückt.

Doch hat auch Augsburg ein paar Inseln der Backsteinarchitektur – einige expressionistisch gestaltete Häuser im Bismarckviertel und Kirchen wie St. Anton und St. Elisabeth, außerdem ein ganzes Backstein-Quartier am nordöstlichen Rand der Innenstadt, an Henisiusstraße, Pulvergässchen und Franziskanergasse. Dort steht seit 1856 das Alte Hauptkrankenhaus als monumentaler, schlossartiger Bau mit neugotischer Blankziegel-Fassade; dort steht das Heizkraftwerk mit seiner roten Klinkerhaut, das Ärztehaus mit Klinkerbändern, und der Klinik Vincentinum gab das Augsburger Architekturbüro Schrammel eine ornamental geschmückte, mehrfarbige Klinkerfassade. So konnten Tobias Wulf und sein Projektleiter Jan-Michael Kallfaß von den Stuttgarter „Wulf Architekten“, die 2009 den Architekturwettbewerb für das neue Gesundheitszentrum mit Arztpraxen und Tagesklinik gewannen, kaum mehr anders, als bei ihrem Entwurf den Backstein ins Spiel zu bringen.

Der Baukörper, den Wulf zwischen das Alte Haupthaus und das Vincentinum gestellt hat, ist eine starke Antwort auf die vorhandene Ziegelarchitektur, eine ungeschönte und derbe, aber durchaus warmherzige Geste, die die vorhandene Sichtmauerwerks-Ästhetik neben sich fast schwächlich aussehen lässt. Denn Wulf gab dem mächtigen, U-förmigen Baukörper, der auf seiner Ostseite 70 Meter lang ist, eine Hülle, die wie ein wollener Mantel wirkt – ein grob gesponnener Mantel wohlgemerkt, nicht fein geglättet. Der warme Eindruck entsteht dadurch, dass die für die vorgehängte Fassade verwendeten Ziegel nicht mit der glatten Seite nach außen weisen, sondern mit der rauen, unebenen, auf der sie beim Trocknen und Backen lagen. Und der Mörtel, der die Ziegel verbindet, ist in Handwerksarbeit aufgetragen worden, mal ein bisschen dicker, dann wieder sparsamer. So entsteht eine unebene, unregelmäßige und damit höchste lebendige Wirkung. Man versteht, das der Augsburger Projektsteuerer Rudolf Mitterhuber ins Schwärmen kommt angesichts der Fassade, die so gar nichts Schickes, Modisches an sich hat. Fast zeitlos wirkt sie, wie ein wollener Janker, der sich mühelos gegenüber einem modischen Jackett behauptet.

Auch die Formgebung des Baukörpers betont das Bodenständige. Mit vier Vollgeschossen (darüber liegt ein zurückgesetztes fünftes Geschoss) und über 18 Metern Höhe wächst der Bau förmlich aus dem Boden heraus und wirkt dabei an drei Seiten wie ein massiger Quader. Nach Norden schaut eine eng gesetzte Lochfassade mit tiefen Fensterlaibungen und Erdgeschoss-Arkaden. Auch an Ost- und Südseite herrscht die strenge Fassadengliederung. Wohltuend wirkt die abgerundete Fuge, die das Gleichmaß der gereihten Fenster mit ihren kupferfarbenen Alu-Rahmen unterbricht. Auch das Licht- und Schattenspiel auf der rauen Backsteinhülle trägt zur Belebung bei, ebenso wie die angedeuteten Gesimse mit nicht voll verfugten Steinen. Nur schade, dass die elastischen Fugen (notwendig wegen Materialausdehnungen) stur geradeaus laufen.

Schade auch, dass der gläserne Verbindungssteg des Büros Schrammel, der vom Neubau über die Franziskanergasse zur Klinik Vincentinum führt, mit seinem dichten Strichmuster auf dem Glas die Blickbeziehung zwischen den beiden Backsteinfassaden (rau und bräunlich beim Neubau; glänzend und farbig bei der Klinik) so stört. Die städtebauliche Situation ist dagegen durch die Begradigung der Franziskanergasse verbessert worden – vor der Klinik entstand sogar ein kleines Plätzchen.

Wer von dort hinüber geht zum neuen Gesundheitszentrum, dessen Nordfront folgt und um die wiederum abgerundete Ecke biegt, findet sich in einem Garten wieder. Flache Beete, Bäume und Sitzbänke in lockerer Anordnung (Entwurf Schrammel) ziehen sich bis zum Unteren Graben vor und hinein in den Hof, der zwischen Neubau und Altem Haupthaus entstanden ist. Vom Hof aus erhascht man Blicke ins Innere des Neubaus. Eine Glasfront zeigt die offenen Galerien in allen vier Etagen. Man sieht: Drinnen wird’s rund und bunt. Die großzügigen Wartebereiche vor den Arztpraxen können sich auf einer wellenförmigen Grundfläche ausbreiten, farbige Glasbänder schließen die Brüstungen der Galerien ab. Im Foyer des Erdgeschosses blickt man vom hellen Terrazzoboden hinauf die Rundungen der Treppenspirale und auf die pastellfarbenen Wandelemente (Farbkonzept Schrammel). Von Fußböden und Raumdecken strahlt im Winter Wärme, im Sommer Kühlung ab. Die weiträumigen Verkehrsflächen, hellen Farben und runden Formen könnten auf Patienten und Personal angenehm wirken.

Der Senior der Backsteinbauten in diesem Stadtbezirk, das Alte Hauptkrankenhaus, wurde auch von Tobias Wulf und seinem Büro saniert. Sie haben sie umsichtig und sensibel durchgeführt. Das Sichtmauerwerk wurde von Steinrestauratoren repariert, die Fugen geschlämmt. Details wie die Kreuzrippen im Eingangsgewölbe oder die ornamentalen Terrakotta-Medaillons wurden fein restauriert. Fenstergesimse und der Glockenturm auf dem Dach wirken durch ihr neues bleifarbenes Blech in schönem Farbgegensatz zum Rot des Backsteins. Die plastischen Elemente der Fassade sind subtil herausgearbeitet. So zeigen die hervorspringenden Risalite verschiedene Rot-Tönungen, entsprechend ihrer Entstehungszeit. Ein wahres Schmuckstück ist der historistische Bau nun geworden, der weiter von St.-Ulrichs-Verlag, Montessori-Kinderhaus und Fachlehrer-Institut genutzt wird. Wulf und seine Mitarbeiter haben Zubauten entfernt (auch das ominöse Spiralparkhaus, das nie genutzt wurde, musste weichen), ein kleines Café wird auf der Nordseite eingerichtet, der ehemalige Patientengarten auf der Südseite, durch den der Stadtbach fließt, ist ein hübscher Park geworden. Nicht zuletzt dadurch hat die Baumaßnahme zu einer respektablen Stadtreparatur geführt.

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