Newsticker

München hebt Maskenpflicht auf und lockert Kontaktbeschränkungen
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Eine Absprache erspart dem Opfer neue Qualen

10.03.2009

Eine Absprache erspart dem Opfer neue Qualen

Die Blicke der Menschen in Saal 170 des Justizzentrums gehen irgendwo ins Leere. Anklageschriften wie diese, die Staatsanwalt Hans-Peter Dischinger gerade vorträgt, ist man zwar gewohnt. Doch zur Routine werden solche Dinge auch für die Juristen nie. Die Anklage wirft einem 57-Jährigen vor, seinen Stief-enkel mehrfach missbraucht und vergewaltigt zu haben. Eigentlich ist das eine Tat, bei der die Meinungen über die richtige Strafe weit auseinandergehen. Nicht so in diesem Fall. Alle Beteiligten sind sich einig und fordern exakt dieselbe Bestrafung. Der Grund: Es hat vorab eine Absprache gegeben.

Urteilsabsprachen, sogenannte "Deals", gehören an den Gerichten längst zum Alltag. Meist geht es darum, dass dem Angeklagten ein mildes Urteil versprochen wird, wenn er ein Geständnis ablegt. Es ist der Lohn dafür, dass der Justiz damit eine Menge Arbeit erspart wird. In der Öffentlichkeit werden "Deals" meist kritisch beäugt. Schlagzeilen machte die Absprache im Fall des früheren VW-Arbeitsdirektors Peter Hartz. Aus der VW-Schmiergeldaffäre kam der geständige Angeklagte mit einer Bewährungs- und Geldstrafe heraus.

Für Christoph Wiesner, Vorsitzender Richter an der Jugendkammer des Augsburger Landgerichts, haben "Deals" aber einen weiteren, viel wichtigeren Aspekt. Gerade in Fällen, in denen Kinder betroffen sind. "Wenn der Angeklagte geständig ist, bleibt dem Opfer wenigstens eine Aussage vor Gericht erspart." Und damit neue psychische Qualen. So war es auch im aktuellen Fall: Der heute 16-Jährige musste nicht nochmal erzählen, wie er über Jahre den sexuellen Übergriffen seines Stiefgroßvaters ausgesetzt war.

Annemarie Ott, die Verteidigerin des 57-Jährigen, erklärte gleich zu Beginn, dass der Angeklagte seine Taten gestehe. Angefangen hatte alles an Heiligabend 2005. Der damals 13 Jahre alte Bub übernachtete im Wohnzimmer zusammen mit dem Stiefopa auf einer Couch. In dieser Nacht kam es nur zu Berührungen, später wurden die Übergriffe dann heftiger. Mit Drohungen wollte der Anklagte seinen Stiefenkel zum Schweigen verdonnern. "Wenn du etwas erzählst, wird die Familie auseinanderbrechen", soll er den Buben mehrmals gewarnt haben.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Diese Drohung wurde wahr, als sich der Junge einem Freund seines Stiefvaters offenbarte. Die Familie teilte sich in zwei Lager. Manche Verwandte hielten den Jungen für einen Lügner, andere glaubten ihm.

Eine Situation, die dem Buben offensichtlich schwer zusetzte. Deshalb ist auch die bekannte Opferanwältin Marion Zech, die im Prozess als Nebenklägerin den Jungen vertrat, froh über den "Deal", der den Angeklagten zum Geständnis bewegte. "Das Geständnis verhindert, dass es zu einer weiteren Spaltung der Familie kommt." Keiner könne dem Jungen den Vorwurf machen, er haben seinen Stiefopa zu unrecht hinter Gitter gebracht.

Deshalb forderten in ihren Plädoyers schließlich alle - Staatsanwalt, Nebenklägerin und auch die Verteidigerin - eine Haftstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten. Und genau so lautete schließlich auch das Urteil. Den Eindruck, dass bei der Urteilsfindung hinter den Kulissen gemauschelt wurde - das ist immer wieder der Vorwurf, wenn es einen "Deal" gibt - will Richter Christoph Wiesner erst gar nicht aufkommen. Er ließ den Inhalt der Prozessabsprache ganz offiziell ins Protokoll aufnehmen. Und das ausgehandelte Strafmaß? Zu milde sei es keineswegs, meint der Richter. "Es ist vergleichbar mit den Urteilen, die auch sonst hier gefällt werden."

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren