1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Ein Kleinod, das die Umwelt schützt

Augsburg

05.06.2019

Ein Kleinod, das die Umwelt schützt

Copy%20of%203T8A6589.tif
3 Bilder
Das Kraftwerk am Lochbach ist heute ein Schmuckstück. Vor zehn Jahren war das Gebäude heruntergekommen. Bei der Sanierung wurde auf bauliche Authentizität geachtet.
Bild: Michael Eichhammer

Vor zehn Jahren wurde das Lochbach-Wasserkraftwerk saniert. Es liefert noch heute sauberen Strom. Dabei galt das Gebäude lange Zeit als Problemfall.

Spaziergänger in Haunstetten kennen das Kraftwerk am Lochbach, mitten im Grünen. 1884 von der Firma Martini erbaut, sollte es die Färberei mit eigenem Strom versorgen. Heute fügt sich das historische Gebäude wie ein malerisches Relikt aus vergangener Zeit in das Landschaftsbild ein. Das war nicht immer so. Vor zehn Jahren galt das Areal noch als Sorgenkind.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

„Jahrelang haben die Stadtwerke Augsburg und der Vorpächter aus dem Lochbach nur Geld rausgezogen“, wetterte Günther Herb vom Umweltamt seinerzeit über die Zustände vor Ort. Mehr als zwei Jahre lang suchten die Stadtwerke damals vergeblich nach einem Investor für das Wasserkraftwerk und die 1950 Meter lange Dammstrecke entlang des Kanals in Haunstetten. Das heruntergekommene Kraftwerk galt als Problemfall. Mit dem Unternehmer Franz Wurzer (heute Wurzer Umwelt Unternehmensgruppe) fand sich schließlich ein ambitionierter Käufer.

Die Sanierung von Damm und Gebäude feiert zehnjähriges Jubiläum

Die Sanierung von Damm und Gebäude feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Bäume und Sträucher, die bei Sturm Löcher in den Damm hätten reißen können, wurden entfernt. Zudem wurde der Damm verstärkt und verbreitert. Der marode Kanal wurde ausgebaggert und neu betoniert. Dafür stand nur ein knappes Zeitfenster von 14 Tagen zur Verfügung, denn die Sanierung war nur während des jährlichen Wasserablasses möglich. 36 Arbeiter, fünf Bagger, 20 Lkw und ein großer Kran kämpften damals gegen die Zeit.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Im Gegenzug für die Eingriffe in die Natur sollten Umweltschutzmaßnahmen dafür sorgen, dass der Lebensraum von Tieren so gut wie möglich erhalten bleibt. Beispielsweise fühlen sich die Mühlkoppe im Lochbach wohl und die Libellenart der Keiljungfern entlang des Baches. Ein Biotop und 50 neu gepflanzte Bäume kamen hinzu. Dank neu geschaffener Balkone im Kanal und Rasengittersteinen konnten sich Kleinlebewesen ansiedeln. Wasserbausteine sorgen dafür, dass das Wasser für Forellen verstrudelt. Insgesamt 263 Auflagen musste Investor Franz Wurzer seinerzeit beachten – unter anderem vom Umwelt-, vom Tiefbau- und vom Wasserwirtschaftsamt.

Kraftwerk soll nicht nur als stummer Zeuge dastehen

Beim Facelift des Gebäudes selbst wurde auf bauliche Authentizität geachtet. Bestes Beispiel: Die Kloster- und Brauereiziegel wurden als Auftragsarbeit originalgetreu nach historischem Vorbild gebrannt. Lediglich das undichte, schiefergedeckte Dach wurde mit einem Edelstahldach modernisiert. Auch die Elektronik wurde erneuert. Generalüberholt wurden die wesentlichen Komponenten zur Stromerzeugung wie Francis-Turbine und Generator. Denn das Kraftwerk sollte nicht nur als stummer Zeuge der Vergangenheit stehen bleiben, sondern weiterhin Strom erzeugen. Dieser wird in das Netz der Stadtwerke eingespeist.

„Ein Schmuckstück“ wollte Franz Wurzer aus dem maroden Kraftwerk machen, welches man über die Verlängerung der Rentmeisterstraße erreicht. Zum einen für die Spaziergänger, zum anderen für sich selbst, denn der Unternehmer hatte schon immer ein Faible für Kraftwerke. Ein kostspieliges Hobby: Seinerzeit ging man von Unterhaltskosten von 300000 bis 400000 Euro aus. Die Kosten für eine solche Investition amortisieren sich erst nach rund dreißig Jahren, schätzt man. Mittlerweile hat Wurzer 3,5 Millionen Euro in das Kraftwerk und die dazugehörige Unterhaltsstrecke investiert.

Wurzer beauftragte vor zehn Jahren Heinrich Pirek mit der Sanierung und Modernisierung des Kraftwerks. Der heute 73-Jährige ist mittlerweile Rentner. „Aber ohne Arbeit war es mir zu langweilig“, sagt der Wassertechnik-Experte. Er kümmert sich daher noch heute um das ihm anvertraute Projekt. Denn im Kanal ist nicht nur das, was da hingehört, nämlich Wasser. Holzfäller schmeißen teilweise Holzreste in den Kanal, Kleingärtner Müll und feiernde Jugendliche Bier- und Wodkaflaschen. Bei technischen Störungen wird Pirek per Computer informiert und rückt als „Wasserkraft-Feuerwehr“ aus.

Strom für einen Stadtteil wie alt-Haunstetten

„Im Tagesdurchschnitt werden hier 2400 Kilowatt Minimum erzeugt“, berichtet Pirek. „Das allein würde ausreichen für einen kleinen Stadtteil wie Alt-Haunstetten“, so der Experte. Vor der Langeweile des Rentnerdaseins muss er sich weiterhin nicht fürchten: Der Kraftwerk-Liebhaber Franz Wurzer hat mittlerweile ein weiteres Problemkraftwerk (Beim Dürren Ast 31) saniert und ist an weiteren Anlagen interessiert. Insgesamt stehen 70 Wasserkraftwerke in Augsburg, vier davon am Lochbach. „Augsburg müsste sich eigentlich mit Naturenergie selbst versorgen können“, ist Heinrich Pirek überzeugt.

Mit der natürlichen Energie des Baches ist die vermeintlich altmodische Wasserkraft dank der aktuellen Umweltdebatte wieder am Puls der Zeit. Wie sehr diese Form der Energiegewinnung mit der Natur harmonieren kann, offenbart sich, wenn Heinrich Pirek den Maschinenkasten für das Streichwehr öffnet. Jedes Jahr brüten hier Bachstelzen. Ökologischer kann Ökostrom kaum sein.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren