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Augsburg

25.04.2014

Ein Kind, das jahrelang bei der falschen Mutter lebte

Das ist ein Bild, von dem Bahare Balvasi, 36, lange nur träumen konnte – seit einer Woche ist die Iranerin, die in Neusäß lebt, wieder mit all ihren Kindern vereint. Ihre zwölfjährige Tochter Hasti (Zweite von links) war fast drei Jahre zwangsweise in der Pflegefamilie in den Niederlanden untergebracht.
Bild: Peter Fastl

Die zwölfjährige Hasti war jahrelang bei einer Pflegefamilie in Holland untergebracht – obwohl es ihr dort schlecht ging. Jetzt darf sie wieder bei ihrer leiblichen Mutter leben.

Sie liegt im Krankenhaus, als am 27. März der ersehnte Anruf auf ihrem Handy eingeht. Es ist der Anruf, auf den Bahare Balvasi, 36, seit fast drei Jahren gewartet hat. Hasti ist am Telefon, ihre zwölfjährige Tochter. Das Mädchen schreit vor Freude: „Mama, ich darf zu dir.“ 34 Monate lebte die Tochter zwangsweise bei einer Pflegefamilie in den Niederlanden. So lange hatte die Mutter verzweifelt um ihre Hasti gekämpft.

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Dieser Kampf ist nun zu Ende. Für Bahare Balvasi ist die Nachricht von der Rückkehr der Tochter eine große Erleichterung – und zugleich das zweite Glück in kurzer Zeit. Am Tag zuvor hat sie ihr drittes Kind zur Welt gebracht, deshalb liegt sie in Augsburg im Krankenhaus und kann nicht bei dem Gerichtstermin in Holland dabei sein, bei dem über die Zukunft ihrer Tochter entschieden wird. Sie ist gezwungen, im Klinikbett auszuharren. Ihre Hoffnung war mit jedem Monat, in dem wieder nichts geschah, geschwunden. „Es war schwer, an ein gutes Ende zu glauben“, sagt Bahare Balvasi.

Was der Iranerin und ihrer Tochter widerfahren ist, ist nach Ansicht der Frauenrechtlerin Soni Unterreithmeier ein Skandal. „Was hier geschieht, ist menschenunwürdig“, sagte sie. Unterreithmeier arbeitet für die Hilfsorganisation Solwodi, die sich um Frauen in Not kümmert. Sie unterstützt die Iranerin, so gut es geht – auch jetzt noch. Was die Frauenrechtlerin empört, schilderte sie im Februar unserer Zeitung so: „Einer Mutter, gegen die nichts spricht, wird einfach das Kind vorenthalten.“ So hat es nun auch ein Gericht in den Niederlanden gesehen – nach Jahren des Stillstands.

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Ein Vormund entscheidet über das Mädchen

Rückblende: Im Jahr 2005 flüchtet Bahare Balvasi nach Deutschland. Drei Jahre später kann sie ihre Tochter zu sich nach Augsburg holen. Doch dann macht sie einen Fehler, mit dem das Drama beginnt. Sie fährt nach Holland, wo ihr jetziger Lebensgefährte wohnt und arbeitet – und beantragt auch dort Asyl. Das ist nicht erlaubt. Man darf in der EU nur einmal einen Antrag stellen. In den Niederlanden leidet Bahare Balvasi an schweren Depressionen. Sie lässt sich behandeln und stimmt zu, als das niederländische Jugendamt so lange die kleine Hasti in einer Pflegefamilie unterbringen will.

Was ihr niemand sagt: Ab da hat sie als leibliche Mutter nichts mehr zu sagen. Das Amt setzt einen Vormund ein, der über das Mädchen entscheidet. Dann tritt auch noch die niederländische Ausländerbehörde auf den Plan. Bahare Balvasi muss zurück nach Deutschland. Sie nimmt die Tochter mit – und verliert sie kurz darauf. Denn der niederländische Vormund besteht darauf, dass Hasti nach Holland muss. Im Juli 2011 wird das Kind geholt. Die verzweifelte Mutter kann das nicht verhindern. Die deutschen Behörden lassen es geschehen.

Nach einiger Zeit bewertet man den Fall in Deutschland zwar anders. Die Jugendämter von Stadt und Kreis Augsburg, wo Bahare Balvasi jetzt lebt, machen sich wiederholt dafür stark, dass Bahare Balvasi ihre Tochter zurückbekommt. Ein Gutachten kommt zu dem Schluss, dass die Frau eine gute Mutter ist. Um ihre zweite Tochter, die zweijährige Raha, kümmert sie sich nach Ansicht der Experten gut. Sie haben nichts auszusetzen. Die deutschen Behörden schickten Briefe nach Holland, es gibt mehrere Telefonate. Doch die niederländischen Ämter scheint all das wenig zu beeindrucken. Hasti muss weiter bei den Pflegeeltern leben.

Bis zum letzten Gerichtstermin im März beharrt das Jugendamt in Holland darauf, dass Hasti es in der Pflegefamilie besser habe. Dabei gibt es viele Hinweise, dass das Mädchen bei den Pflegeeltern nicht gut behandelt wird. Die Pflegemutter ist mit knapp 70 Jahren eher eine Großmutter, der Pflegevater noch ein paar Jahre älter. Die Frau ist starke Raucherin – ohne Rücksicht auf das Kind zu nehmen.

Das Kind flüchtet immer wieder zur Nachbarin

Hasti erzählt, sie werde von der Pflegemutter an den Haaren herumgezerrt. An ihrer Schule hängt sie Plakate auf, mit denen sie ihre Situation anprangert. Und eine Nachbarin der holländischen Pflegefamilie verfasst einen Brief. Zu der Nachbarsfrau flüchtet sich das Kind immer wieder, wenn es verzweifelt ist. Sie schreibt, dass Hasti unbedingt zur richtigen Mutter zurück sollte.

Schutz bei der Nachbarin sucht Hasti auch am Tag vor dem wichtigen Gerichtstermin im März. Denn die Pflegemutter unterschlägt ihr einen Brief, in dem das Mädchen zu der Gerichtsverhandlung geladen wird. Hasti widerspricht, es gibt Streit – und das Mädchen hat große Angst. Dann geht alles ganz schnell. Hasti lebt noch einige Tage bei der Nachbarin, dann holt eine Freundin von Bahare Balvasi das Kind in den Niederlanden ab. Am 18. April schließen sich Mutter und Tochter am Augsburger Hauptbahnhof in die Arme. Jetzt lebt Hasti mit ihrer Mutter und ihren beiden kleinen Geschwistern in einer – viel zu kleinen – Wohnung in Neusäß.

Einfach wird der Neuanfang nicht, das ist Bahare Balvasi bewusst. Ihre Tochter hat die persische Muttersprache fast verlernt, sie spricht nur noch Holländisch. „Sie muss jetzt Deutsch lernen und hier zur Schule gehen“, sagt die Mutter.

Doch auch hier gibt es bürokratische Hürden. Im Ausländeramt war man nämlich erst einmal irritiert, als Bahare Balvasi von der Rückkehr ihrer Tochter erzählte. „Wer hat das erlaubt?“, war der erste Kommentar, den sie dort hörte. Ohne einen Bescheid des Ausländeramtes kann Hasti nicht bei der Schule angemeldet werden. Diese Hindernisse lassen die Mutter aber nicht verzweifeln. „Hasti ist jetzt da“, sagt sie, „das ist das Wichtigste.“

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