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Augsburg

04.07.2020

Die schwierige Suche einer Familie nach einer Wohnung in Augsburg

Georgine Greppmair und ihre Tochter Heidemarie wohnen derzeit zusammen. Allerdings nicht freiwillig – Mutter und Tochter finden einfach keine Wohnung in Augsburg, die sie sich leisten können.
Bild: Jonas Voss

Plus Georgine Greppmair lebt mit ihrer Tochter und deren Kindern in einer Wohnung. Nicht freiwillig. Und bald müssen sie ausziehen, denn das Gebäude in Augsburg wird abgerissen.

Was ist eine Wohnung? Eine Wohnung ist ein Ort zum Zurückziehen und Ganz-bei-sich-sein. Ein Platz, bis unters Dach vollgestopft mit Erinnerungen, ein Schutzraum in all den Stürmen, die das Leben auf einen loslässt. Wenn Georgine Greppmair von ihrer Wohnung erzählt, werden ihre rauchblauen Augen glasig. Hier ist ihre Mutter gestorben, hier hat sie ihren Vater gepflegt, hier wohnt sie nun mit ihrer Tochter Heidemarie Alt. Bald aber sitzt sie ein letztes Mal im ersten Stock neben dem Kachelofen. Ihre Wohnung wird abgerissen.

Der Wohnungsmarkt in Augsburg ist hart

27 Jahre haben die Eltern Greppmairs in dem alten Bauernhaus gewohnt, ehe die heute 66-Jährige dort 2008 nach dem Tod ihrer Mutter einzog, um den Vater zu pflegen. Dass es nicht mehr den aktuellen baulichen Standards entspricht, sieht man. Die Eigentümerfamilie hat deswegen beschlossen, das Haus samt angeschlossenem Stadel abzureißen. Neue Wohnungen sollen hier entstehen, ist dem Schriftverkehr zwischen Greppmair und den Vermietern zu entnehmen.

Weil die Wohnung „stark sanierungsbedürftig“ sei, habe sie, so schreibt die Eigentümerfamilie, abwägen müssen, ob eine Sanierung oder ein Abriss wirtschaftlicher seien. Architekten hätten letztlich aufgrund der erforderlichen Arbeiten zu Abriss und Neubau geraten. Greppmair sagt, sie habe Widerspruch eingelegt, jedoch vergebens. Ursprünglich hätten sie und ihre Tochter zum 31. Juli ausziehen müssen, die Eigentümer gewähren ihnen vorraussichtlich zwei Monate Aufschub.

Denn Mutter und Tochter finden keine Wohnung. Sie hätten sich sowohl an die städtische Wohnbaugruppe (WBG) als auch an die für den Landkreis Augsburg zuständige gewandt, an das Wohnungs- und Stiftungsamt, an das Sozialreferat und an private Vermieter, sagen die beiden Frauen. Bisher nur freundliche Absagen und das Versprechen, weiterhin auf der Warteliste zu stehen. „Uns geht es beschissen“, sagen sie unumwunden. Netter wollen sie es nicht mehr ausdrücken.

Günstige Wohnungen in Augsburg sind sehr begehrt

Ohne finanzielle Unterstützung können sich Mutter und Tochter keine Wohnung in Augsburg leisten. Die Miete in ihrer jetzigen Wohnung kann die Mutter noch stemmen. Laut den Eigentümern haben sie diese seit über zehn Jahren nicht mehr erhöht, auch bei der Nebenkostenabrechnung seien sie stets großzügig.

Sie wüssten um den angespannten Wohnungsmarkt in der Stadt – jedoch sei die Situation, so wie sie jetzt ist, wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Im Gespräch merkt man: Das Tischtuch zwischen Mieterin und Vermietern ist zerschnitten. Beide Seiten reden wohl nicht mehr wirklich miteinander.

Georgine Greppmair hat in ihrem Leben viele Berufe gehabt: Sie war Reinigungsfachkraft, Briefzustellerin, Wäscherei- und Fabrikarbeiterin. Seit Januar bezieht sie eine kleine Rente, die sie sich mit dem Austragen von Zeitungen aufbessert. Tochter Heidemarie Alt hat nie eine Ausbildung gemacht. Die 46-Jährige hat zwei Kinder und sagt, sie sei Hausfrau. Nach der Trennung vom Vater der Kinder zog sie 2018 wieder nach Augsburg, 2019 schließlich in die Wohnung der Mutter.

