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Erinnerungskultur

14.05.2019

Dreifaches Gedenken an NS-Opfer

Erinnerungsbänder wie dieses werden nun in Hochzoll angebracht.
Bild: Mayr

Hochzoll war während des Nationalsozialismus von Ausgrenzung und Unterdrückung geprägt. Jetzt wird einen Abend lang an die Menschen erinnert, die darunter leiden mussten. Historiker stießen bei ihren Recherchen auf interessante Biografien

Mehr als ein Dutzend Erinnerungsbänder zum Gedenken an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hat die Erinnerungswerkstatt seit einigen Jahren im Stadtgebiet aufgestellt. Nun soll das Gedenken auch auf Hochzoll ausgeweitet werden. Außerdem ist zum ersten Mal ein Erinnerungsband einem Augsburger gewidmet, der wegen seiner Homosexualität ermordet wurde. Und schließlich wird einer Schülerin des Stetten-Instituts und ihrer Familie im Stadtjägerviertel gedacht.

Hochzoll gilt heute als Wohnviertel mit hohem Freizeitwert. Aber während der NS-Diktatur war auch dieser Stadtteil von Ausgrenzung und Unterdrückung geprägt. Zeitzeugen haben in den Achtzigerjahren ihre Erinnerungen notiert. Es gibt auch die Akten aus dem Spruchkammerverfahren gegen den Hochzoller Ortsgruppenleiter der NSDAP Jakob Schuhmann, einen selbstständigen Gärtnermeister und Stadtrat, aus denen hervorgeht, dass er einige Leute denunzierte. In einem Lager an der Zugspitzstraße, zwischen Hochzoll und Lechhausen, wo heute Sportanlagen sind, mussten mehr als 1000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter leben. Sie wurden erst durch den Einmarsch der amerikanischen Truppen befreit. Und es gab jüdische Menschen, die in Hochzoll lebten, ehe sie vertrieben oder ermordet wurden. Ihrer soll nun in einem Erinnerungsabend gedacht werden – am Mittwoch, 15. Mai, ab 19 Uhr in der Aula des Rudolf-Diesel-Gymnasiums.

Die Concert Band des Rudolf-Diesel-Gymnasiums hat für diesen Anlass einige Musikstücke einstudiert. Prof. Benigna Schönhagen, ehemalige Leiterin des jüdischen Kulturmuseums, wird über das Ende der zweiten jüdischen Gemeinde in Augsburg sprechen, und die beiden Hochzoll-Historiker Alfred Hausmann und Dr. Michael Friedrichs werden die Informationen vorstellen, die sie über die Hochzoller Juden sammeln konnten.

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Zum Beispiel über die Gebrüder Alfred und Fritz Bernheim. Die Brüder betrieben in der Peterhofstraße 33 eine Holzstoffwarenfabrik, in der wasserdichte Gefäße aus Pappmaché hergestellt wurden. Bereits 1933 mussten sie das Haus deutlich unter Wert verkaufen. Sie wanderten nach England aus.

Marie Leiter, 1876 geboren, stammt aus einem Geschäft für Band-, Putz- und Seidenwaren, zunächst in der Unteren Maximilianstraße, später in der Fuggerstraße. 1933 zog sie in die Zugspitzstraße 28 in Hochzoll. 1942 wurde sie zusammen mit ihren Brüdern Karl und Julius über München-Milbertshofen ins Ghetto Piaski verschleppt, wo sich ihre Spur verliert. Vermutlich wurde sie wie die anderen nach Piaski deportierten Juden in einem der nahe gelegenen Vernichtungslager umgebracht.

Friedrich Strauss, geboren 1891 in Binswangen, besuchte in Augsburg die städtische Hilfsschule, da er geistig behindert war. Er zog 1936 in die Friedberger Straße 147 zu seinem Bruder Theodor. Friedrich Strauss wurde am 2. April 1942 als einer von 444 schwäbischen Juden über das Judenlager München- Milbertshofen nach Piaski deportiert. Für ihn soll ein Erinnerungsband gesetzt werden, sobald an der Stelle, wo er wohnte, der Neubau errichtet ist.

Nach dem Hochzoller Erinnerungsabend wird am Freitag, 24. Mai, 15.30 Uhr, vor dem Haus Müllerstraße 2 1/2 ein Erinnerungsband für Karl Mascher aufgestellt, in Anwesenheit von Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth. Karl Mascher war Kaufmann und Weltkriegssoldat. Schon 1933 wurde er wegen seiner – damals strafbaren – Homosexualität verhaftet. Ab 1937 war er in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert. Ermordet wurde er 1942.

Ein drittes Erinnerungsband wird am Montag, 3. Juni, 18 Uhr, vor dem Haus Gesundbrunnenstraße 3 eingeweiht. Es ist Charlotte Eckart, ihren Verwandten und ihrer kleinen Tochter Gabi gewidmet. Das Kind war von seiner Mutter bei einer Bauernfamilie im Allgäu versteckt worden. Trotzdem wurde es nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Charlotte Eckart, die als Atemtherapeutin tätig war und zum Katholizismus konvertierte, wurde in der Tötungsanstalt Bernburg/Saale ermordet. Weil Charlotte Eckart in ihrer Jugend das Augsburger Stetten-Institut besuchte, übernehmen Schülerinnen des „Stetten“ die musikalische Umrahmung der Feierstunde. Und im Barbarasaal der Schule liest um 19 Uhr der Allgäuer Autor und Filmemacher Leo Hiemer aus seinem neuen Buch über Gabi und ihre Mutter. (aba/mf)

Die Lebensgeschichten von Friedrich Strauss, Marie Leiter, Karl Mascher sowie von Charlotte Eckart und ihrer Familie sind im Online-Gedenkbuch der ErinnerungsWerkstatt dokumentiert: www.gedenkbuch-augsburg.de

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