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Region Augsburg

02.07.2012

Drei Schwaben am Hindukusch

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2 Bilder
Sie alle sind derzeit in Kabul stationiert und haben Wurzeln in Schwaben: Major Frank O’Fearna, Brigadegeneral Klaus Habersetzer und Oberstleutnant Oswald Fahrner (von links).
Bild: Christian Valverde

Oswald Fahrner aus Dinkelscherben ist für vier Monate in Afghanistan. Im Hauptquartier der Nato arbeitet er als Pressestabsoffizier. Dort traf er zwei Kollegen aus der Region. Ein Bericht aus einer anderen Welt

Von Oswald Fahrner

Schrittgeräusche und Stimmen, die so klar klingen, als würde jemand neben dem Bett stehen, ersetzen den Wecker in den Unterkunftsgebäuden. Die Bauten sind würfelähnliche Komplexe, die aus Schlaf- und Sanitärcontainern zu Wohneinheiten zusammengestellt sind. Die spartanische Inneneinrichtung in der zehn Quadratmeter großen Eisenbox, die man sich mit einem zunächst wildfremden Menschen teilt, besteht aus Bett, Spind, Tisch und Stuhl.

Ein neuer Tag beginnt im Nato-Hauptquartier der ISAF-Schutztruppe (International Security Assistance Force) in Kabul, der afghanischen Hauptstadt. Welche Überraschungen er bringen wird? Keiner der rund 2000 Soldaten und Zivilisten, davon rund 130 Deutsche, die derzeit vorübergehend im Hauptquartier leben, weiß das. 50 Nationen stellen aktuell rund 120000 ISAF-Soldaten für Sicherheit und Aufbau in Afghanistan. 90000 dienen unter der Flagge der Vereinigten Staaten. Dies spiegelt sich auch im Nato-Hauptquartier in Kabul wider. Nahezu jede Nation ist hier vertreten und mit fast 1000 Soldaten ist auch hier der Anteil der USA am höchsten.

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Immer wieder gibt es interessante Begegnungen: Nach wenigen Tagen im Einsatz lernte ich Brigadegeneral Klaus Habersetzer kennen. Vor seinem Afghanistan-Einsatz führte er als Kommandeur die Offiziersschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck. Wir freuten uns mit dem FCA über den Klassenerhalt. Obwohl General Habersetzer in seiner 35-jährigen Offizierslaufbahn kreuz und quer in der Republik sowie einige Jahre in den USA stationiert war, ist er der Region Augsburg verbunden. Er war am Holbein-Gymnasium, hat später bei der Bundeswehr Luft- und Raumfahrttechnik studiert und auch seine beiden Töchter besuchen ein Augsburger Gymnasium. Wohnhaft ist der AEV-Fan im Kreis Augsburg. Seit Sommer 2011 ist das Hauptquartier der ISAF in Kabul zu seinem vorübergehenden Lebensmittelpunkt geworden.

Das von hohen Mauern geschützte Hauptquartier liegt innerhalb der sogenannten „Green Zone“, einem besonders gesicherten Botschafts- und Diplomatenviertel mitten in Kabul. In den 70-ern war die Stadt ein Mekka der westeuropäischen, amerikanischen und australischen Hippie-Generation. Zu Zehntausenden versuchten junge Leute Afghanistan zu erreichen, um dort ein ausgelassenes Leben zu führen.

Die meisten der rund vier Millionen Bewohner von Kabul führen heute eher einen Überlebenskampf. Wie viele wirklich in Kabul wohnen, weiß niemand. Wahrscheinlich ist die Bevölkerung größer, weil in den vergangenen Jahren Hunderttausende afghanischer Flüchtlinge zurückkehrten und in der Hauptstadt eine neue Chance suchten.

Wenn man Kabul heute mit alten Postkarten und Bildern aus den 60-er und 70-er Jahren vergleicht, fällt es schwer zu glauben, dass die afghanische Hauptstadt mal geblüht haben soll. Mehr als 30 Jahre Krieg und Talibanherrschaft haben diese Blüte verwelken lassen. Es fehlt den meisten Menschen an Dingen, die für uns selbstverständlich sind: reines Trinkwasser, funktionierende Heizungssysteme, eine Kanalisation.

Aber Kabul blüht langsam wieder auf. Am besten lässt sich das von einer der Anhöhen feststellen. Nicht nur die Grünflächen bringen Farbe in das Bild. Die Aufbruchstimmung sieht man auch an den neuen Gebäuden. Man darf bei allen positiven Signalen aber nicht vergessen, dass die Sicherheitslage in Kabul und vielen Gebieten Afghanistans angespannt ist.

Auch eine zweite Begegnung führte mich vor Kurzem gedanklich nach Schwaben. „Wo bisch Du denn her?”, fragte eines Abends ein Major der amerikanischen Air Force in Augsburger Dialekt. Da Dinkelscherben nicht zu den Top-Ten der deutschen Metropolen zählt, sagte ich „Augsburg“. Im weiteren Verlauf des Gespräches erzählte mir Frank O’Fearna, eben dieser Major, dass sein Vater US-Soldat in Augsburg war, wo O’Fearna zur Welt kam. Er wuchs zwischen Plärrer und Rosenaustadion auf. Auch die Schulzeit bis zur elften Klasse absolvierte er in Augsburg. Nach einem Highschool-Jahr in den USA ging es nach Augsburg zurück, um die FOS mit dem Fachabitur in Technik abzuschließen. Da er sowohl die deutsche als auch die amerikanische Staatsangehörigkeit besaß, entschloss er sich 1985, Soldat bei der U.S. Air Force zu werden.

Afghanistan war vor dem ISAF-Einsatz eines der ärmsten Länder der Welt. Die Analphabetenrate ist mit 70 Prozent hoch, die Lebenserwartung mit 45 Jahren sehr niedrig. Das Land wird auch nach der Reduzierung der ISAF-Truppen ein armes Land bleiben und noch für Jahre auf die Hilfe der Staatengemeinschaft angewiesen sein.

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