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Simon Jacob

07.02.2016

Dieser Mann ist im Nahen Osten für den Frieden unterwegs

Simon Jacob kurz vor Weihnachten vor den Trümmern von Sindschar. Im vergangenen November befreiten Peschmerga-Kämpfer die irakische Stadt aus den Händen des IS.
Bild: Rone Al Sabty

Simon Jacob ist in einem syrisch-orthodoxen Dorf geboren und in Augsburg aufgewachsen. Ein Christ, dem der Krieg im Nahen Osten keine Ruhe lässt. Nun war er monatelang dort unterwegs.

Simon Jacob ist ungeduldig. Erst vor wenigen Tagen ist er von seiner Expedition durch die Türkei, Georgien, Armenien, Syrien und den Irak zurückgekehrt. Beim Treffen in Augsburg wirkt er etwas müde, angespannt. Er trägt Lederjacke und Jeans, legt Laptop und Handy neben sich auf den Küchentisch. Mitten im Winter ist der 37-jährige Augsburger per Flugzeug, Auto, Minibus und zu Fuß den Spuren von Christen, Jesiden und Muslimen im Orient und im Kaukasus gefolgt. Er sprach mit den Geistlichen der Minderheiten, mit militärischen Führern, Kämpfern und einfachen Menschen.

Jetzt, wieder in Deutschland, will er all das loswerden. In seinen Erzählungen mischen sich Empörung, Bewunderung, Entsetzen. Ein Wechselbad der Gefühle.

Mit eigenen Augen wollte Simon Jacob sehen, ob Dialog und Empathie zwischen den Ethnien und Religionen noch möglich sind. „Ich habe gehofft, dass trotz der Brutalität Assads und des IS in Syrien, trotz der wieder alltäglichen Repressionen des türkischen Militärs gegen die Kurden, die Menschen noch Hoffnung auf ein besseres Leben haben“, sagt Jacob. Im Sommer hat er seinen Job als Europa- und Nahost-Analyst bei einer großen US-Beratungsfirma in München gekündigt und sich Ende September auf den Weg gemacht. Sein Projekt heißt „Globalo Youth Peacemaker Tour“, läuft unter dem Dach des Zentralrats der Orientalischen Christen, dessen Gründungsvorsitzender Jacob war. Nun nennt er sich Friedensbotschafter. „Peacemaker“, das heißt „Friedensstifter“.

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Diese Reise ist sein Ding. Sie ist ihm so wichtig gewesen, dass er seither vom Ersparten lebt und zusätzlich zu den Spenden, die der Zentralrat für das Projekt erhält, eigenes Geld zuschießt. „Ich bin gläubiger Christ, ich kann nicht einfach zuschauen. Ich muss helfen, indem ich wenigstens auf das Leiden der Menschen aufmerksam mache.“ So erklärt Jacob seine Mission. „Dass wir Christen sind, ist aber zweitrangig. Wir wollen die Menschen zusammenbringen.“

"Viele Menschen im Nahen Osten leben sehr wohl in Frieden zusammen"

Jacob wurde in Kafro geboren, einem syrisch-orthodoxen Dorf im türkischen Tur Abdin. Seine Muttersprachen sind Deutsch und Suryoyo, jener westaramäische Dialekt, den vor 2000 Jahren schon Jesus gesprochen haben soll. 1980, da war er zwei Jahre alt, flohen seine Eltern nach Deutschland. Sie ließen sich in Augsburg nieder, wo sie sich der syrisch-orthodoxen Gemeinde anschlossen.

Jacob besuchte einen katholischen Kindergarten, dann die Hauptschule, später schaffte er den Realschulabschluss. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung eröffnete er erst eine Firma für das Designen von MP3-Playern und anschließend eine Beratungsfirma in München. Mit ihr organisierte er Reisen für Delegationen aus Medien, Politik und Wirtschaft in die Türkei, den Irak sowie nach Syrien.

