Ausstellung I

27.07.2016

Eine Heimat auf Zeit

Ein Modell im Architekturmuseum. Dort wird gerade gezeigt, wie neuer, günstiger Wohnraum für Flüchtlinge aussehen könnte.
Bild: Christian Menkel

Auch das Architekturmuseum Schwaben trägt zum Friedensfest bei – mit Entwürfen für Flüchtlinge

Seit sie vor Jahren die schrecklichen Zustände in der ehemaligen Asylunterkunft Fabrikschloss sah, ist für Christiane Lembert-Dobler das Thema des Wohnens von Flüchtlingen eine Herzensangelegenheit. Und so konzipierte sie zusammen mit der Hochschule Augsburg und der Technischen Universität München eine Bauwerkstatt als ein wichtiges Projekt des diesjährigen, von ihr verantworteten Friedensfest-Programms. Die Ergebnisse zeigt eine dreiteilige Ausstellung im Architekturmuseum Schwaben, und man sieht dort: Ideen für menschenwürdiges Wohnen und Mut zur Partizipation, zum gemeinsamen Planen von Experten und Betroffenen gibt es durchaus – es fehlt nur die Umsetzung.

Von Flüchtlingen will Christian Peter, Professor für Baukonstruktion und Entwurf an der Hochschule Augsburg, eigentlich gar nicht reden. Lieber spricht er von „Wohnbedürftigen“, denn einer Wohnung, einer Heimat bedarf jeder Mensch, ganz gleich ob er von hier ist oder aus der Fremde kommt. Oder er spricht davon, für Heimatlose eine Heimat zu schaffen. Peter versucht also, seinen Studierenden als moralische Haltung beim Entwerfen beizubringen, nicht zwischen Zielgruppen erster und zweiter Klasse zu unterscheiden. Auch die Flüchtlinge sollen mittendrin leben in der Stadtgemeinschaft, am Leben teilhaben können, statt in Lagern oder provisorischen Unterkünften hausen zu müssen. Teilhabe, Partizipation, das muss die Leitlinie beim Entwerfen für alle Wohnbedürftigen sein, und um dieses Ziel umzusetzen, dazu braucht es in der gegenwärtigen politischen Situation Mut.

Wie aber können in einer eh schon dicht bebauten Stadt neue preiswerte Wohnangebote geschaffen werden, fragte Peter in einem Seminar seine Studenten. Die hatten dafür zahlreiche Ideen mit konkretem Augsburg-Bezug, die sie nun unter dem Titel „mitten drin“ im Museum präsentieren. Da könnte eine Lechbrücke bebaut werden; Baulücken in der Pilgerhausstraße schreien danach, geschlossen zu werden. Ein ungenutztes Gotteshaus könnte man mit Wohnmodulen füllen, auf das Tramdepot an der Baumgartnerstraße ließen sich Wohnwürfel setzen, und am Obstmarkt wären schmale Wohntürme – jeweils 32 Quadratmeter auf vier Ebenen – zu stapeln. Man sieht: Auch bei wenig Platz lässt sich in der Stadt noch eine Menge Menschen unterbringen, und wenn das konzeptionell intelligent gemacht wird, dann haben nicht nur die Neuankömmlinge, sondern auch die Alteingesessenen etwas davon.

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Die gebaute Heimat muss dabei nicht so winzig sein, wie sie die Hochschule Augsburg für die Hilfsorganisation Humedica entwarf. Humedica hatte bei der Hochschule angefragt, ob sie nicht Ideen für einen transportablen Rückzugsraum hätte, den die Helfer zu ihren Einsätzen mitnehmen können, sodass sie dort nicht unter freiem Himmel schlafen müssen. Mehrere Hochschulteams aus Designern, Ingenieuren und Architekten dachten nach und entwickelten die „Humedica Homebase“. Das sind quasi Wohncontainer von ein bis zwei Quadratmetern Grundfläche und aus ultraleichten Materialien, die die Katastrophenhelfer als Rucksack mitnehmen und am Einsatzort aufstellen können, ein mobiler Schutzraum und Rückzugsort. Diese Abteilung der Ausstellung weist eindrücklich darauf hin, dass jeder Mensch immer wenigstens ein Minimum von Heimat braucht, auch wenn es nur Heimat auf Zeit ist.

Für Flüchtlinge, die zu uns kommen, ist ihre erste Unterkunft Heimat auf Zeit. Was wünschen sich die Menschen, welche Bedürfnisse sind zu erfüllen, damit sie den Lebensabschnitt in einer Flüchtlingsunterkunft ertragen und mehr noch: positiv erleben? Das fragte Hilde Strobl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Architekturmuseum der Technischen Universität München. Die Augsburgerin brachte Kollegen vom Holzbau-Lehrstuhl, Studierende und die Bewohner einer Augsburger Flüchtlingsunterkunft zusammen und ermunterte sie, den „Mut zur Partizipation“ aufzubringen, auf Augenhöhe mit den Flüchtlingen zu planen. Gemeinsam analysierten Experten und Betroffene, was sich ändern müsste, um die Unterkunft angenehmer für die Bewohner zu gestalten. Eine Fahrradwerkstatt in der Garage wurde zum Beispiel geplant, Rückzugs- und Ruheräume im Innenhof. Nach dem Analysieren und Planen gingen alle Teilnehmer auch ans gemeinsame Bauen.

Die Bauwerkstatt mit Flüchtlingen ist für Strobls Chef, Museumsleiter Prof. Andres Lepik, ein Projekt, das weit über den Rahmen eines Museums hinausführt – „Echtes Arbeiten mit echten Menschen!“ – und von großer Bedeutung ist, denn auch Architektur-Fakultäten und Museen müssten sich der Herausforderung des Zuzugs vieler Menschen stellen. In der Ausstellung zeigen viele Fotos den Ablauf in der Bauwerkstatt, und eine hölzerne Rauminstallation bringt den Besuchern eindrucksvoll das Körpererlebnis der Enge nahe. Man kann plötzlich nachvollziehen, wie es sein muss, so nah und eng mit anderen Menschen in einer Flüchtlingsunterkunft zusammenleben zu müssen.

der Ausstellung bis 28. August im Architekturmuseum Schwaben, Thelottstr. 11. Die Öffnungszeiten sind Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr.

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27.07.2016

Wieder einmal die sattsam bekannte Mischung aus Idealismus, Naivität und Eigeninteressen der Architektengilde: wir schaffen kleine Minderheiten-Ghettos und wundern uns anschließend, wenn es nicht funktioniert. Leider alles schon vielfach erlebt. Mit Mut hat das nichts zu tun, eher mit einer gewissen standhaften Realitätsverweigerung.

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