So viele geförderte Wohnungen baut die Stadt Augsburg aktuell

Zehn Jahre wohnte sie nicht in der Stadt – und das ist nun ein Problem: Das Wohnungs- und Stiftungsamt erklärte der 46-Jährigen in einer Mail, seit 2016 gebe es für Wohnungsanträge mit sozialer Dringlichkeit ein Punktesystem. In diesem System gibt es sogenannte Ortsanwesenheitspunkte.

Je länger ein Antragsteller in einer Kommune lebt, desto mehr Punkte erhält er. Alt hat zu wenig Punkte, um einen Vermittlungsvorschlag zu erhalten. Die 46-Jährige erzählt weiter, bei der WBG stehe sie seit circa einem Jahr auf der Warteliste.

Die Sprecherin der WBG erklärt, 2019 seien dort 4760 Wohnungsinteressenten neu erfasst worden. Interessenten für 470 vermietete Wohnungen, also rund zehn pro Wohnung. 343 Wohnungen baut die WBG aktuell, 234 davon sollen kommendes Jahr fertig sein. Alle derzeit im Bau befindlichen Wohnungen unterliegen der Einkommensorientierten Förderung (EoF).

Dieses Förderprogramm schließt Arbeitssuchende oder Menschen mit geringer Rente explizit ein. Förderberechtigte Einkommensstufen reichen vom Transferleistungsempfänger bis zur 4-köpfige Familie mit einem Haushaltseinkommen von über 80.000 Euro brutto.

Das Sozialreferat der Stadt Augsburg hilft bei der Wohnungssuche

Davon sind Greppmair und ihre Tochter weit entfernt. Bei Besichtigungen geben sie sich mit anderen die Klinke in die Hand. „Ich höre von Bekannten“, erzählt Greppmair, „dass auch sie nur nach langer Wartezeit etwas finden konnten.“ Das Sozialreferat der Stadt kann aufgrund von Datenschutz keine spezifische Auskunft zum Fall der beiden Frauen geben.

In solchen Fällen sei es aber üblich, erklärt man dort, dass das Wohnbüro, die Armutsprävention, beziehungsweise das Team Wohnraumangelegenheiten, einen Weg suchen.

Greppmair sagt, sie blicke jeden Tag auf das Handy mit der Hoffnung auf eine erlösende Nachricht. Und sollte sie demnächst eine Wohnung finden und ihre Tochter nicht, wolle sie anfragen, ob diese mit einziehen dürfe. Vorerst.

Hören Sie dazu unseren Podcast:

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06.07.2020

Das Problem ist dass der Vermieter ab einem gewissen Sanierungsstau wirtschaftlich keine andere Wahl hat. Es ist herauszulesen dass es sich eigentlich um sehr sozial eingestellte Vermieter handelt. Das Problem ist auch hausgemacht. Mann muss auskömmliche Mieten erwirtschaften auch um Schäden und Reparaturen / Sanierungen auch bezahlen zu können. Mit 10 Jahren ohne Mietsteigerungen geht das oft nicht. Größere Reparaturen / Sanierungen kosten Tausende!!
Und irgendwann ist der Abriss nun mal wirtschaftlicher. Vor allem wenn man diesen ehemaligen und heruntergekommenen ehemaligen Bauernhof durch ein Mehrfamilienhaus ersetzen kann.
Insofern hab ich auch Verständnis für die Vermieter.

Für die Mieter auch tragisch, sicherlich.
Die Stadt wird sich schon kümmern wenn jemand obdachlos wird.

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06.07.2020

Bei einem heruntergekommenen Bauernhof ist es nicht möglich noch Mietsteigerungen zu fordern. Der Ertrag der Vermieter wurde alleine durch die Wertsteigerung des Grundstücks erlangt. Das Mietverhältnis könnte beendet worden sein, weil der Bauernhof nicht mehr den aktuellen baulichen Standards entspricht. Dem heruntergekommenen Bauernhof ist es anzusehen. Ob der Vermieter überhaupt jemals an eine Instandsetzung gedacht hat ist zu bezweifeln. Auch ohne Mieter kann es sein, dass der heruntergekommene Bauernhof noch einige Jahre stehen bleibt. Das wäre nicht die erste Ruine in Augsburg, die durch Zerfall auch noch im Wert steigt.

"Für die Mieter auch tragisch, sicherlich."
Diese Einstellung dient keinesfalls einem sozialen Zusammenhalt, denn tragisch ist es nur für die Mieter, die möglicherweise mit Kindern obdachlos werden.
Der Vermieter macht so oder so Gewinn ohne dafür nur einen Finger krumm zu machen. Was soll daran tragisch sein?