Jetzt also „Peacemaker“. Seine erste Station hieß Istanbul, die letzte Qamishli an der syrisch-türkischen Grenze. Sein Fazit: „Viele Menschen im Nahen Osten leben sehr wohl in Frieden zusammen – egal, woran sie glauben oder welcher Ethnie sie angehören.“ Ein Jugendlicher in der irakisch-kurdischen Autonomieregion nahe der syrischen Grenze symbolisiert für Jacob Teenager-Normalität mitten im Chaos. Er traf ihn in einem Café, und der junge Mann erzählte begeistert von seiner Freundin. „Er war zuversichtlich, weil er sich erstmals mit ihr frei auf der Straße zeigen konnte“, erzählt Jacob.

Simon Jacob erinnert sich an Massengräber und Verzweiflung

Doch jetzt, kurz nach der Rückkehr, überwiegen die grausigen Erinnerungen. An Bilder und Geschichten, die er loswerden muss, ordnen, verarbeiten. Nicht nur im Laptop und in seinem Internet-Blog, sondern auch im Kopf. Erinnerungen an die Massengräber, an Sklavinnenhäuser im Irak, an die Verzweiflung der Menschen, mit denen er sprach. Auch die Gefahren, denen er sich selbst aussetzte, prägen. Er sagt, er schreibe jetzt viel. Das erleichtert. Außerdem trudeln erste Anfragen ein, vom Europäischen Parlament, Parteien und Vereinen. Seine Einschätzungen sind gefragt. Ob auch schon ein Geheimdienst an ihn herangetreten sei? „Nee, der BND hat sich noch nicht gemeldet“, sagt Jacob amüsiert.

Anfang Dezember erreichte er über die kurdische Hauptstadt Erbil die Region Shingal im Nordirak. Jesidische Kampfeinheiten begleiteten ihn von dort in die völlig zerstörte, mit Leichen übersäte Stadt Sindschar. „Der IS hat alles vermint, jeder Schritt kann den Tod bedeuten. Ich musste sehr vorsichtig sein. Für die Menschen ist das die Hölle. Sie bleiben trotzdem, nicht jeder hat das Geld für ein Ticket nach Europa.“

Die erschütterndsten Momente, erzählt Jacob, erlebte er in Sherfedin, der zweitheiligsten Stadt der Jesiden am Fuße des Shingal-Gebirges. Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit in der Region. Der IS griff hier im August 2014 an. Er belagerte vier Monate lang das Heiligtum. Unter den 17 Männern, die sich dort verschanzt hatten, waren auch zwei Jesiden mit deutschem Pass, die aus der Stadt stammten, wie sie Jacob erzählten.

Im Dezember schlugen Peschmerga-Kämpfer den IS, seit Anfang 2015 gehört das Gebiet wieder zur irakisch-kurdischen Autonomieregion. Die Bewohner, die den Massakern entkommen und zurückgekehrt waren, zeigten dem Augsburger fußballfeldgroße Halden mit Kinderskeletten. „Dieses Massengrab war unglaublich. Überall lagen Gebeine und kleine Schädel. Wenn ich mit der Hand nur ein wenig unter die Erde fasste, hatte ich weitere Knochen in der Hand.“ Jacobs Blick wird unstet. Er hat diese Erlebnisse noch niemandem erzählt.

Auf seinen Fotos hat er zertrümmerte Schädel dokumentiert. Kleine Kiefer und Zähne liegen in einigem Abstand daneben. „Das Areal ist ein fürchterliches Zeugnis dieses Massakers an Frauen und Kindern.“ Auf den Fotos leuchten im Hintergrund die roten Wände eines zerstörten Hauses. Das Dach fehlt. Dort, berichtet Simon Jacob, sollen die IS-Terroristen Frauen und Mädchen gefangen gehalten und verkauft haben. Saudische Geschäftsmänner und Golfaraber seien angereist, um sie als Sklavinnen zu ersteigern.

Das bringt Jacob richtig in Rage. „Verstehen Sie? Bürger Saudi-Arabiens, des wichtigsten strategischen Partners des Westens im Nahen Osten, kaufen auf dem IS-Markt jesidische Mädchen ein wie Tomaten.“ Die andere Hälfte des roten Gebäudes nennen die Dorfbewohner „Schlachthaus“. Hier wurden die Männer hingerichtet.

