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Augsburg

14.08.2019

Diese Männer entlarven Verfasser anonymer Schreiben

Sprachprofiler Patrick Rottler (links) arbeitet am Institut für forensische Textanalyse in München. Geschäftsführer Leo Martin (rechts) ist gebürtiger Augsburger.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus Patrick Rottler arbeitet am Institut für forensische Textanalyse als Sprachprofiler. Wie er knifflige Fälle löst und für welche Auftraggeber das Institut arbeitet.

"Die Fischplatte stinkt bis zum Himmel." Diese negative Bewertung im Internet wollte ein Gastronom nicht auf sich sitzen lassen. Schließlich bot er die Speise noch nicht einmal an. Wer also steckte hinter dieser Lüge? Es war ein typischer Fall für Patrick Rottler, der einst in Augsburg Kommunikationswissenschaften studiert hat. Als Sprachprofiler arbeitet der 25-Jährige am Institut für forensische Textanalyse in München. Seine Aufgabe ist es, anonymen Verfassern von Drohbriefen und Schmähungen auf die Schliche zu kommen.

Immer wieder erhielt das Sternelokal im Internet schlechte Bewertungen. Der verzweifelte und verärgerte Restaurantbetreiber bat das Münchner Institut, das der gebürtige Augsburger Leo Martin in München gegründet hat, irgendwann um Hilfe. Er wollte der gezielten Rufschädigung ein Ende bereiten. Patrick Rottler erzählt, wie der Verfasser der geschäftsschädigenden Zeilen entdeckt wurde. "Zufällig stellte sich heraus, dass zwei Häuser weiter ein Mann lebte, der sich von den Anlieferungen des Restaurants gestört fühlte und genervt war."

Sie konfrontierten den Nachbarn mit den Texten

Der Sprachprofiler gelangte an geschriebene Texte des Anwohners. Vergleichstexte, werden diese von Experten genannt. Anhand dieser untersucht Rottler, ob es Parallelen zu anonymen Schreiben gibt. Er ist Experte der vergleichenden Sprachanalyse. In diesem Fall landete Rottler, der in Passau geboren ist, einen Volltreffer.

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"Wir konfrontierten den Nachbarn damit. Er gab alles zu." Man habe sich darauf geeinigt, keine Polizei einzuschalten. "Damit war der Fall erledigt." Wie man Sprachprofiler wird? Bei Patrick Rottler war ein Geschenk ein Auslöser. Die Sprache an sich, habe ihn schon immer fasziniert, erzählt der junge Mann. Ein Freund habe ihm einst einen Schnuppertag bei dem Wissenschaftler Raimund Drommel geschenkt.

Dieser gilt als Begründer der sprachwissenschaftlichen Kriminalistik. Rottler war von der Arbeit so begeistert, dass er sich nun an dem Münchner Institut, bei dem der Professor auch arbeitet, zwei Jahre lang ausbilden lässt. Der Leiter des Instituts, Leo Martin, bescheinigt dem jungen Kollegen großes Talent.

"Er hat ein sehr gutes Gespür für die Sprache." Martin, gebürtiger Augsburger, hat selbst eine klassische Polizeiausbildung absolviert und arbeitete auch beim Verfassungsschutz. Viele Kunden des Münchner Instituts kommen aus der Wirtschaft. Da geht es um Verrat von Betriebsgeheimnissen, Spionage, Erpressung oder gar Morddrohung. "Wir arbeiten für viele Auftraggeber, die keine Staatsanwaltschaft einschalten wollen", erklärt Institutsleiter Leo Martin. Ihre Aufklärungsquote liege bei 100 Prozent, sagt der 43-Jährige. Angenommen würden allerdings nur Aufträge, bei denen die Experten eine reale Chance auf Erfolg sehen. Oft sind es die kaum wahrnehmbaren Feinheiten, die Experten wie Patrick Rottler bei einer Sprachanalyse auffallen. Er nennt ein Beispiel, ohne zu viel verraten zu wollen.

Sprachprofiler durchschauen Ablenkungsmanöver

"Wenn jemand im Text die Worte ,SMS‘ oder ,Fotoapparat‘ verwendet oder ,Du‘ und ,Sie‘ konsequent groß schreibt, lässt das auf jemand Älteren schließen." Er kennt aber auch die Tricks von anonymen Verfassern, mit denen sie sich verstellen wollen. So stecke hinter einem formulierten "Wir" meist doch nur ein Einzelner. Rottler analysiert in anonymen Briefen, SMS oder Kurznachrichten unterschiedliche Merkmale, wie etwa die optische Gestaltung eines Schreibens, die Grammatik oder die Häufigkeit von Synonymen.

Bei seiner Arbeit verwendet er auch wissenschaftliche Datenbanken, die sich etwa mit der deutschen Gegenwartssprache befassen. Seine Gutachten umfassen zwischen 40 und 80 Seiten und dokumentieren, wie der Sprachprofiler zu seinen Ergebnissen kam. Oft seien die Auftraggeber auch Privatpersonen. Wenn es etwa um Stalkingfälle geht. "Klassisch sind aber auch Testamentsfälle", berichtet Leo Martin. Beide plaudern noch einmal aus dem Nähkästchen.

Plötzlich tauchten nach dem Tod der Oma Briefe auf

Eine ältere Dame war verstorben. Als es um ihr Testament ging, tauchten plötzlich angebliche Briefe der Oma auf. In denen vermachte sie wertvolle Kunstwerke im Wert von knapp zwei Millionen Euro ihrem einstigen Liebhaber. Skeptische Familienangehörige wandten sich an das Institut. Dort konnte man nachweisen, dass es sich bei den Briefen der Verstorbenen um Fälschungen gehandelt hatte. Oft genug, so erzählt Leo Martin, landen die Ergebnisberichte des Instituts vor Gericht. "Es bringt die Behörden dazu zu ermitteln." Drohbriefe aus Zeitungsschnipseln – gibt es die wirklich?

"Hin und wieder", sagt Martin. Dabei seien derartige Drohbriefe eher aus dem Fernsehen bekannt. "Weil dann dem Dümmsten klar wird, hier geht es um eine Erpressung", meint er und lacht. "Wenn heutzutage so etwas auftaucht, gehen wir bei dem Verfasser von einem geringen Bildungsstand aus."

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