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Augsburg

31.05.2019

Die unbändige Leidenschaft für die Berge

Nichts für Menschen mit Höhenangst: In den senkrechten Arco-Felsen am Gardasee klettert Sektionsmitglied Martin Feistl, der dem Expeditionskader des Deutschen Alpenvereins angehört.
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Nichts für Menschen mit Höhenangst: In den senkrechten Arco-Felsen am Gardasee klettert Sektionsmitglied Martin Feistl, der dem Expeditionskader des Deutschen Alpenvereins angehört.
Bild: DAV Sektionsarchiv

Plus Zwei Augsburger gehörten vor 150 Jahren zu den Gründungsvätern des Deutschen Alpenvereins und hoben auch die Fuggerstädter Sektion aus der Taufe.

Die Berge – wir lieben sie. Der schweißtreibende Aufstieg. Das befreiende Glück unter dem Gipfelkreuz. Durchatmen. Schauen. Genießen. Wir gehen auf markierten Wegen, klettern auf gesicherten Steigen, kehren auf Hütten in den höchsten Regionen der Alpen ein.

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Dass wir die Berge heute mit all ihre Facetten und sportlichen Möglichkeiten so nutzen können, ist historisch gesehen auch zwei Augsburgern zu verdanken. Der Verleger und Buchhändler Theodor Lampart und der Fabrikant Friedrich Schenkenhofer waren unter den 36 Männern aus der Bergsteigerszene, die am 9. Mai 1869 im Gasthof „Zur Blauen Traube“ in München die Sektion München und damit den Deutschen Alpenverein aus der Taufe hoben.

Augsburger Alpenverein feiert Jubiläum

Die beiden alpinbegeisterten Männer rührten in den Wochen darauf kräftig die Werbetrommel, suchten per Anzeige in der Augsburger Zeitung Gleichgesinnte. Mit Erfolg: Dem Aufruf folgten 40 Herren aus der gehobenen Gesellschaft der Fuggerstadt, die nur zwei Monate später, am 8. Juli 1869, im „Local zum Grünen Haus“ in der Annastraße die Sektion Augsburg gründeten. Und so feiert in diesem Jahr auch der Alpenverein in Augsburg mit seinen 15.500 Mitgliedern das 150-jährige Jubiläum mit einem großen Fest am 19. und 20. Juli im Kletterzentrum.

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Ein kleiner Streifzug durch die Geschichte: Neugierde, alpine Leidenschaft und Entdeckerlust sind die Tugenden, mit denen die Gründerväter der Sektion 1869 ans Werk gehen. Als 1. Vorsitzender trägt sich damals Otto Forster ins Gründungsprotokoll ein. Als Vereinsziel schreibt sich die Sektion – es ist die vierte Gründung überhaupt im deutsch-österreichischen Raum – „die Kenntnis der Alpen zu erweitern und zu verbreiten und ihre Bereisung zu erleichtern“ auf die Fahnen.

Mit welcher Begeisterung die Männer der ersten Stunde ans Werk gehen, zeigt sich schon Wochen später, als die Sektion zu einer großen Festveranstaltung zum 100. Geburtstag des großen Entdeckers und Naturforschers Alexander von Humboldt einlädt. Die wilden, schwer erreichbaren Alpen sollen nun selbst erkundet und mit Karten, Führern, Hütten und Wegen erschlossen werden. Die Sektion Augsburg wird im Allgäu und im Lechtal aktiv. Bereits am 8. August 1885 wird die Augsburger Hütte in der Parseiergruppe, in den Lechtaler Alpen in 2380 Metern Höhe, eingeweiht, jedoch knapp drei Jahre später von einer Lawine wieder zerstört. Die neue, 50 Meter tiefer gelegene Hütte kann 1891 wiedereröffnet werden.

Berghaus der Sektion Augsburg ist eine Besonderheit

Das zweite Berghaus der Sektion ist eine Besonderheit: eine Bergsteigerunterkunft als Fertighaus in reiner Holzbauweise. Im Sommer 1899 kauft die Sektion das auf der Deutschen Sportausstellung in München aufgestellte Musterhaus, zerlegt es und baut es auf 1520 Metern Höhe in den Tannheimer Bergen in Tirol zwischen Füssen und Reutte wieder auf. Die Holzkonstruktion, benannt nach dem damaligen Sektionsvorstand Otto Mayr, eingeweiht am 8. Juli 1900, steht heute noch in ihrem Urzustand.

