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Vortrag

17.06.2017

Durch die Anfeindungen entstanden Flucht-Utopien

Die jüdische Vision, der Verfolgung zu entkommen, ist alt. Und sie reicht bis in die Popkultur

Marc Chagall hat sie direkt ins Bild gesetzt: die Luftmenschen aus dem Schtetl mit Kaftan und Schnappsack, die schwerelos über der Landschaft fliegen. Abgehoben von der Erde, von den beengten Verhältnissen in ihren Städtchen, wo man genau weiß, wie der Jude zu sein hat, gewinnen sie Freiheit. Es ist die Erfahrung von Ausgrenzung und Anfeindung, die unter Juden zu solchen Utopien geführt hat. Und selbst die jüdische Popkultur greift darauf zurück, wie der Autor Jonas Engelmann in der gut besuchten Kriegshaberer Synagoge vor rund 50 Zuhörern in einem Vortrag des Jüdischen Kulturmuseums erklärte. Im Abraxas legte er anschließend auf.

„Wurzellose Kosmopoliten“ heißt sein jüngster Essay – übrigens ein antisemitisches Diktum von Josef Stalin –, den der Comic- und Popkulturexperte Engelmann in seinem eigenen Ventil Verlag herausgebracht hat. In Jazz, Rock, Punk und Hiphop hat er Spuren jüdischer literarischer Gestalten aufgestöbert. „Mithilfe dieser Gespenster reflektieren viele Künstler ihren jüdischen Hintergrund“, sagte er. Und Gespenster sind es wohl, wenn Menschen davon träumen, sich in Tiere zu verwandeln, um sich eine neue, andere Identität zu verleihen als diejenige, die ihnen von außen zugeschrieben wird. Insekten können dies sein in Liedern der US-Sängerin Mirah, ein Volk von Mäusen wie im Comic über den Holocaust, ein Werwolf wie im Konzeptalbum „Wolfstein“ von Chilly Gonzales. „Solche Verwandlungen bilden eine Fluchtlinie, selbst wenn man weiterhin im Käfig bleibt, kann man seine Identität in der Schwebe halten“, erklärte Engelmann. Zuschreibungen könne man dann ins Leere laufen lassen.

Ein Lieblingstier in der jüdischen Popkultur ist gewiss nicht ohne Grund der Vogel. Der Traum steckt darin, seine Flügel auszubreiten, um an einen Ort zu fliegen, wo einem niemand etwas antun kann. Theodor Herzl, der Wortführer des Zionismus, kehrte den spöttischen Vorwurf, den man ihn machte, er habe mit seiner Vision vom Judenstaat ein „lenkbares Luftschiff“ erfunden, prompt in eine utopische Erzählung. Joseph Müller, dessen Erfinder, landet zunächst im Irrenhaus, ehe ihm sein Projekt gelingt.

So sanft dachten andere jüdische Autoren nicht. Sie konzipierten den jüdischen Gangster mit erhobenen Fäusten, den Schurken und Gauner, Rebellen und Magier. Der Punk machte sich die Abwandlung des sagenhaften, wehrhaften Golem zu eigen mit angriffslustigen Performances, sagte Engelmann. Marvel versuchte sogar, einen Superhelden-Comic mit dem unheimlichen Lehmkoloss, den ein Rabbi zum Rächer erweckt, zu etablieren. Leider ohne Erfolg.

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