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Augsburger Geschichte

06.06.2018

Ein Foto in Uniform als Erinnerung

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4 Bilder
Der Fotograf Max Endres montierte aus Einzelaufnahmen die Reserve der 1. Batterie des Königlich-Bayerischen 4. Feld-Artillerie-Regiments „König“.

Tausende Soldatenbilder entstanden in Augsburg. Fotografen in Kasernennähe waren viel beschäftigt.

Augsburg war zu Beginn des Ersten Weltkriegs eine Garnisonsstadt mit einigen Tausend Soldaten verschiedener Waffengattungen. Diese Konzentration uniformierter junger Männer in Kasernen bildete für Fotografen eine lukrative Einkommensquelle. Kaum waren die Rekruten eingekleidet, führte sie der Weg ins Fotoatelier. Sie wollten sich stolz im „Ehrenkleid“, wie die patriotische Propaganda zu Königs Zeiten die Uniform bezeichnete, bei den Eltern und Geschwistern in der Heimat vorstellen.

Fotografen kamen diesem Bedürfnis entgegen: Sie eröffneten in der Nähe von Kasernen Ateliers. Darin war alles für stilvolle Fotos vorbereitet. Die gemalten Hintergründe für Standfotos waren fantasiereich. Das Foto vermittelte den Eindruck, der junge Mann stände in einer Parklandschaft oder sonst irgendwo im Freien. Doch alle derartigen Aufnahmen entstanden im Tageslichtatelier, in dem der Lichteinfall von oben mit dünnen Vorhängen dosierbar war. Bei Porträts blieb der Hintergrund überwiegend neutral ohne störende Effekte.

Viele Tausend in Augsburg entstandene Soldatenfotos machten die Eltern stolz auf ihre Söhne in Uniform. Als 1914 der Krieg begann und die jungen Soldaten an die Front geschickt wurden, war ein solches Foto oftmals die letzte Erinnerung, wenn die Nachricht „Gefallen für das Vaterland“ eintraf. Auf dem Sterbebild erinnerte dann ein Bild in Uniform an ihn. Originalaufnahmen sowie Sterbebilder von Soldaten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs landeten Jahrzehnte später auf Flohmärkten.

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Soldatenfotos machten die Eltern stolz

Mithilfe entsorgter Bildernachlässe lassen sich Augsburgs typische „Soldaten-Fotoateliers“ festmachen – zum Beispiel Morellstraße 4. Das war ab 1888 die Adresse eines Ateliers, das sein Hauptgeschäft mit Uniformierten machte. Um die Ecke an der Gögginger Straße lag die Artilleriekaserne, am Ende der Morellstraße die Prinz-Carl-Kaserne. Die Konzentration von Soldaten versprach für ein zweites Atelier an der Morellstraße gute Einkünfte. 1892 wurde es im Hinterhaus von Morellstraße 27 eingerichtet. Vis-à-vis lagen das Schießschulgebäude und das Landwehr-Bezirkskommando. Soldaten passierten zuhauf die Morellstraße.

Auf Soldaten als Kundschaft hatte es 1893 auch Hans Keller abgesehen: Er machte sich im Haus Singerstraße 12a selbstständig. Die Lage war für uniformierte Laufkundschaft hervorragend: Die Bismarckstraße und die Singerstraße bildeten fußläufige Verbindungen zwischen den Kasernen und der Innenstadt. Wenige Meter vom Atelier entfernt lag auch die Ulrichskaserne, das ehemalige Benediktinerkloster St. Ulrich. Die Soldaten ließen von der Negativplatte üblicherweise sechs Papierbilder im Kleinformat und einige Abzüge in Postkartengröße anfertigen.

Findige Fotografen machten Kompanieaufnahmen

Damit war die Arbeit eines „Soldaten-Fotoateliers“ längst nicht erschöpft. Die findigen Fotografen machten Kompanieaufnahmen. Das war aufwendig, aber aufgrund der vielen Besteller lukrativ. Eine im Stadtarchiv verwahrte großformatige Bildermontage zeigt die Einzelporträts der 2. Kompanie des 3. Infanterie-Regiments Prinz Karl von Bayern. Um den Kompaniechef gruppieren sich 57 Soldaten. Alle sind am Bildrand mit Namen, Dienstgrad und überwiegend mit dem Heimatort versehen. Von dieser großformatigen Tafel fertigte der Fotograf Reproduktionen in kleineren Formaten. Die Abgebildeten kauften einen oder mehrere Abzüge davon. Als Andenken an die Militärdienstzeit hingen solche Fotos später oftmals gerahmt im heimischen Wohnzimmer.

Beliebt waren auch Arrangements von Soldatengruppen mit Gebäuden, Schilderhäuschen und einretuschierten Sprüchen. Sie bildeten die Vorlagen für Fotopostkarten, die der Fotograf im eigenen Atelier herstellte. Diese Postkarten überliefern komplette Einheiten. Damit war das Angebot der Ateliers noch nicht erschöpft. Sie hielten für uniformierte Kundschaft Vordrucke „Erinnerung an meine Dienstzeit“ bereit. Darin musste das Porträt nur mehr eingeklebt werden.

Nach Kriegsbeginn 1914 ließen sich vor der Abfahrt zur Front oftmals Kompanien auf dem Kasernengelände fotografieren. Der Fotograf kam mit der Plattenkamera, entwickelte das Negativ unmittelbar nach der Aufnahme in der heimischen Dunkelkammer und fertigte Abzüge auf Papier. Ein paar Stunden nach der Aufnahme lieferte er die Fotos aus, denn am nächsten Tag waren die Abgebildeten bereits mit der Eisenbahn auf der Fahrt zur Front.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie im Online- Angebot unserer Zeitung unter

www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

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