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Justiz

25.06.2018

Ein Deal mit fatalen Folgen

Bild: Wolfgang Widemann

Zwei Männer wollen ins Geschäft mit Bitcoins einsteigen. Auf einem Parkplatz in Augsburg treffen sich Käufer und vermeintliche Verkäufer. Dann fällt ein Schuss.

Schwäbische Sparsamkeit ist sprichwörtlich. Sie kann aber auch böse enden, wie der Fall zwei junger Männer zeigt. Die beiden Allgäuer, 19 und 24 Jahre alt, wollten groß ins Geschäft mit Bitcoins einsteigen.

Weil ihnen die Gebühren, die ein elektronisches Zahlungssystem verlangt hätte, zu hoch erschienen, waren sie im Mai 2017 auf die Idee gekommen, auf Facebook nach Verkäufern dieser Kryptowährung zu suchen. Bis zu 100 000 Euro wollten sie anlegen. Eigenes Geld, von der Oma erbettelt, von Freunden geliehen. Mancher Facebook-Nutzer kam beim Lesen auf dumme Gedanken. Das böse Erwachen kam für beide Allgäuer in Augsburg. Am vereinbarten Treffpunkt, dem Gelände der Rockfabrik, trafen sie nachts auf zwei Männer, die sie ausraubten. Was für alle Beteiligte nicht ohne Blessuren abging. Den Tätern gelang die Flucht. Mit ihnen waren 48000 Euro weg.

Zwei Monate nach dem Überfall konnte die Polizei in Augsburg und Burgau zwei Tatverdächtige im Alter von 25 und 28 Jahren festnehmen. Eine große Strafkammer des Landgerichts hat sie nun zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Wegen besonders schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung. Beide Angeklagten hatten in dem mehrwöchigen Prozess Geständnisse abgelegt, widersprachen sich jedoch auch. Eigentlich, so einer der Täter, sei es zunächst mehr Spaß gewesen. Er habe keine Ahnung gehabt, dass der Mitangeklagte „eine Kanone dabei hat“. Dem 25-Jährigen, der seine Haare zu einem Zopf gebunden trägt, hat in Augsburg mehrere Jahre eine gut gehende Shisha-Bar gehört. Er muss jetzt für fünf Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Für den drei Jahre älteren Mitangeklagten fiel die Strafe zehn Monate niedriger aus. Womit das Gericht sein „überzeugendes Geständnis“ honorierte.

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Niedriger als erwartet

Das Urteil fiel deutlich niedriger aus, als von Staatsanwalt Andreas Kraus gefordert. Dieser hatte Haftstrafen von mehr als sechs und sieben Jahren beantragt. Der Münchner Anwalt Gebhard Lingel hatte dagegen plädierte darauf, dass sein Mandant lediglich zu einer Bewährungsstrafe zu verurteilen sei. Er wies auf seiner Ansicht nach nicht zu klärende Widersprüche in den Aussagen beider Angeklagten hin. Die Täter wurden ferner dazu verurteilt an die Allgäuer 30000 Euro zu zahlen. Die fehlenden 18000 Euro zu der geraubten Summe hatten sie schon während ihrer U-Haft zurückbezahlt.

„Es war wie ein einem schlechten Film“, schilderte eines der Opfer die Ereignisse in jener Mai-Nacht. Erst sollten sie sich mit den Bitcoin-Verkäufern in St. Gallen treffen, dann wurden sie nach Memmingen umdirigiert, am Ende traf man sich gegen Mitternacht in Augsburg. Vor der Rockfabrik fand die Geldübergabe statt. Ein Klick auf einem angeblich bereitliegenden Laptop sollte den Kauf perfekt machen. Gezählt wurden die Scheine auf der Heckklappe eines Autos. Einer der Täter prüfte mit UV-Licht ihre Echtheit. Am Ende steckte er alle 500-Euro-Scheine ein. „Im gleichen Moment“, so einer der Überfallenen, „hat sein Komplize die Knarre rausgeholt und etwas von Steuerfahndung geredet.“ Ein Schuss fiel, wie herausstellen sollte, abgegeben aus einer Schreckschusspistole.

Doch die beiden Allgäuer zeigten sich unbeeindruckt. „Ich habe vielleicht zu viele Krimis gesehen“, meinte der 24-Jährige jetzt vor Gericht. Denn als es brenzlig wurde hatte er den Wortführer aufgefordert nicht herum zu labern, sondern sich auszuweisen. Auch war aufgefallen, dass weder eine Patronenhülse am Boden lag noch dort, wohin der Schütze gezielt hatte, ein Einschussloch zu sehen war. „Das ist keine echte Waffe“, mit dieser Erkenntnis stürzten sich beide Männer auf die Täter, die wegrannten, in ein in der Nähe parkendes Auto einzusteigen wollten. Es kam zu heftigen Rauferei, Schüsse fielen. Zwei Männer, die bis dahin in dem Mercedes gesessen hatten, halfen schließlich den Tätern zu fliehen.

Der ältere der beiden Männer hatte sich ihnen noch in den Weg gestellt, sich für einige Meter an die offene Fahrertür gehängt. „Ich wollte ins Lenkrad greifen oder den Autoschlüssel abziehen“, berichtete der Zeuge, der in Kempten als Mechaniker arbeitet. Inzwischen geht der 24-Jährige nicht mehr so furchtlos durchs Leben. Er hat sich eine Schreckschusspistole zugelegt. „Mit der gehe ich schlafen, mit der stehe ich auf.“

Seine bittere Erkenntnis heute: Hätte der Einkauf der Bitcoins geklappt, wären wir angesichts der inzwischen höher bewerteten Bitcoins „um das 20-fache reicher“.

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