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Augsburg

30.07.2015

Ein weißes Rad erinnert an Chiara

Zum Gedenken an die verstorbene Radfahrerin stellten die Teilnehmer der Trauerfahrt an der Unfallstelle in Haunstetten dieses "Ghostbike" auf.
Bild: Annette Zoepf

Die Familie der tödlich verunglückten 19-jährigen Radlwerin Chiara traf sich mit Radfahrern zu einer Gedenkstunde. Warum sie immer noch auf eine Reaktion des Unfallfahrers wartet.

Da steht es nun am Unfallort: das weiße Fahrrad ohne Reifen, das an den Tod von Chiara erinnern soll. An der verkehrsreichen Kreuzung von Landsberger Straße und Inninger Straße in Haunstetten ist es an einen Pfahl gekettet. Die 19-jährige Radlerin aus Königsbrunn ist vor vier Wochen genau an dieser Stelle tödlich verunglückt.

Von Kieslaster überollt

Chiara Roider wurde am 30. Juni gegen 15 Uhr von einem abbiegenden Kieslaster überrollt. Wenige Stunden später erlag sie im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Diesen Donnerstag fand eine bewegende Gedenkveranstaltung an der Unfallstelle statt.

Rund 50 Menschen treffen sich dort gegen 19 Uhr mit Chiaras trauernder Familie. Zuvor war ein Tross von Radfahrern am Augsburger Rathausplatz gestartet. Der Konvoi hatte ein weißes „Ghostbike“ auf einem Anhänger nach Haunstetten transportiert. Das Besondere an dem Gedenkrad: Es wurde auf die wesentlichen Teile reduziert, die am längsten überdauern. Verschleißteile wie beispielsweise Reifen wurden entfernt, um an die Vergänglichkeit des Lebens zu erinnern. Die Idee, weiß gestrichene Fahrräder als Mahnmale für im Straßenverkehr verunglückte Radfahrer am Unglücksort aufzustellen, stammt aus den USA. Neben ihrer Funktion als Gedenkstätte sollen sie auch auf mögliche Gefahrenpunkte hinweisen.

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Andere Besucher der Gedenkstunde am Donnerstag bringen Blumen mit. „Ich habe bewusst ein buntes Gesteck ausgesucht“, sagt eine frühere Mitschülerin und Freundin, „Chiara war so ein fröhlicher und lebensfroher Mensch.“ Mutter Sunyela Roider ordnet die Blumen im Korb des Ghostbikes. Sie kämpft mit den Tränen. Die Familie kann immer noch nicht richtig fassen, was passiert ist.

Im September wollte Chiara Gebirgsjägerin werden

Stiefvater Jürgen Müller erzählt, Chiaras Leben habe sich kurz vor dem Unfall nach einer schwierigen Phase wieder zum Guten gewendet. Sie hatte sich ein eigenes Zimmer in Königsbrunn eingerichtet und beruflich neu Fuß gefasst. Im September sollte sie beim österreichischen Bundesheer als Gebirgsjägerin anfangen. Wenige Tage nach ihrem tödlichen Unfall hätte sie an einer Zulassungsprüfung zur Hubschrauberpilotin teilnehmen sollen. Das war ihr Traumjob. Um dafür fit zu sein, habe Chiara viel trainiert. Bei jeder Gelegenheit sei sie mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, auch am 30. Juni, dem Tag ihres Todes.

In den vergangenen Wochen haben Sunyela Roider und ihr Partner Jürgen Müller über Facebook viele Botschaften der Anteilnahme und des Mitgefühls bekommen. Bei der Gendenkveranstaltung am Donnerstag sagen sie „danke für das Mitgefühl“. Andererseits können sie nicht verstehen, warum vom Fahrer des Lkw und von der Firma, bei der er beschäftigt ist, keinerlei Reaktionen kommen. „Wir haben nicht mal Beileidsschreiben erhalten, was uns sehr traurig macht“, sagt Müller, „menschlich ist das eine Katastrophe.“ Insbesondere von der Firma habe sich die Familie etwas anderes erwartet.

Der Chef rechtfertigt sich

Dass es bislang keine Kontakte zu Chiaras Familie gab, wird von Seiten des Unternehmens bestätigt. Man habe sich darüber Gedanken gemacht und Fachleute gefragt, sagt der Firmenchef. Polizei, Rechtsanwalt und Seelsorge hätten ihm jedoch abgeraten, derzeit mit der Familie in Kontakt zu treten und auch eine Beileidskarte zu schreiben. Er selbst frage sich, „welche Worte soll man finden?“ Diese könnten das Geschehene nicht wieder gut machen.

Chiara Annia Sophie Roider, Ghostbike
6 Bilder
Bewegende Gedenkfeier für verunglückte Radfahrerin
Bild: Annette Zoepf

Schwierig ist die Situation offenbar auch für den Fahrer des Lastwagens. Der 52-Jährige sei „am Boden zerstört“ und derzeit krankgeschrieben, heißt es. Sein Chef berichtet von aufgebrachten Anrufern, die eine Entlassung des Mannes gefordert hätten. Der Unfallfahrer habe „derzeit keine Lobby“.

Besonnen fällt jedoch ein Kommentar der Bürgerinitiative Fahrradstadt 2020 im Internet aus: „Den Hinterbliebenen wünschen wir, dass sie Chiara in guter Erinnerung halten. Wir wünschen ihnen (und auch dem Fahrer des Lkw) die Kraft, mit den langfristigen Folgen eines Sekundenbruchteils bestmöglich zu leben.“ Der Fahrer des Lastwagens muss mit einem Strafverfahren rechnen.

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