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Gesellschaft

28.05.2015

Ein Grund, jeden Tag aufzustehen

Ali ist schon ein Dutzend Mal aus einer Firma geflogen. Jugendliche wie er haben eigentlich keine Perspektive. Das Projekt AMA bringt sie in Bewegung. Da ist es sogar eine Herausforderung, das Mittagessen zu kochen

Die zweite Lehre abgebrochen, kein Schulabschluss, beim fünften Job rausgeflogen, alle Bildungsträger in Augsburg schon durch – Endstation Hartz IV mit 20 Jahren? Knut Wuhler und sein Team von der AMA (Ausbildungsmanagement Augsburg) geben auch diese jungen Leute nicht auf. Weil hier zunächst kaum Anforderungen gestellt werden und oft der Neubeginn gelingt, kommen die Jugendlichen von selbst – und zunehmend auch auf Vermittlung des Jobcenters, wie junge Asylbewerber. Zum Beispiel Siba, 17, aus Syrien. Eigentlich wollte sie einen weiteren Deutschkurs vom Jobcenter; dort aber war man der Meinung, den brauche sie gar nicht und schickte sie zur AMA. Nun sitzt sie mit im Vorbereitungskurs zum qualifizierenden Hauptschulabschluss (Quali), lernt Alltagsdeutsch und nebenbei eine Menge Alltagskultur im Umgang mit den anderen. Siba ist vermutlich eine „Selbstläuferin“, sie weiß genau, wo sie hin will im Leben: Krankenschwester werden.

Auch Ines, 19, ist schon auf einem guten Weg, kommt durch einen regelmäßigen Job im Verkauf selbst für ihren Lebensunterhalt auf, bereitet sich bei der AMA auf den Quali vor und bewirbt sich um eine Lehrstelle als Bürokauffrau. Doch das erste Etappenziel bei den meisten AMA-Teilnehmern ist es, erst einmal zu erkennen, dass sie selbst eine Entscheidung für ihr Leben treffen müssen, statt abzuwarten, was auf sie zukommt.

„Die verbringen erst einmal viele Monate damit, sich an die Struktur zu gewöhnen“, so Projektleiter Knut Wuhler. Die Anforderungen sind zunächst nur, pünktlich morgens um halb neun zu erscheinen, respektvoll miteinander und den Betreuern umzugehen und ehrlich zu sein. Selbst dahin ist der Weg oft steinig. Der pädagogische Leiter Willi Schmid erlebt jeden Tag die eine oder andere Katastrophe bei einem seiner „Kinder“: zu Hause rausgeflogen, vorläufig festgenommen, Totalabsturz mit Alkohol oder anderen Drogen. Die melden sich in diesen Fällen in der Regel von selbst bei ihm auf dem Diensthandy, auch nachts oder am Wochenende.

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Zwischen Teilnehmern und dem pädagogischen Team der AMA kracht es oft gewaltig. „Dann gehen die hier stocksauer raus. Aber am nächsten Tag kommen sie wieder, weil sie wissen, wir waschen ihnen den Kopf, aber dann fangen wir wieder bei null an“, so Wuhler, und weiter: „Und früher oder später kommt bei den meisten der Tag, an dem sie es angehen wollen.“ Zum Beispiel, weil sie bei anderen Teilnehmern sehen: Die haben es geschafft.

Genau dann, wenn der eigene Wille, etwas zu verändern, da sei, so Wuhler, unterstütze man die Jugendlichen bei der individuellen Entwicklung bis zur Ausbildungsreife, bei der Lehrstellen- oder Jobsuche und bei Bewerbungen. Und auch darüber hinaus. Ziel der AMA für jeden Teilnehmer ist nicht die gefundene Lehrstelle, sondern der Abschluss einer Ausbildung bzw. ein dauerhafter Job. Deshalb sind die Pädagogen auch Ansprechpartner für Arbeitgeber. Wuhler: „Oft genug haben die Jugendlichen zu Hause niemanden, der interveniert, wenn es Probleme gibt. Da übernehmen wir, wenn es sein muss, Erziehungsaufgaben.“ Und geben Rückhalt, um weiter zu stabilisieren, was mühevoll aufgebaut wurde.

Bis zur Vermittlung dauert es im kürzesten Fall eine Woche, bei anderen ist Geduld gefragt, wie beim 19-jährigen Ali*, der vor eineinhalb Jahren von der Bewährungshilfe zur AMA geschickt wurde und, wie er sagt, „bestimmt schon ein Dutzend Mal nach sechs Wochen wieder rausgeflogen ist“. Dann gibt’s erst mal Erklärungsnot bei Willi Schmid, was diesmal los war – und anschließend wird sofort die nächste Bewerbung an eine Zeitarbeitsfirma geschickt. „Der Herr Schmid kann unglaublich gut motivieren“, so Ali. Und er hat Ausdauer: „Regelverletzer“ wie Ali werden in vielen Schritten daran gewöhnt, auch mal Unangenehmes auszuhalten – eine Übung in Frustrationstoleranz für Teilnehmer und Pädagogen.

Eine Struktur für die Arbeit mit den Jugendlichen bietet das tägliche Programm: zunächst ein gemeinsames Frühstück, dann macht „jeder seins“: Bewerbungen schreiben, Quali-Vorbereitung, Behördengänge, Einzelgespräche oder fürs Mittagessen einkaufen und kochen. Kochen und Mittagessen dienen nicht nur der Ernährung, sondern sind ein Dreh- und Angelpunkt des Konzepts. Die Teilnehmer bestimmen selbst, wer kocht und was es gibt, das gibt Gelegenheit zum Einüben sozialer Kompetenzen. Das Mittagessen, das fast immer schließlich doch noch pünktlich um zwölf Uhr auf dem Tisch steht, erleben viele zum ersten Mal im Leben so, dass alle an einem Tisch sitzen.

Am Nachmittag gibt es ein Aktivangebot: Training im Boxclub Haan, Farbdialog mit Paula Heinecker, Sport in der Halle mit Willi Schmid und Knut Wuhler oder Projekte wie einen Marktstand als Übungsfirma. „Die AMA gibt mir einen Grund, morgens aufzustehen“, sagt Irina, 24 Jahre. Bevor sie zur AMA kam, gab es den lange nicht mehr. Ihr Exmann war mit den beiden Kindern und den vier Lkw ihres Transportunternehmens in sein Heimatland verschwunden, ihr Tag lang und sinnlos. Nun ist sie im Quali-Vorbereitungskurs, froh, nachmittags Sport machen zu können, und schreibt Bewerbungen, um Bürokauffrau, Schneiderin oder Konditorin zu werden. Und sie ist zuversichtlich, sich mit ihrem Ex auch über den Verbleib der Kinder einigen zu können: „Wir sind auf einem guten Weg.“ (AZ) *Name geändert

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