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05.07.2020

>> Die Eigentümerfamilie hat deswegen beschlossen, das Haus samt angeschlossenem Stadel abzureißen. Neue Wohnungen sollen hier entstehen, ist dem Schriftverkehr zwischen Greppmair und den Vermietern zu entnehmen. ... Architekten hätten letztlich aufgrund der erforderlichen Arbeiten zu Abriss und Neubau geraten. Greppmair sagt, sie habe Widerspruch eingelegt, jedoch vergebens. <<

Als Mensch ohne Bildungsanspruch soziale Ansprüche auf eine Wohnung in der Stadt haben haben aber "Widerspruch" gegen den dringend erforderlichen Bau von neuen Wohnungen einlegen? Ist das fair?

>> Im Gespräch merkt man: Das Tischtuch zwischen Mieterin und Vermietern ist zerschnitten. Beide Seiten reden wohl nicht mehr wirklich miteinander. ... Laut den Eigentümern haben sie diese seit über zehn Jahren nicht mehr erhöht, auch bei der Nebenkostenabrechnung seien sie stets großzügig. <<

Dieser Artikel sorgt doch im Endeffekt nur dafür, dass die beiden zu 100% keine Chance mehr auf dem freien Wohnungsmarkt haben.

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06.07.2020

In diesem Artikel wird auf die Wohnungsnot gezeigt, so schwer ist das mit oder ohne Bildungsanspruch nicht zu verstehen.

"Als Mensch ohne Bildungsanspruch soziale Ansprüche auf eine Wohnung in der Stadt haben haben aber "Widerspruch" gegen den dringend erforderlichen Bau von neuen Wohnungen einlegen? Ist das fair?

Aus Ihrer Sicht wäre es wohl fair als Mensch ohne Bildungsanspruch freiwillig mit Kindern auf der Straße zu leben.
Wie rücksichtslos muss man sein um dies zu fordern.

Niemand darf die Würde eines Menschen verletzen. Bürger mit Bildungsanspruch und ohne Bildungsanspruch zu sozialen Ansprüchen einzuteilen zeigt deutlich ein Defizit an sozialem Verständnis.

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04.07.2020

Wer gibt einer 46 jährigen "Hausfrau " mit zwei Kindern eine Wohnung in der aktuellen Situation?? Warum arbeitet sie denn nicht? Die Kinder sind doch bestimmt alt genug und werden bis zum Nachmittag betreut. Da gibt es halt sehr viele bessere Mieter, als eine Dame im arbeitsfähigen Alter, die nur daheim rumsitzt.

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04.07.2020

Wie kann man nur so über andere herziehen aus der Entfernung ohne die Hintergründe und die genauen Umstände zu kennen.

Was glauben sie, was es für die Kinder bedeutet auf der Straße zu stehen?

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06.07.2020

Ach Herr M, es ist doch offensichtlich, dass der Artikel die Sache mit den "Kindern" ausspart. Es gibt weder eine Altersangabe noch findet sich beim Punktesystem ein Hinweis auf erhöhte Dringlichkeit für eine alleinerziehende Mutter.

>> Das Wohnungs- und Stiftungsamt erklärte der 46-Jährigen in einer Mail, seit 2016 gebe es für Wohnungsanträge mit sozialer Dringlichkeit ein Punktesystem. In diesem System gibt es sogenannte Ortsanwesenheitspunkte. <<

Wenn man es im Gesamtkontext liest (keine Ausbildung, Alter, Dringlichkeit bei Wohnungsvergabe) ergibt sich der Eindruck, dass die Kinder nicht mehr schulpflichtig oder gar nicht mehr minderjährig sein könnten.

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06.07.2020

@Peter P.

Bei all Ihrer Überheblichkeit gegen Minderbemittelte können Sie den Artikel natürlich nicht verstehen, denn es handelt sich hauptsächlich um die Wohnungsnot insbesondere für Menschen am unteren Rand des Einkommens. Diese Menschen, insbesondere die Kinder sind die Verlierer in unserer Gesellschaft und das ist beschämend genug.

Im Übrigen ist der soziale Zusammenhalt in unserer Gesellschaft enorm wichtig. Die Wohnungsnot für Menschen am unteren Rand des Einkommens darf nicht weiterhin ignoriert werden.

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