1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Ein glänzender Vertreter der Orthopädie

Augsburger Geschichte

07.03.2018

Ein glänzender Vertreter der Orthopädie

Copy%20of%20Hessing100_1.tif
3 Bilder
Von Hessings Grabstätte auf dem Gögginger Friedhof erschienen rasch Postkarten. Das Grab ist so erhalten.
Bild: Sammlung Häußler

Hofrat Hessing starb vor 100 Jahren. Sein Erbe ist die nach ihm benannte Stiftung. Aus der Orthopädischen Heilanstalt entwickelten sich die Fachkliniken.

Am 16. März 1918 starb Hofrat Friedrich von Hessing im Alter von 79 Jahren. Zur Fortführung seines Lebenswerks und zu seinem Andenken hatte er testamentarisch eine Stiftung errichtet: „Hofrat Friedrich Hessing’sche orthopädische Heilanstalt in Augsburg-Göggingen“ lautet ihr voller Name, als „Hessing-Stiftung“ ist sie geläufig.

Nach Bekanntgabe des Todes kam eine Beileidsbekundung aus dem bayerischen Königshaus. Ausführliche Würdigungen folgten in Zeitungen und bei der Beerdigung auf dem Gögginger Friedhof am 19. März. Die „Reden am Grabe des Herrn Hofrat Fr. von Hessing“ sind gedruckt erhalten. 15 Nachrufe vermitteln einen Eindruck davon, welch hohes Ansehen sich der Verstorbene erworben hatte.

„Ein Gottesgeschenk der leidenden Menschheit“

Der Augsburger Stadtpfarrer Schiller sprach am Grabe als erster vielen aus dem Herzen: „Ein Gottesgeschenk war dieser Mann der leidenden Menschheit.“ Direktor Bohnenberger, Leiter der Heilanstalt in Göggingen, dankte dem „tatkräftigen Genie und allverehrten Chef“ und gelobte, die Belegschaft werde „sein Lebenswerk in seinem Sinne weiterführen und ausbauen“.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Professor Lange aus München vertrat die „Deutsche orthopädische Gesellschaft“. Seine Würdigung des Verstorbenen verdeutlichte, dass der lange von etablierten Medizinern angefeindete Tüfler und Handwerker Hessing als „bahnbrechender und glänzendster Vertreter der orthopädische Technik“ starb. Er nannte Hessing „einen gottbegnadeten Künstler, der es in meisterhafter Weise verstand, seine Apparate dem kranken Körper anzupassen“. Als „Bahnbrecher der technischen Orthopädie“ wird der vor 100 Jahren Verstorbene auch auf seiner Grabplatte bezeichnet. Seine Entwicklungen seien derzeit „ein Segen für die zahllosen Verwundeten in diesem Kriege“ dankten Militärs des Standortes Augsburg und des Vereinslazaretts Göggingen am offenen Grab.

1,6 Millionen Mark investiert

Vier Bürgermeister verabschiedeten sich von Hofrat Friedrich von Hessing. Sie vertraten Augsburg, Bad Kissingen, Rothenburg an der Tauber und Bad Reichenhall. In ihren Ansprachen kam die wirtschaftliche Bedeutung des Engagements von Hessing außerhalb von Göggingen zum Ausdruck. Er war ab 1900 Pächter des staatlichen Mineralbades Kissingen und investierte dort 1,6 Millionen Mark. Dafür war ihm die Ehrenbürgerwürde der Badestadt verliehen worden.

Dieselbe Ehre wurde Hessing 1913 zum 75. Geburtstag in Rothenburg zuteil. Dort habe der Verstorbene „das althistorische städtische Wildbad erworben und in seinen Anlagen das moderne Wildbad erstehen“ lassen. Die 1903 fertiggestellte Kuranlage auf einem Areal von 800 Hektar umfasste Kurhaus, Restaurant, Moorschwimmbad und ein Theater mit 500 Plätzen. 1917 übereignete Hessing das „Wildbad“ der Deutschen Bühnengenossenschaft. Der Kurort Bad Reichenhall zählte seit 1917 Hessing zu seinen Ehrenbürgern. Er hatte dort 1879 die prunkvolle Kuranstalt „Friedrichshöhe“ erbauen lassen.

Unvergängliches Denkmal gesetzt

Auch Schauspieler und Opernsänger dankten bei der Beerdigung dem Mäzen, „wohlwollenden Gönner und treuen Schirmer der Kunst“. Der Leiter des Kurhaustheaters Göggingen blickte vor 100 Jahren weit in die Zukunft, als er prophezeite, „Herr Hofrat von Hessing“ habe sich mit dem Bau des „herrlichen Palmenhauses, in dem er den Musen ein so schönes Heim geschenkt“, ein unvergängliches Denkmal gesetzt.

Der nach seinem Tod zum Ausdruck kommende Ruhm des Hofrats Friedrich Ritter von Hessing war hart erarbeitet. Ein Redner erinnerte daran, dass er „von den kleinsten und bescheidensten Anfängen“ aufgestiegen sei, und zwar durch „rastlosen Fleiß, stahlharten Willen und großzügiges Organisationstalent“. Friedrich Hessing war am 19. Juni 1838 im fränkischen Schönbronn bei Schillingsfürst als 13. Kind einer bettelarmen Bauern- und Hafnerfamilie zur Welt gekommen. Mit seinen orthopädischen Apparaten habe er sich zum „Helfer der Menschheit“ entwickelt, so ein Zeitgenosse.

Oberbürgermeister als Vorsitzender

Als er am Morgen des 16. März 1918 starb, hinterließ er ein gewaltiges Vermögen. In seinem Testament vom 9. Januar 1911 hatte er festgelegt, was damit geschehen solle: Er brachte seinen Besitz, zu dem auch ein landwirtschaftliches 100-Hektar-Mustergut und eine Nutzgärtnerei in Göggingen zählten, in eine gemeinnützige Stiftung des öffentlichen Rechts unter der Verwaltung der Stadt Augsburg ein. Deshalb ist derzeit Oberbürgermeister Kurt Gribl Vorsitzender des Verwaltungsrats, dem auch 13 Stadträte angehören.

Um 1935 listete in einer 14-Seiten-Schrift der damalige Chefarzt, Friedrich Hessings Großneffe Dr. Georg Friedrich Hessing, die Behandlungsmöglichkeiten in der „Hofrat Friedrich Hessing’schen orthopädischen Heilanstalt in Augsburg-Göggingen“ auf. Er schrieb: „Neben der technisch-orthopädischen Abteilung mit ihrer bekannten Leistungsfähigkeit besteht auch eine geschlossene klinische Abteilung mit neuzeitlicher Operationsanlage, Röntgeneinrichtung usw.“ Der Wandel von der orthopädischen Heilanstalt zur Klinik mit Operationssaal war in den 1930er Jahren im Gange. Daraus entwickelte sich der heutige „Hessing-Klinik“. Sie zählt zu den größten orthopädischen Fachkliniken Europas.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums finden Sie im Online-Angebot unserer Zeitung unter augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
IMG_8075(2).JPG
Untermeitingen

Ein Gaming-Point in der Bücherei

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden