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Augsburg

29.10.2019

Dieser Augsburger wird "bestraft", weil er wenig Miete verlangt

„Die Finanzbehörden treiben die Mieten in die Höhe“: Hubert Haßlacher vermietet seit vielen Jahren eine Wohnung in Lechhausen. Bislang hat er dafür immer wenig Geld verlangt – bis ihm das Finanzamt einen Strich durch die Rechnung machte.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Hubert Haßlacher vermietet in Lechhausen eine Wohnung. Weil sie nicht saniert ist, verlangte er wenig Geld. Das hatte Konsequenzen vonseiten des Finanzamtes.

Seit zehn Jahren vermietet Hubert Haßlacher in der Stadt eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Er verlangte dafür immer wenig Geld. Der Augsburger sagt, er sei sozial eingestellt. Außerdem erinnert er sich an früher, als er selbst noch Mieter war und ihm jährlich die Kosten erhöht wurden. So wollte er mit seinen Mietern nie umgehen. Doch dann wies ihn das Finanzamt darauf hin, dass er seine Wohnung zu billig vermietet – mit negativen, steuerlichen Auswirkungen für ihn.

Vermieter in Augsburg: "Dachte, ich bin recht ordentlich dabei"

Haßlacher war über die Nachricht mehr als überrascht. Ursprünglich hatte der gelernte Kaufmann für seine 47 Quadratmeter große Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Lechhausen 320 Euro Kaltmiete verlangt. „Die Wohnung ist Baujahr 1954, hat eine alte Küche, zwei Gasöfen und ist nicht saniert.“ Die Wohnung, so erzählt er, sei in Ordnung. Aber sie biete eben keinen großen Komfort. „Ich dachte, mit 320 Euro bin ich recht ordentlich dabei. Das sind 6,81 Euro pro Quadratmeter.“ Das Finanzamt Augsburg befand seine Mieteinnahmen jedoch als zu gering.

In Haßlachers Einkommensteuerbescheid machte die Behörde ihn darauf aufmerksam: Seine Mieteinnahmen würden weniger als 66 Prozent der ortsüblichen Marktmiete betragen. Infolgedessen könne er nur knapp zwei Drittel seiner Werbungskosten von der Steuer absetzen. Tatsächlich ist diese 66-Prozent-Regelung im Einkommensteuergesetz unter Paragraf 21 festgehalten. Dennoch: Der 74-jährige Wohnungseigentümer verstand die Welt nicht mehr. Erst recht nicht, als er selbst auf der Homepage der Stadt Augsburg den städtischen Mietspiegel für seine Wohnung ausrechnete.

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Finanzamt Augsburg war die Miete zu niedrig

Dazu gab er Merkmale seiner Wohnung ein, wie etwa ihre Lage und die Ausstattung mit zwei Gasöfen. Das Ergebnis lag zwischen 4,80 und 7,04 Euro. Davon ausgehend, befand sich der Rentner mit seiner einstigen Miete sogar im oberen Bereich. Doch dem Finanzamt Augsburg war die Miete zu niedrig. „Keine Ahnung, wie sie darauf kamen. Vielleicht gingen sie nicht nach dem Mietspiegel, sondern nach dem Mietmittelwert“, vermutet Haßlacher.

Nachgefragt bei der Augsburger Behörde sagt ein Sprecher, dass man sich bei den Überprüfungen durchaus nach dem Mietspiegel richte. Bei den Massenverfahren einer Steuererklärung könne man aber eine fehlerhafte Berechnung grundsätzlich nicht ausschließen, räumt er ein. Darum stehe jedem Bürger Einspruch zu. Zum konkreten Fall kann und will sich der Sprecher nicht äußern.

Das Thema Miethöhe und Anrechnung der Werbungskosten taucht häufig auf. „Es spielt seit vielen Jahren in den Einkommensteuererklärungen eine große Rolle“, weiß Andreas Settele von der Steuerkanzlei Settele & Partner in Haunstetten. Bislang seien Fälle von zu günstigen Vermietungen vor allem innerhalb von Familien vorgekommen. Dann konnten nicht alle Nebenkosten und Zinsen geltend gemacht werden. In der Politik wird über die angesetzte steuerliche Grenze bei Mieteinnahmen längst diskutiert.

So hatte der Freistaat Bayern eine Bundesratsinitiative mit der Forderung gestartet, dass Vermieter statt 66 Prozent der Durchschnittsmiete auch nur 50 Prozent verlangen können, ohne steuerliche Auswirkungen zu spüren. Allerdings wurde das Vorhaben im Finanzausschuss zerschlagen, berichtet Volker Ullrich. Der Augsburger Bundestagsabgeordnete und wohnungspolitische Sprecher der CSU will im Bemühen um die Senkung der Grenze aber nicht locker lassen, beteuert er auf AZ-Anfrage.

CSU-Politiker Volker Ullrich stellt zwei Forderungen

Ullrich bemängelt, Finanzämter würden unterschiedliche Kriterien heranziehen, um einen Mietspiegel zu errechnen. Er stellt zwei Forderungen: Die Grenze statt 66 Prozent bei 50 Prozent anzusetzen und mehr Transparenz bei den Finanzämtern, wenn es darum geht, welche Daten bei Vergleichsmieten herangezogen werden.

„Es kann nicht sein, dass soziale Vermieter, die besonders günstig vermieten, am Ende die Dummen sind, weil sie ihre Aufwendungen nicht absetzen dürfen“, findet Ullrich. Ihm sei natürlich bewusst, dass dies nur ein kleiner Aspekt im Kampf gegen steigende Mieten sei. „Aber aus meiner Sicht wäre das ein Beitrag zum günstigen Wohnen.“

Hubert Haßlacher hat aufgrund des Finanzamtbescheides eine Entscheidung getroffen. Der Rentner sagt, er fühlte sich zu einer deutlichen Mieterhöhung genötigt. „Wenn das Finanzamt ein gutes Drittel meiner Werbungskosten abzieht, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als ein Drittel der Miete drauf zu schlagen.“

Schließlich sehe er es auch nicht ein, auf einen Teil seiner Werbungskosten sitzen zu bleiben, nur weil er eine allgemeinverträgliche Miete verlange, sagt der Augsburger. Die Kaltmiete hat Haßlacher inzwischen um hundert Euro angezogen. Da der 74-Jährige zu dem Zeitpunkt einen Mieterwechsel in seiner Lechhauser Wohnung hatte, konnte er so deutlich erhöhen. Sein neuer Mieter zahlt nun monatlich für die beiden Zimmer 420 Euro. Der Arbeiter, der wegen seines Jobs aus dem Umland in die Stadt zog, habe sich über die Wohnung trotzdem gefreut, berichtet Hubert Haßlacher. Doch er findet: Die Finanzbehörden treiben mit diesem Gebaren die Mieten in die Höhe.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Die steuerliche Regelung bei Mieten ist in dieser Form überholt

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29.10.2019

Bearbeitungsfehler oder System zur Enteignung von Vermietern?

Keiner gibt Antworten - der Bürger bleibt ratlos zurück.

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29.10.2019

Das System soll Scheinvermietungen verhindern, dass jemand seine Kinder für 10 symbolische Euro Kaltmiete wohnen lässt und dann mehr von seinen Einkünften abschreibt, als er über die Miete einnimmt. Aber im Grunde genommen ist es idiotisch.

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