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27.02.2009

Ein Leben für die Musik

Man sagt, eine Arie wie "Nessum Dorma" aus Puccinis "Turandot" berührt - fast - jeden tief. So flossen beim Auftritt des Engländers Paul Pott in einer Castingshow sogar bei der abgebrühten Jury Tränen. "Bei mir nicht", sagt Kevin John Edusei. Ihn ließ dieser Auftritt völlig kalt. Der erste Kapellmeister des Theaters hat ein anderes Verständnis von Musik. Schwach wird der 32-Jährige bei Klängen von György Ligeti - zugegeben kein Komponist von Gassenhauern, aber einer für das feine Gehör, für Genießer von Musik abseits des Mainstreams.

Der Dirigent hat nichts gegen populäre Komponisten, mag Verdi, Mozart, Beethoven und Tschaikowsky. Mit Leidenschaft gab er dem Orchester bei der "Lustigen Witwe" den Takt vor, derzeit probt er die "Zauberflöte". Aber Paul Potts Version gehört in seinen Augen in die Kitschkiste.

Mehr möchte er dazu aber nicht sagen. Überhaupt ist Edusei, dessen Vater aus Ghana stammt, ein zurückhaltender Mensch. Privates ist ihm nur schwer zu entlocken. Zur Welt kam er in Bielefeld, wo der Vater als Arzt und die Mutter als Pastorin arbeiten. Musik war im Hause Edusei allgegenwärtig. Man hatte ein Abonnement und selbstverständlich ging man mit den Kindern in Konzerte.

Und so frönte Kevin John Edusei mit 15 Jahren einer Leidenschaft wie nur wenige seiner Altersgenossen: Er sammelte Partituren von Igor Strawinsky und Béla Bartok und las diese wieder und immer wieder.

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Mit 19 ging er nach Den Haag, um ein Tonmeisterstudium zu absolvieren. Nach drei Wochen wusste er, das ist es nicht. Trotzdem machte er seinen Abschluss. Parallel studierte er klassisches Schlagzeug und Pauke, anschließend bestand er die Aufnahmeprüfung für ein Dirigat. Dabei traf er auf den Lehrmeister, dem er sich noch heute verbunden fühlt. Jac van Steen beeindruckte ihn sehr, auch dessen Art, mit einem Orchester umzugehen. "Die Musiker sind gleichrangige Partner", sagt er, jede Probe empfinde er als Geschenk.

Niemals würde er einen Geiger, Cellisten, Bassisten oder Posaunisten nach einem Patzer anbrüllen. "Das entspricht überhaupt nicht meinem Temperament." Man komme auch höflich ans Ziel, nämlich zur perfekten Aufführung.

Seine Karriere scheint ihm Recht zu geben; Auszeichnungen pflastern seinen Weg. Seit 2007 ist er erster Kapellmeister in Augsburg, zuletzt gewann er in Athen 2008 den mit 15 000 Euro dotierten und sehr renommierten Mitropoulos-Wettbewerb. Mit am Start waren Dirigenten aus 14 Nationen.

Dort spielte seine dunkle Hautfarbe keine Rolle. Den deutschen Alltag erlebt er manchmal anders. Er, der seit Jahren als "Maestro von morgen" auf der Liste des Deutschen Musikrats steht, muss sich immer wieder anpöbeln lassen. In Holland passierte ihm das nicht. Doch bei diesem Thema siegt ganz schnell die gute Erziehung. "Darüber möchte ich eigentlich nicht sprechen. Ich habe auch nicht die Zeit, mich damit wirklich auseinanderzusetzen."

Denn seine Freizeit ist knapp bemessen: Wenn es irgendwie geht, reist er nach Dresden, wo Ehefrau und Tochter leben.

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