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Augsburg

27.09.2012

Ein Henker in der Familie

Sabine Scheller und Manfred Wegele haben viel Zeit investiert, Chroniken gelesen und in Archiven gestöbert: So haben sie Interessantes über ihre Ahnen erfahren.
Bild: Peter Fastl

In der Ahnenforschung kann man Überraschungen erleben. Sabine Scheller hat Scharfrichter unter ihren Vorfahren, Manfred Wegele stammt von Augsburger Fuggern ab.

Geschockt war sie nicht, überrascht schon. Als Sabine Scheller die Geschichte ihrer Familie zu erforschen begann, stieß sie zunächst auf Vorfahren, wie sie viele andere Menschen haben – Pferdehändler, Landwirte, Lehrer oder Schäfer. Eines Tages aber entdeckte sie in einem Kirchenbuch von 1864 einen Eintrag, der sie vom ersten Augenblick an faszinierte: Ein Zweig ihrer Familie bestand aus Scharfrichtern. „Da wurde es richtig spannend“, sagt sie.

Ahnenforschung ist zum Breitensport geworden

Ahnenforschung ist in Deutschland längst kein ungewöhnliches Hobby mehr. „Sie ist zum Breitensport geworden, jeder Zweite interessiert sich für seine Vorfahren und besonders für Wappen“, sagt Manfred Wegele, Vorsitzender des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde.

Nach seinen Erfahrungen sind es nicht nur ältere Menschen, die mehr über ihre Ahnen wissen wollen. Manfred Wegele sagt, auch immer mehr junge Leute beginnen das weite Feld der Familienforschung für sich zu entdecken, seit es im Internet immer mehr einschlägige Datenbanken und Recherche-Hilfen gibt.

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Sabine Scheller hat mit 17 Jahren ihre Begeisterung für die Genealogie entdeckt. „Wir haben damals eine Großtante meines Vaters besucht, die eine Familienchronik über die Nachkommen des Großvaters hatte“, erzählt sie, „das fand ich faszinierend.“

Im Pfarramt Einblick in die Kirchenbücher genommen

Die Rieserin, die heute in Kempten lebt, begann mit ihrem Hobby wie viele andere. Sie marschierte ins heimatliche Pfarramt in Oettingen, um Einblick in die Kirchenbücher zu nehmen. Als sie dort die Scharfrichterswitwe Maria Josepha Scheller unter ihren Vorfahren entdeckte, war ihr Ehrgeiz geweckt. Sie begann nach älteren Quellen zu suchen. Dafür musste sie bis nach Augsburg fahren und das Bistumsarchiv durchstöbern.

Nun weiß sie nicht nur, dass sie mehrere Henker unter ihren Vorfahren hat. Scheller, die beruflich Krankenschwester ist, hat auch herausgefunden, dass Scharfrichter ein Beruf mit zwei Seiten war. Sie schwangen nicht nur Folterinstrumente und Richtschwert. Sie hatten auch medizinische Kenntnisse und konnten Arzneimittel herstellen. Sabine Scheller ist inzwischen ein Profi in der Ahnenforschung. Sie arbeitet auch im Vorstand des Landesvereins für Familienkunde mit. Für normale Hobby-Genealogen ist es jedoch nicht immer einfach, bis zu ihren familiären Wurzeln vorzustoßen. „Die zentralen Quellen für Nachforschungen seien Standesämter, Kirchenbücher und Archive“, sagt Wegele. „Man kann bis zum Dreißigjährigen Krieg kommen, danach wird die Recherche aber wesentlich aufwendiger.“

Auch Wegele hat schon Regalmeter von Archivmaterial durchforstet und die unterschiedlichsten Dokumente ausgewertet. Nach rund einem Jahrzehnt war er bis weit ins ausgehende Mittelalter vorgedrungen. Und auch er stieß eines Tages auf überraschende Ergebnisse. Den Schlüssel zu einem ganz neuen Tor fand er mit der Patriziertochter Susanne Jenisch, die 1606 in Augsburg geboren wurde und nach Nördlingen heiratete. „Sie ist meine direkte Vorfahrin“, sagt Wegele, der aus Tapfheim bei Donauwörth kommt. Weil Patrizierfamilien in der Regel untereinander Ehen schlossen, kam Wegele von da an mit seinen Nachforschungen schnell weiter. Er fand heraus, dass selbst Andreas Fugger der Reiche zu seinen Ahnen zählt. Dieser wiederum ist ein Onkel von Jakob Fugger dem Reichen, der heute wesentlich berühmter ist.

Leibeigene im Stammbaum entdeckt

Eine solche Ahnengalerie kann schon Respekt einflößen. „Das Ergebnis hat mich sehr überrascht und war ein Höhepunkt meiner Forschung“, sagt Wegele. Noch spannender als die Fugger findet er allerdings Vorfahren, die für die Geschichtsschreibung völlig unbedeutend sind.

In seiner Familie gab es im 16. und 17. Jahrhundert auch Leibeigene. Manfred Wegele sagt, „über die etwas herauszufinden, war viel schwieriger.“ Doch auch bei dieser Recherche wurde er fündig – in diesem Fall im Fürstlich Oettingen Wallersteinschen Archiv auf Schloss Harburg.

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