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Reise

04.07.2018

Ein Augsburger verkauft Maultaschen in Mexiko

Der Augsburger Max Wüst hat in Mexiko eine neue Heimat gefunden: In seinem Imbiss „Heimatliebe“ gibt es deutsche Gericht wie Apfelstrudel und Kässpätzle.

Die letzten Spätzle vor dem Pazifik? Als den Augsburger Max Wüst der Zufall nach Mexiko verschlägt, sucht er einen Job. Er lernt: Liebe geht durch den Magen.

Es dauert ein paar Sekunden und der junge Mann auf der anderen Seite der Theke entscheidet sich für „Pasta con queso“. Dann geht alles sehr schnell. Kühlschranktür auf, Kühlschranktür zu. Gas auf, Feuer an. Pfännchen, Butter, Pasta rein, Zwiebeln, Käse reiben. Fertig. „Provecho“, wünscht der Küchenchef und der Gast beginnt zu essen.

Das ist eine Alltagsszene im Leben von Max Wüst, zumindest in seinem neuen Leben. Vier Jahre früher hätte der gebürtige Augsburger einen Gast schräg angeguckt, wenn er „Pasta con queso“ bestellt und erwartet hätte, das Max ihm Käsespätzle serviert. Aber die Zeiten haben sich geändert. Zwischen seiner Stelle im Augsburger „Prinz Karl“ und seinem Imbissstand mit dem Namen „Heimatliebe“ im mexikanischen Puebla liegen mehrere Jahre, knapp 10.000 Kilometer, eine Hochzeit, ein Kind, ja, ein komplett neues Leben.

Max, 29, trägt am Tag, als er die Geschichte der vergangenen Jahre erzählt, einen rosa Vollbart – sein Einsatz einer verlorenen Wette mit den Jungs aus der Nachbarschaft. Die deutsche Nationalmannschaft, das Auftaktspiel gegen Mexiko, das 0:1… Halb so wild.

Ein Augsburger verkauft Maultaschen in Mexiko

Sein Leben zuvor war nicht weniger verrückt, berichtet er. 2014 hat er seinen Job im „Prinz Karl“ gekündigt. Er habe zu dieser Zeit Augsburg in- und auswendig kennengelernt. Er mag seine Heimat, wollte aber sein Glück in Berlin versuchen. Am Ende einer wilden Zeit in der Berliner Klubszene um das „Prince Charles“ wurde er mit einem Meniskusriss ins Krankenhaus eingeliefert. „Das war ein Zeichen für mich, etwas an meinem Leben zu ändern.“

Aus der Bahn geworfen durch den Tod der Mutter

Er erinnert sich an den frühen Tod seiner Mutter, der ihn aus der Bahn geworfen hat. Mit seinem Vater hatte er nicht viel zu tun. Nur seine Schwester war für ihn da – und ein unbekannter Teil der Familie lebte auf der anderen Seite des Atlantiks. Sein Großonkel, erzählt Max, sei vor Jahrzehnten zufällig in Mexiko gelandet. Er wollte einen Job als Journalist in Spanien beginnen, habe aber vor der Überfahrt schlecht recherchiert: Statt im spanischen Veracruz sei sein Verwandter mit dem Schiff im mexikanischen Veracruz gelandet.

In Max reift der Wunsch, die Familie zusammenzubringen. Dann geht in der Erzählung alles so schnell wie bei der Spätzlebestellung. Er besucht im Mai 2016 seine Verwandten in Cancún, lernt unabhängig davon Lucero kennen, verliebt sich, heiratet und seit etwas mehr als zwei Monaten sind sie mit dem kleinen Emilian zu dritt.

Natürlich ging in der Realität nicht alles so schnell. Ein Job als Küchenchef im Flüchtlingsheim in der Berliner Prinzregentenstraße, später eine ähnliche Stelle in Mexiko. Geld sparen, unzählige Behördengänge, in Deutschland alles aufgeben, „rübermachen“ – eine zähe Zeit, die sich bis weit ins Jahr 2016 zieht. Prinz Karl, Prince Charles, Prinzregentenstraße, fasst Max die Vergangenheit zusammen. „Jetzt bin ich angekommen“, sagt er.

Um seinen Stand versammeln sich wieder die Jungs aus der Nachbarschaft und Enriques Familie, dessen 15-Jährige Tochter bei Max Deutschunterricht nimmt. Es ist nicht alles einfach, das Geld sei immer ein Problem.

Die „Heimatliebe“ steht nicht an einer der Durchfahrtsstraßen Pueblas oder gar im touristischen Zentrum. In den Stadtteil Uemac kommt eigentlich nur, wer dort auch wohnt. Max Wüst kennt die meisten seiner Kunden persönlich. Er sieht sich nach neuen Stellplätzen um, aber es sei nicht leicht. Die Behördengänge frustrieren ihn mittlerweile. An die Zufahrtsstraßen hat er ein paar Schilder an den Laternenmasten befestigt: „Heimatliebe“, comedia alemán – deutsche Küche.

Eine Mischung aus Deutsch und Spanisch

Als er vor etwas mehr als einem Jahr den einstigen Friseurwagen gekauft und ausgestattet hat, hat Max noch viele Gerichte mit ihren deutschen Namen an die Tafel geschrieben. Mittlerweile hat er eine Mischung aus deutschen und spanischen Begriffen gewählt. „Strudel manzana“ ist Apfelstrudel, „Ravioli alemán“ sind Maultaschen, „Pizza lemán“ ist Flammkuchen, „Hot Dog salchicha alemán“ drei Bratwürste mit Kraut in der selbst gebackenen Semmel.

Bei den Preisen musste er sich an der Straßenküchenszene orientieren. Die Bratwurstsemmel kostet 30 Peso, umgerechnet knapp 1,30 Euro. „Deutsche Küche zu mexikanischen Preisen“, sagt Max. Aber „Heimatliebe“ Klingtechnik doch stark nach Heimweh? Nur zum Teil, sagt er. Natürlich vermisse er seine Freunde. Aber Heimatliebe hat eben nicht nur eine Bedeutungsebene. Seinen Gästen erzählt er, dass der Name auch für die Liebe steht, die er in Mexiko und zu seiner neuen Heimat gefunden hat.

Der Autor hat 2014 mit Max Wüst für ein paar Monate in einer Augsburger WG zusammengelebt. Damals hat man nie über Mexiko gesprochen, jetzt hat er seinen alten Zimmernachbarn während seiner Weltreise besucht und in der „Heimatliebe“ ausgeholfen. Unter „heimatliebend“ findet sich sein Instagram-Auftritt.

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