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28.06.2017

Dieser Wunderknabe entzückt die Jazzwelt

Porträt Seit Jahren reißt Pianist Joey Alexander das Publikum aus den Sitzen. Dabei ist er gerade einmal 14. Seine Geschichte begann auf Bali. Inzwischen sagen Stars wie Herbie Hancock: „Der nimmt mir den Job weg“

New York Wunderkinder gibt es schon mehr als genug. Selbsternannte oder von oberflächlichen Journalisten und bauernschlauen Promotern gehypte. Manchmal hat es sogar den Anschein, als wäre es grundsätzlich schon ein Wunder, wenn sich ein Mensch im Kindesalter in der Ära von Downloads und Computerklängen noch mit Musik beschäftigt.

Auf Wikipedia findet sich eine Aufzählung, die natürlich Wolfgang Amadeus Mozart, den Geiger Yehudi Menuhin, die Schach-Genies Bobby Fischer und Judith Polgar und den „King Of Pop“ Michael Jackson beinhaltet. Es gibt aber auch solche Obskuritäten wie Christian Heinrich Heineken, der zweijährig schon Lateinisch und Französisch beherrscht haben soll, in Mathematik brillierte und mit viereinhalb Jahren starb. Joey Alexander fehlt in der Aufzählung. Hat da jemand vergessen zu aktualisieren?

Fakt ist: Selbst bei notorischen Gegnern der Wunderkind-Manie wie George Wein, dem Gründer des ältesten Jazz-Festivals der Welt in Newport, hat inzwischen ein Umdenken stattgefunden. „Was ihn von vielen anderen jungen Musikern unterscheidet, ist seine harmonische Reife“, lobt er den putzigen dunkelhaarigen Kinderstar. „Ihn zu hören, war eine Erfahrung, die ich noch nie zuvor gemacht habe. Sein Stil und seine Reife sind einzigartig in diesen jungen Jahren.“ Deshalb ließ Wein diesen kleinen Indonesier, der eigentlich Josiah Alexander Sila heißt, schon im noch schutzbedürftigen Alter von elf Jahren neben Giganten wie Cassandra Wilson oder Jack DeJohnette in Newport auftreten als pianistisches Zugpferd.

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Drei Jahre ist das her, und Joey Alexander gilt längst – so grotesk das klingt – als arrivierte Größe im Jazz, dieser erzkonservativen Musik älterer Männer, bei der für Kinder eigentlich keine Rollen vorgesehen sind. Man kann darüber spekulieren, ob es ein cleverer Schachzug der schleichend in die Bedeutungslosigkeit versinkenden Musikindustrie war, dieses muntere Kerlchen, das sich nach wie vor für Sponge Bob und das Superheldenteam „The Avengers“ begeistert, auf den Schild zu heben. Seit 2014 verzückt der kleine Tastenvirtuose reihenweise die Jazzprominenz wie auch das Publikum mit einer Vortragsweise, die man bei geschlossenen Augen eher Weltstars wie Chick Corea oder Herbie Hancock zuordnen würde.

„Er nimmt mir den Job weg“, ereiferte sich Letztgenannter im Scherz. Wynton Marsalis, der Joey zu seinem ersten Auftritt nach New York holte, bezeichnete ihn auf seiner Facebook-Seite als seinen Helden. „Ich kenne niemanden, der in diesem Alter schon so spielen konnte“, meint der Trompeter, der selber kein Spätstarter war. „Ich liebe alles an seinem Spiel – seinen Rhythmus, sein Selbstvertrauen und sein Verständnis der Musik.“ Und das Fachmagazin Down Beat schrieb euphorisch: „Wenn das Wort,Genie‘ noch eine Bedeutung hat, dann verdient dieses Wunderkind diese Bezeichnung“.

Also doch ein Wunderknabe. „Ich liebe Jazz. Da kann ich spontan sein und mich frei ausdrücken“, sagt Joey Alexander mit einer Gelassenheit und Überzeugungskraft, die verblüfft. Und jetzt genau aufpassen, liebe Dauernörgler: „Jazz ist Spaß-Musik. Es ist, als würde ein Musiker rufen, der andere antworten, und so erzählen alle ihre eigene Geschichte, durch Improvisation. Jeder hat doch seine eigene Geschichte.“

Die von Joey Alexander begann in Denpasar auf der indonesischen Insel Bali, wo er 2003 geboren wurde. Sein Vater Denny spielte ihm nach einem Studien-Aufenthalt in New York als eine Art frühkindliche Prägung die Musik alter Meister wie Louis Armstrong, Thelonious Monk, Duke Ellington oder Horace Silver auf dem Klavier vor. Der Kleine hörte begeistert zu, entwickelte spielerisch Gehör und Sinn für Swing, Noten und Tempo. Mit sechs saß er zum ersten Mal über den Tasten, mit neun gewann Joey in der Ukraine einen Nachwuchswettbewerb. Den Rest besorgte dann ein YouTube-Video, das zufällig Wynton Marsalis sah. Der Direktor des Jazz-Programms am New Yorker Lincoln Center lud den Jungen zu einer Gala ein, wo Joey das Publikum mit einer betörenden Version des beinahe schon totgenudelten Monk-Standards „Round Midnight“ aus den Sesseln riss. Die Einwanderungsbehörde stellte dem Kind ein Visum aus – „für Einzelpersonen mit außerordentlichen Fähigkeiten“. Seither lebt die tiefgläubige Christen-Familie um Vater Denny und Mutter Fara in New York den Traum ihres Jungen: Jazz.

Zwei Alben gibt es bereits, die seinen Namen tragen: Das Debüt „Giant Steps“ erschien 2015, „Countdown“ (beide Motéma/Membran) Ende vergangenen Jahres. Keine Ansammlungen simpler Melodien, sondern durchwegs schwerer Stoff, leicht und swingend zubereitet, mal solo, mal mit einer Band voller gestandener Jazzmusiker wie Chris Potter oder Larry Grenadier. Allüren kennt der frühreife Tastenzauberer (noch?) nicht. Er lächelt entspannt, reagiert professionell, kann sich wie ein Großer konzentrieren und spielt sich in einen Strudel voller Noten und überraschender Wendungen hinein. Das Resultat von knallhartem Drill? „Ich übe nicht mehr als zwei Stunden am Tag“, erzählt Joey, und man wundert sich erneut, wie so etwas funktionieren kann.

Eigentlich sind seine Finger für die ausgedehnte Klaviatur viel zu klein und die Pedale für die kurzen Beine entschieden zu weit weg. „Ich werde schon noch wachsen. Und vielleicht werde ich manche Dinge dann auch besser verstehen.“ Ein paar Mal sieht es so aus, als könne es Joey Alexander selbst nicht begreifen, welchen Höhenflug der Töne er dem Piano da gerade entlockt. Dann zieht er immer die Augenbrauen hinter seiner großen Hornbrille hoch. Ein Wunder, dieses Kind.

Konzert Joey Alexander tritt zusammen mit Bassist Alex Claffy und Schlagzeuger Willie Jones III am 20. Juli in Schloss Elmau bei Garmisch auf.

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