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Augsburg

02.08.2013

Ein Altenpfleger packt aus

Altenheime sind nicht so schlecht wie ihr Ruf, sagt ein Pfleger. Er sieht jedoch auch zahlreiche Mängel, vor allem in der Führung der Heime. Aus Furcht vor arbeitsrechtlichen Folgen äußert er sich anonym.

Die Heimbetreiber fordern mehr Geld. Doch ein erfahrener Mitarbeiter sagt: „Das wird nie bei den Senioren ankommen.“ Er wirft den Trägern Verlogenheit vor

Jammernde Pflegekräfte und Fernsehsendungen, die aus Altenheimen regelrechte Folterkammern machen, sind Markus Goger ein Gräuel. Er macht seinen Job seit über 20 Jahren – und liebt ihn immer noch. „Natürlich können wir den alten Menschen ein Stück Lebensqualität geben“, sagt er. „Manche kommen abgemagert und apathisch von zu Hause zu uns und blühen dann regelrecht auf.“

Altenheime seien bei Weitem nicht so schlecht wie ihr Ruf. Doch vieles laufe eben auch nicht rund. Dass jetzt Betreiber von Seniorenheimen in einer „Augsburger Erklärung“ mehr Geld und höhere Wertschätzung für die Pflege fordern, bringt ihn aber auf die Palme. Dieses Geld, ist er überzeugt, werde nie bei den Pflegern ankommen – und schon gar nicht bei den Senioren, sondern im System versickern, im Wasserkopf der Verwaltung. „Man fragt sich ja schon, warum Chefs von Altenheimen einen eigenen Dienstwagen brauchen.“

Der Name Markus Goger ist erfunden. Wie die allermeisten Pflegekräfte, die ihre Sicht der Dinge der Zeitung schildern, fürchtet er arbeitsrechtliche Folgen. Schließlich haben einige Verbände ihren Mitarbeitern sogar verboten, den Pflegestammtisch zu besuchen, wo über die Probleme der Branche Tacheles geredet wird.

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Das Haus, in dem Goger arbeitet, hat einen guten Ruf, und das zu Recht, sagt er. Die Station, auf der er arbeitet, sei in Ordnung, dank einer sehr fähigen Stationsleiterin. Doch selbst innerhalb eines Heimes gebe es oft große Unterschiede. Im Lauf der Jahre, während der er in mehreren Einrichtungen tätig war, haben sich viele Punkte angesammelt, an denen es seiner Meinung nach hakt. Punkte, die auch andere Mitarbeiter der Branche immer wieder nennen. Und all das führt letztlich zu einem Fazit: „Ich kann die Menschen nicht so pflegen, wie ich es gelernt habe und wie ich es möchte.“

In vielen Einrichtungen gebe es ein Führungsproblem: Heimleiter, Pflegedienstleiter und Stationsleitungen seien nicht in der Lage oder geschult, ihre Mitarbeiter zu führen, deren Talenten entsprechend einzusetzen und die Abläufe zu organisieren. Und gerade die Wertschätzung, den die Träger öffentlich einfordern, fehle intern. Der Druck der Heimbetreiber an die Einrichtungsleiter, möglichst viel Gewinn zu machen, werde nach unten weitergegeben, teilweise Angst geschürt. Unter einem derartigem Betriebsklima leide die Arbeit.

"Selbst mit mehr Geld werden wir nicht mehr Leute bekommen"

Viele Pflegerinnen und Pfleger seien nicht in der Lage, sich dagegen zu wehren. „Sie stehen sich selber im Weg.“ Wer sich für diesen Beruf entscheidet, tue dies meist aus Liebe zu den Menschen. Harmoniebedürfnis und Kooperationsbereitschaft seien weit verbreitet – leider so weit, dass die Leute nicht für sich einstehen können. „Und diejenigen, die Karriere machen wollen, nutzen das aus.“ Kaum einer mache den Mund auf, auch nicht bei respektlosem Verhalten.

Flachere Strukturen, mehr Eigenverantwortung und dadurch Selbstbewusstsein, offene Türen der Heimleiter, anonyme Mitarbeiterbefragungen und voneinander lernen: All das sieht Goger als Ansätze, die Situation in den Einrichtungen zu verbessern.

Denn er ist überzeugt: „Die Frage muss ein, was können wir tun mit den Ressourcen, die wir haben. Denn selbst mit mehr Geld werden wir nicht mehr Leute bekommen.“ Die alternde Gesellschaft auf der einen und der zunehmende Fachkräftemangel auf der anderen Seite klafften auseinander wie eine Schere.

Daher sei es sinnvoller, in die Motivation und die Talente der Mitarbeiter zu investieren oder in den Abbau der Bürokratie statt in „Wasserköpfe“ der Verwaltung, glaubt Goger. Das lohne sich allein schon deshalb, weil dann die hohe Krankheitsquote der Branche sinken würde.

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