Kurz nach dem 1. Weltkrieg – das Skilaufen wird gerade populär – gründen die Augsburger eine Skiabteilung, bald darauf auch eine Bergsteigerabteilung. In den 20er-Jahren gehen Soldatentum und Bergsteigertum eine unheilvolle ideologische Verbindung ein. Auf der 47. Hauptversammlung des Deutschen Alpenvereins im Goldenen Saal des Rathauses in Augsburg im August 1921 wird erstmals der Ausschluss jüdischer Mitglieder diskutiert, aber nicht beschlossen. Die Nazis nehmen später mehr und mehr Einfluss auf die Sektion. Die dunkle, unselige Epoche des Alpenvereins ist inzwischen aufgearbeitet, zum Ende des Jubiläumsjahres wird die Sektion eine ungeschminkte Dokumentation vorlegen, wie Thomas John, der neue Sektionsvorsitzende, verspricht.

Erste Skifahrt führte nach Jungholz

Die Bergbegeisterung der Augsburger hält selbst während des Zweiten Weltkrieges an. Rosa Schurr, mit fast 100 Jahren eine der ältesten Sektionsangehörigen, hat ihre „Fahrtenberichte“, mit Schwarzweiß-Fotos dokumentiert, ab 1940 in Alben festgehalten. Für 135 Mark kauft sie sich bei einem Schreiner Ski, dazu Stöcke, Skistiefel und einen Anorak. Ein Jahr lang hatte sie darauf gespart, mittags immer auf die Suppe für 50 Pfennig verzichtet. Ihre erste Skifahrt in einer Clique junger Leute führt per Bahn nach Jungholz in Tirol. Statt schicker Funktionskleidung trägt man Bundhose, Flanellhemd und Wollpulli.

Bei den Bergfahrten im Sommer – ins Allgäu wird geradelt – verpflegt man sich selbst. Im Rucksack sind ein Benzinkocher und eine Pfanne verstaut. „Einer brachte einen Karton rohe Eier mit, ein anderer gekochte Kartoffeln. Dann haben wir die Eier in die Pfanne gehaut und dazu Bratkartoffeln gemacht“, erinnert sich die Seniorin. Die Kameradschaft sei großgeschrieben worden. Auch nachdem Augsburg im Februar 1944 bombardiert worden ist, herrscht Sehnsucht nach den Bergen, auch um die Schrecken des Krieges zu vergessen. Zu Ostern 1944 notiert Rosa Schurr im Fahrtenbuch: „Wir wollten an den Feiertagen nicht in Angst und Sorge im Bunker sitzen, wenn die Welt in einen irren Trümmerhaufen verwandelt wird.“

Benno Helf leitete den Alpenverein sehr lange

Nach Kriegsende macht sich trotz wirtschaftlicher Not große Aufbruchsstimmung breit. „Wir junge Burschen hatten riesigen Nachholbedarf, verbrachten unsere freie Zeit immer in den Bergen“, erzählt der fast 90-jährige Benno Helf, der die Geschicke der Sektion als Vorsitzender fast drei Jahrzehnte geleitet hat. Um 1950 bricht man in kleinen Gruppen mit dem Fahrrad ins Allgäu auf, übernachtet spartanisch bei einem Bauern im Stadel oder im Zelt. Das Geld ist knapp. Ein Metzger unter den Bergkameraden versorgt die Gruppe mit Landjägern. „Beim Klettern haben wir uns das Hanfseil mit einem Knoten um den Bauch gebunden, die schweren Bergstiefel waren mit einem Tricouni-Beschlag versehen“, beschreibt er die einfache Ausrüstung in den Nachkriegsjahren.

Die Berge halten jung. Ein Beispiel dafür ist auch Robert „Roby“ Ruisinger, ein unverwüstliches Urgestein der Sektion, ein „Tausendsassa“. Roby ist 82 Jahre alt, ein Allrounder, der Ski fährt, mit dem Rennradl auch noch 100 Kilometer herunterstrampelt, Kurse gibt, Gymnastikstunden hält, mit Senioren auf Nordic-Walking-Wegen unterwegs ist. Legendär sind Robys Gymnastikstunden beim Alpenverein. Er führte vor 50 Jahren als einer der ersten Musik beim Warmmachen ein. „Das war damals Rock’n’ Roll. Und das sagten die Leute: ,Das ist doch keine Musik‘. Ich entgegnete: ,Ich kann doch nicht mit Schuhplatteln Gymnastik machen‘.“

Heute wird beim Alpenverein auch gebouldert

„Die Sektion Augsburg ist bunt und modern“, umschreibt Vorsitzender Thomas John kurz und prägnant das Innenleben der Gemeinschaft, in der sich heute in zahlreichen Abteilungen Bergfreunde aller Altersgruppen wohlfühlen: Familien mit Kleinkindern, junge Kletterfreaks, Boulderer, Wanderer, erfahrene Alpinisten, Mountainbiker, Skifahrer, Tourengeher und Senioren. Der Sektion gehören drei Hütten, das erst im Juni 2018 eröffnete Landesleistungszentrum für Klettern an der Augsburger Sportanlage Süd ist ein Leuchtturmprojekt, das bereits bundesweit Beachtung findet.

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