Die Überlebenden nahmen grausam Rache an den IS-Soldaten. „Ich habe in Sindschar die verstümmelte Leiche eines IS-Kämpfers gesehen. Zunächst dachte ich: Geschieht ihm recht. Dann habe ich neben den Körperteilen in den Trümmern ein Album mit Fotos von ihm mit seinen Frauen und Kindern entdeckt. Die Bilder und die Scham über meine eigenen Rachegefühle trafen mich wie ein Schlag.“ Die halb verweste Leiche zu sehen, habe ihn kaltgelassen. Innerlich so taub zu sein, sagt er, habe ihn als gläubigen Christen erschreckt. Es ist diese Kälte, die Empathie und Menschlichkeit tötet und den Krieg am Laufen hält.

Allerdings konnte er auch beobachten, dass sich die kurdische Autonomiebehörde in ihren Städten um Rechtsstaatlichkeit bemüht. Eines seiner etwa 20 Videos, die er von der Reise mitgebracht hat und noch schneiden muss, zeigt einen Peschmerga-Kommandanten aus Kirkuk. Er spricht Deutsch, hat sein halbes Leben hier verbracht. Nachts bringt er heimlich festgenommene IS-Kämpfer nach Erbil, um sie vor Rache und der Lynchjustiz der lokalen Bevölkerung zu schützen und sie vor Gericht stellen zu können.

Ende des Monats geht es in den Iran

In diesem Winter, in dem kaum noch ein westlicher Journalist aus den irakischen und syrischen Krisengebieten berichtet, machen solche Details die Berichte von Simon Jacob auch politisch wertvoll. In der Nähe von Kobane konnte er kurz vor Weihnachten ein Treffen mit den Syrian Democratic Forces (SDF) arrangieren, jenem Zusammenschluss kurdischer Kämpfer, bewaffneter christlicher Milizen, sunnitischer Stämme und lokaler Kommandos der Freien Syrischen Armee, die seit Mitte Oktober mit Unterstützung der Nato vor allem gegen Rakka, die zentrale Stadt des IS, vorgehen. Jacob interviewte unter anderem Colonel Tala Ali Selo, den Sprecher der Allianz.

Er ist turkmenischer Abstammung und gehört der Freien Syrischen Armee an. Jacob sagt: „Je breiter die Anti-IS-Basis, desto besser. Die sunnitischen Stämme sind ein Schlüssel im Kampf gegen diese Terroristen.“

Verhandlungen, an denen Assad und der IS beteiligt sind, lehnen die Stämme, aber auch die anderen Einheiten der SDF bisher kategorisch ab. Auch wenn Jacob selbst überzeugt ist, dass Verhandlungen ohne Assad nicht möglich sein werden – er versteht ihren Standpunkt. Er hütet sich vor einfachen Wahrheiten und Lösungen. Nur eine Forderung vertritt er radikal: Um die junge Generation dort bei der Stange zu halten, müsse die Europäische Union schon bald einen Marshallplan aufstellen. Vor allem für Bildung und Infrastruktur. „Das wäre ein gutes Signal für die jungen Leute. Sie fühlten sich anerkannt, wertgeschätzt und hätten eine Perspektive – ohne sich auf den Weg nach Europa begeben zu müssen.“

Fast im Kielwasser der großen internationalen Politik geht es für Simon Jacob Ende des Monats in den Iran. Das Visum ist erteilt, die ersten Termine mit Abgeordneten und Geistlichen sind festgezurrt. Von dort wird es weitergehen nach Ägypten, Jordanien, in den Libanon und zum Schluss nach Israel, jene Region, in der sich die Religionen und ihre Geschichten so nah sind wie an keinem anderen Ort des Nahen Ostens.

Wenn er wiederkommt, will er die Geschichten und Bilder dieser Spurensuche aufschreiben. Er, der Friedenssucher. Damit die Menschen, die die Geschichten erzählt haben, nicht vergessen werden.

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