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Augsburg

08.11.2015

Dramatisches Finale beim Poetry Slam

And the winner is: Jan Philipp Zymny entschied den Slam 2015 für sich.
Bild: Eric Zwang-Eriksson

Der Andrang ist riesig gewesen – 10.000 Besucher haben die deutsche Meisterschaft im Poetry Slam in der Kongresshalle Augsburg verfolgt. Am Ende wurde es dramatisch.

Als alles vorbei ist, liegt der Übeltäter des Abends zwischen goldenem Glitter auf dem Technikpult auf der Bühne. Die Ein-Euro-Münze hatte zuvor über Gewinnen und Verlieren entschieden. Über Glück und Enttäuschung. Sie war Teil des kleinen Dramas im Finale im Einzelwettbewerb der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften.

Aber beginnen wir von vorne. Es ist Samstagabend, die Endrunde im Einzelwettbewerb steht im Kongress am Park an. Es soll der große Abschluss vom Slam 2015 werden. Oberbürgermeister Kurt Gribl ist da und selbst Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Der Veranstaltungssaal ist voll besetzt. Bereits seit Dienstag sind die besten Slammer Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Luxemburgs in Augsburg, um ihre selbstverfassten Texte vor einem Publikum vorzutragen. In mehreren Vorrunden, im Einzel- und im Teamwettbewerb traten insgesamt rund 160 Poeten gegeneinander an.

Wie an jedem der vergangenen vier Abende startet der Wettbewerb mit einem kurzen Video. Es ist das tägliche Abendritual. Im Stil einer Fernsehansagerin der 80er Jahre begrüßt eine Frau die Zuschauer zur „Festivität gewidmet der Poesie und den genialen Gedanken, dem hochperformativen Vortrag und dem verbalen Rock’n’Roll“. Dann trägt sie die Sponsoren der Veranstaltung vor. Und da die meisten der Zuschauer nicht zum ersten Mal in dieser Woche beim Slam sind, können sie diese mantramäßig mitsprechen. Die Stadt Augsburg – „amoooore“. Die Sparkasse – „money, money, money“. Die Lechwerke – „das gibt Energie“. Und so weiter und so fort. Am Ende des Videos gibt es noch „bussi, merci und amore“ für alle. Schließlich ist sie eine große Family, die Slamily. Dann kann der Abend starten.

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Aufgeregter Moderator

Horst Thieme tritt auf die Bühne, Moderator des Finales, aber auch Organisator der diesjährigen Slam Meisterschaften in Augsburg. Er ist sichtlich aufgeregt. Dabei ahnt er in diesem Moment noch nicht, was auf ihn zukommen wird. Dass am Ende des Abends alle vom „horst case“ sprechen werden, angelehnt ans englische „worst case“, dem schlimmsten aller möglichen Fälle.

Für alle, die noch nie zuvor auf einem Poetry Slam waren (eine kleine Minderheit im Saal) erklärt Thieme noch einmal die Regeln. Fünf Minuten hat jeder Poet Zeit, einen selbstverfassten Text vorzutragen. Wer überzieht, wird mit lauter Musik von der Bühne „gebeten“, im schlimmsten Falle sogar von dieser runtergetanzt oder runtergetragen (wie man in den vergangenen Tagen miterleben konnte).

Danach bewerten sieben Menschen aus dem Publikum, die zuvor zufällig ausgewählt worden sind, den Text. Dafür halten sie eine Tafel mit einer Zahl zwischen eins und zehn hoch. Dazwischen wird in Zehntel-Schritten abgestuft. Im Finale treten in drei Runden jeweils drei Poeten gegeneinander an. Der Punktbeste pro Runde zieht ins finale Stechen ein.

Zunächst messen sich Julian Heun, Fabian Navarro und David Friedrich in der Dichtkunst. Heun hat sich gerade von seiner Freundin „getrennt… worden bin“ und versucht als „Lord Chancenlos“ eine neue Frau anzusprechen. In David Friedrichs Text „Heiter bis bewölkt“ geht es um Krieg und Desinteresse – denn „durch das Feuer vor dem Fenster stehst du erst im richtigen Licht“. Und Fabian Navarro hat eine Rittergeschichte in Reimform mitgebracht. Mit seiner Wortgewandtheit und einer Prise Witz setzt er sich gegen seine Kontrahenten durch und ist fürs Stechen gesetzt.

