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Augsburg

09.06.2018

Eine Frau wünscht sich den Straßenstrich zurück

Seit dem Verbot der Straßenprostitution in Augsburg ist es auf den Straßen ruhiger geworden. Doch einige Frauen trifft die Regelung hart. Sie haben dadurch ihre Existenz verloren.
Bild: dpa (Symbolbild)

Seit fünf Jahren ist die Prostitution auf der Straße verboten. Das richtete sich vor allem gegen Zuhälter aus Osteuropa. Doch es traf auch Frauen wie Carina H.

Sie ist jetzt arbeitslos, seit mehreren Jahren schon. Carina H. sagt, sie habe sich früher ein normales Leben leisten können. Mit einer Wohnung, wie sie es sich vorstellte. Mit Urlauben. Was eben so dazu gehört. Doch das ist Vergangenheit. Die Mittvierzigerin lebt jetzt von Hartz IV. Carina H. hatte keinen gewöhnlichen Job. Sie arbeitete als Prostituierte, auf dem Straßenstrich. Doch in Augsburg wurde die Straßenprostitution vor fünf Jahren verboten. Die ehemalige Prostituierte sagt: „Ich habe dadurch meinen Arbeitsplatz für immer verloren.“

Im Fernsehen läuft eine Nachmittagsserie, die meisten Fenster der kleinen Sozialwohnung sind verdunkelt. Sie musste aus ihrer alten Wohnung ausziehen, sie war zu teuer. Carina H. hat Kaffee gekocht und zieht an einer Zigarette. Die Tage können jetzt lang werden für sie, ganz ohne Arbeit. Bevor die Straßenprostitution von der Stadt verboten wurde, hat sie ihre Freier in einem Wohnmobil empfangen. Der Wagen stand an der Mühlhauser Straße, kurz vor der Autobahnauffahrt Ost. Die meisten Augsburger wussten genau, dass hier kein Camping-Urlauber einen Zwischenstopp einlegt. Carina H. sagt, sie sei mit der Arbeit an diesem Platz zufrieden gewesen. Sie konnte sich ihre Kunden aussuchen, war an keinen Zuhälter gebunden. Und der Verdienst habe auch gepasst.

Nach dem Aus des Straßenstrichs probierte sie es in einer Bordellwohnung. Doch es verirrten sich zu wenige Freier dort hin. In ein größeres Bordell zu gehen, das kam für sie nicht in Frage. Dort arbeiten fast ausschließlich Frauen aus Osteuropa. Sie seien viel jünger und verkauften ihren Körper für viel zu wenig Geld, sagt Carina H. Und wer sich nicht an bestimmte Vorgaben halte, zum Beispiel Oralsex ohne Kondom, der fliege aus solchen Häusern auch schnell wieder raus. Das wollte sie sich nicht antun.

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Stadt: Wir mussten handeln

Ordnungsreferent Dirk Wurm (SPD) weiß, dass es Frauen wie Carina H. gibt, die das Verbot hart getroffen hat. Um diese Prostituierten sei es auch gar nicht gegangen, als unter seinem Vorgänger Volker Ullrich (CSU) das Straßenstrich-Verbot beschlossen wurde, sagt er. Allerdings habe die Stadt damals handeln müssen. Die Probleme an den üblichen Standplätzen der Prostituierten hätten überhand genommen. Am Schlachthof-Areal, wo sich zahlreiche Restaurants niedergelassen haben, klagten Besucher immer wieder über Belästigungen durch die Prostituierten.

Auch der Straßenstrich wurde in den Jahren vor dem Verbot zunehmend von Frauen aus Osteuropa dominiert. Zwei Menschenhändler-Banden aus Ungarn lieferten sich zeitweise fast so etwas wie einen Rotlicht-Krieg um die attraktiven Straßen. Die Kripo überführte damals unter anderem den Zuhälter Jozsef L., 29. Mit zwei Landsleuten hatte L. nachts in Lechhausen gewaltsam eine Ungarin in sein Auto geschleppt. Er drohte, ihr Kind entführen zu lassen, forderte von ihr ein tägliches „Standgeld“ von 60 Euro, schlug sie und setzte sie wieder aus. Auch zwei weitere Prostituierte erpresste er: Die Straße, das war seine Ansage, gehöre ihm. Die Straße gehört Jozsef L. und den anderen Zuhältern nicht mehr.

Bei der Polizei ist man fünf Jahre nach dem Verbot zufrieden. Hauptkommissar Simon Hirn, einer der Rotlicht-Ermittler bei der Kripo, sagt: „Es war der richtige Schritt.“ Auf der Straße sei erstaunlich schnell Ruhe eingekehrt. Die Zahl der Verstöße gegen das Verbot sei von Anfang an deutlich niedriger gewesen, als es die Kripobeamten erwartet hatten. Ein Teil der Frauen sei in Bordelle ausgewichen, andere seien in andere Städte gegangen. Einige hätten auch aufgehört. Simon Hirn weiß aber auch, dass mit dem Verbot des Straßenstrichs längst nicht alle Probleme gelöst sind. Auch die Frauen, die in Bordellen arbeiten, stünden oft unter dem Einfluss von Zuhältern oder Männern, die sich offiziell als Freunde bezeichnen. Opfer von Menschenhandel gebe es nach wie vor.

Als Jugendliche in die Prostitution gerutscht

Carina H. hat es auch mit anderen Jobs probiert. Doch es ist nicht leicht, etwas zu finden. Sie ist schon mit 15, 16 Jahren in die Prostitution gerutscht. Eine Freundin habe ihr damals von dem schnell verdienten Geld vorgeschwärmt. Auf dem Land, im Hinterzimmer einer Bar, fing sie an. Etwas anderes hat sie nicht gelernt. Und was soll sie überhaupt in einen Lebenslauf schreiben? Heute weiß sie, dass es ein Fehler war, als Prostituierte zu arbeiten. Sie geriet dabei teils auch an die falschen Männer, obwohl sie immer Wert auf Eigenständigkeit legte. Und viel Geld legt man im Milieu ebenfalls nicht zur Seite. Doch wer denkt mit 16 schon daran, was mit Mitte Vierzig einmal sein wird?

Bei der Stadt sieht man jedoch keinen Grund, von dem Verbot wieder abzurücken. Das es einzelne Frauen gibt, die dadurch einen Nachteil haben, sei bedauerlich, sagt Ordnungsreferent Dirk Wurm. Das sei aber nicht zu ändern. Den Wunsch von Carina H. zumindest einzelne Straßenzüge oder Bereiche kontrolliert für die Prostitution freizugeben, hält er für nicht umsetzbar. Er fürchtet, dass dann auch schnell wieder Kriminelle ein Geschäft wittern. Dirk Wurm sagt: „Es gibt aus unserer Sicht keinen Anlass, das Thema anzugehen.

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