Interview

01.06.2015

„Ein Heidenspaß“

Eine Rhythmusgruppe als festes Line-up bildet das Rückgrat einer jeden Jam-Session. Andere Musiker haben dann die Gelegenheit, einfach einzusteigen und mit der Band zu spielen.
Bild: Eric Zwang-Eriksson

Mehr als ein Jahrzehnt war der Hoffmannkeller eine Heimat für Augsburger Jazz-Musiker. Am Dienstag findet dort die letzte Session statt. Den Organisator Manfred Blaas überfällt deshalb Wehmut. Aber: Es gibt eine Zukunft

Herr Blaas, Sie sind 1997 als junger Jazz-Schlagzeuger, der aus Laupheim stammt, nach Augsburg gezogen. Warum?

Das geschah auch deshalb, weil es im Underground diese tollen Jazz-Sessions gab. Damals haben oft Münchner Musiker im Jazzclub gespielt, hervorragende Musiker. Ich dachte mit 21 Jahren, dass es in Augsburg vernünftige, sehr gute Sessions gab und dass es zum Wohnen günstiger als München ist.

In einer Session spielt ein festes Line-up und andere, auch junge und noch nicht so erfahrene Jazzmusiker haben die Gelegenheit, mit einzusteigen. Warum ist das für Jazzer so wichtig?

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Jazz ist eine Musik, in der man ungeprobt zusammenspielen kann. Es gibt ein großes Standardrepertoire an Stücken, die bekannt sein müssen. Und man muss reagieren können als Jazzmusiker. Junge Musiker haben bei einer Session die Gelegenheit, mit Musikern, mit denen sie sonst nie zusammenspielen würden, gemeinsam aufzutreten. Das bringt einen unglaublich nach vorne. Man sieht, was musikalisch überhaupt möglich ist. Die anderen, erfahreneren Musiker geben einem Rückmeldung, sie sagen, hier und dort könne man etwas besser spielen.

Als Sie nach Augsburg kamen, gab es gleich ein Problem?

Ja. Erst als ich nach Augsburg gezogen war, im Sommer, habe ich gemerkt, dass das „Underground“ zugemacht hat. Ich bin natürlich davon ausgegangen, dass sofort neue Sessions entstehen. Was leider anders kam. Ein Jahr lang gab es keine Sessions. Dann fanden die Sessions im „Lailos“ statt, dann gab es wieder ein halbes Jahr keine Sessions, dann gab es anderthalb Jahre im „Striese“ Sessions. Das Problem war, dass sich diese Sessions nie richtig etabliert haben.

Also haben Sie die Sache selbst in die Hand genommen?

Das war Zufall. Im neu ausgebauten Hoffmannkeller im Theater sollten Sessions entstehen. Zum allerersten Termin bin ich gemeinsam mit Daniel Mark Eberhard hingegangen. Wir kamen ein bisschen früher als die anderen Gäste und sahen, dass es kein Klavier, kein Schlagzeug, keinen Bassverstärker dort gab. Darauf sind wir in unseren Proberaum gefahren, ich habe mein Schlagzeug eingepackt, Daniel sein E-Piano. Wir haben einen Bassisten angerufen, der seinen Bass mitgebracht hat, damit überhaupt eine Band spielen kann.

Und wie ging es weiter?

Noch bei der ersten Session habe ich mit Wolfgang Lackerschmid und dem damaligen Intendanten Ulrich Peters ausgekartelt, wie Sessions funktioniern, wie man es macht, was die Musiker für eine Gage bekommen, wer sich um die Kasse kümmert. Und dann habe ich es in die Hand genommen. Ich dachte mir nämlich, als ich das erste Mal in den Hoffmannkeller kam, dass das dort unbedingt funktionieren muss.

Das war 2003. Von da an gab es feste Sessions im Hoffmannkeller. Wie lief sie an?