In Runde zwei watet Björn H. Katzur mit jeder Menge Systemkritik auf. Jan Philipp Zymny hält ein skurril-witziges Referat über die Liebe – inklusive „Bauanleitung, Gebrauchsanweisung und allgemeinen Geschäftsbedingungen“. Und Lisa Eckhart spricht herrlich ironisch-drastisch und mit der besten Bühnenpräsenz des Abends über Hass, Groll und Züchtigung – „Erziehung darf kein Muster haben, nur so erzieht man Musterknaben“.

So etwas kam bei den Meisterschaften noch nicht vor

Die Jury schenkt Zymny und Eckhart mit je 47,9 Punkten die höchste Punktzahl am Tag. Damit beginnt das Drama: zwei Teilnehmer in einer Runde mit dem gleichen Ergebnis. Moderator Thieme sitzt in der Klemme. „Das hat es meines Wissens in einem Finale der deutschen Slam Meisterschaften noch nie gegeben“, sagt er. Der Münzwurf müsse entscheiden, wer weiterkommt. So stehe es im Regelwerk.

Dem Publikum gefällt das nicht, ein Buh rauscht durch die Menge. Sollen doch beide ins finale Stechen einziehen! Aber Thieme bleibt hart. Denn, so erklärt er später im Gespräch mit unserer Zeitung: „Regeln sind Regeln. Ich musste das durchziehen, sonst hätte das alle vorherigen Entscheidungen entwertet.“ In der ein oder anderen Vorrunde des Slams 2015 habe es ebenfalls einen Punktegleichstand gegeben und der Gewinner wurde per Münzwurf ermittelt. „Ich musste fair gegenüber allen bleiben.“ Für ihn selbst sei das sehr hart gewesen, denn auch er hätte lieber beide Slammer weitergelassen. Aber die Ein-Euro-Münze entscheidet: Zymny zieht ins Stechen ein, Eckhart geht leer aus.

Runde drei verläuft dann wieder mehr nach Plan. Mona Harry hat ein Liebesgedicht an Norddeutschland im Gepäck, inklusive Nachricht an die Süddeutschen: „Ach, bleibt mir weg mit euren Burgen und Bergen, den Kirchen zum Beten und den abscheulich schönen Schlössern und Städten.“ Florian Wintels spricht über einen Versager – „er setzte beim Hunderennen auf das falsche Pferd und hatte zwei rechte Hände, doch war er Linkshänder“. Lars Ruppel, der im vergangenen Jahr den Slam mit einem Text über die Redewendung „Alter Schwede“ für sich entschied, beleuchtet diesmal den Ausdruck „Bei Hempels unterm Sofa“. Auch das kommt bei den Zuhörern an und er darf ebenfalls ins Stechen einziehen.

In diesem setzt sich Zymny mit einem Text, den er bereits in der Vorrunde am Mittwoch vorgetragen hatte, gegen Fabian Navarro und Lars Ruppel durch. Der 22-Jährige aus Bochum kann den Sieg nicht fassen: „Ich bin sehr überwältigt und das drückt es nicht ansatzweise aus. Es sind zu viele Gefühle auf einmal für mein kleines Herz. Und ich freue mich, ich freue mich so krass.“ Gleichzeitig aber bedauerte er die Sache mit dem Münzwurf: „Das war eine sehr leidige Kiste.“

Im nächsten Jahr, wenn die Slam Meisterschaften in Stuttgart ausgetragen werden, wird es die Münz-Regelung nicht mehr geben. Organisator Horst Thieme verriet, dass die Slam Master bei einer Besprechung bereits am Samstagnachmittag entschieden hatten, dass diese Regel ab dem kommenden Jahr nicht mehr gilt. „Sollte ein solcher Fall auftreten, wie wir ihn im Finale hatten, werden vier Leute ins Stechen einziehen“, sagt er. Trotz des Dramas am Ende hat Thieme die Slam-Woche sehr genossen. Insgesamt 10000 Besucher kamen zum Slam 2015 in den Kongress am Park. „Wir waren von fünf Tagen viermal komplett und einmal fast ausverkauft“, sagt Thieme. „Es waren fulminante Meisterschaften.“ Und irgendjemand hat die Ein-Euro-Münze am Samstag dann doch noch von der Bühne entfernt. Für immer.

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