Sie ist eingeschlagen wie eine Bombe. Wir haben die Sessions wöchentlich veranstaltet. Zu der Zeit lief im Parktheater gerade über einen längeren Zeitraum ein Louis-Armstrong-Musical. Schwarze amerikanische Musiker haben dort in der Band gespielt. Die sind nach ihrer eigenen Show so gegen 23 Uhr eingetrudelt und danach ging es mit ihnen im Hoffmannkeller bis halb zwei. Das war die totale Party von Anfang an. Das besondere an den amerikanischen Musikern war, dass sie auf einem vollkommen anderen Niveau spielten. Man spürte auch, dass ihnen wie bei fast allen amerikanischen Musikern die Gemeinschaft wichtig war.

Wie hat sich das geäußert?

Wenn zum Beispiel jemand eingestiegen ist, der nicht so fit war, der unsicher geworden ist, der nicht mehr so genau wusste, wo im Stück er gerade ist, dann haben die amerikanischen Musiker sofort reagiert: Der Pianist hat einfacher gespielt, um klarzumachen, wo im Stück man sich befindet. Der Schlagzeuger hat weniger aufwendig gespielt und weniger Sachen angeboten, die in andere Richtungen haben gehen können. Den Musikern war wichtig, die Band zusammenzuhalten.

Und der wöchentliche Rhythmus war nicht zu viel?

Im ersten Jahr hatten wir über 40 Veranstaltungen. Und es lief gleich von Anfang an richtig gut. Wir hatten einen Schnitt von 45 bis 50 Besuchern. Das heißt, die Sessions haben sich getragen und es war ein Heidenspaß. Deshalb war es für uns vollkommen unverständlich, dass das Theater nach unserem zweiten Jahr unser Programm und auch andere regelmäßige Veranstaltungen dort zusammengestrichen hat auf einen Turnus von einem Mal im Monat.

Es ging trotzdem weiter?

Ich hatte anfangs die große Sorge, dass es einschläft. Ein Mal im Monat ist eigentlich viel zu wenig. Glücklicherweise sind doch immer Leute gekommen. Über das Theater hatten wir einfach den Riesenvorteil, dass über deren Werbung auch Touristen als Zuhörer kamen. Seit 2009 fanden die Sessions wieder zwei Mal pro Monat statt.

Für die Jazz-Szene der Stadt sind so funktionierende Sessions auch wichtig?

Ungemein. Als ich nach Augsburg gekommen war, hatte ich das Gefühl: Da gibt es dieses Grüppchen. Die einen waren alle miteinander auf der selben Schule, die anderen haben alle am gleichen Ort studiert. Das hat sich untereinander nicht vermischt. Das lag auch daran, dass es keinen festen Ort für den Jazz mehr gab, an dem sich alle hätten treffen können. Ich habe von Anfang an versucht, die Session-Leitung möglichst vielen Musikern aus möglichst vielen Ecken zu geben.

Und nun endet die Ära im Hoffmannkeller.

Nach über 200 Sessions gibt es am Dienstag die letzte Session im Hoffmannkeller. Was mich besonders freut, ist, dass dort mit Max Grosch und seinem Orgeltrio ein echter Höhepunkt zum Schluss geboten wird.

Schwingt ein bisschen Wehmut mit?

Ja, über das Ende im Hoffmannkeller bin ich schon auch traurig. Ich mache das jetzt seit zwölf Jahren. Auf einem Großteil der Veranstaltungen war ich selbst. Ich habe so viele Erinnerungen, Freundschaften haben dort ihren Ausgang genommen, ich habe Bands entstehen gesehen und Musiker, die anfingen, Karriere zu machen.

Das Ende ist aber gleichzeitig auch ein neuer Anfang.

Ich hatte schon Sorge, dass mit der Sanierung des Theaters und damit einhergehend der Schließung des Hoffmannkellers die Sessions verschwinden. Dass der Jazzclub Augsburg nun einen eigenen Veranstaltungsraum hat, eröffnet uns eine neue Möglichkeit. Für die Sessions und die Augsburger Jazzszene ist das ein Glücksfall. Interview: Richard Mayr

im Hoffmannkeller findet am Dienstag, 2. Juni, um 20.30 Uhr statt. Der bei München lebende Jazzgeiger Max Grosch bringt sein Orgel-Trio mit: Matthias Bublath (Orgel) und Shinya Fukumori (Schlagzeug). Von September 2015 an finden die Sessions in den neuen Räumen des Jazzclub Augsburg in der Philippine-Welser-Straße statt.

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