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Augsburg-Stadt

27.03.2015

Eine Kostbarkeit aus alten Teebeuteln

Um die traurigen und kostbaren Momente im Leben geht es im Werk „Seelenwanderung“ von Judith Mundwiler.
Bild: tim

22 renommierte Künstlerinnen zeigen ab heute, dass man aus Quilts viel mehr machen kann als die übliche Steppdecke fürs Bett. Selbst Picasso hat sich wichtige Kunstwerke weben lassen

Aus der Ferne wirkt dieses Stück Stoff wie ein kostbarer Vorhang aus einer antiken Villa oder einem Schloss. Aus der Nähe entpuppt es sich als ein raffiniertes Produkt der Wiederverwertung. Es besteht aus gebrauchten Teebeuteln. Die Hüllen wurden aneinandergereiht und mit Goldfäden durchwirkt. Dieser Vorhang von Künstlerin Judith Mundwiler soll auch ein Symbol fürs Leben sein – mit all seinen Verletzungen und kostbaren Momenten.

Das ungewöhnliche Werk ist Teil einer neuen Wanderausstellung im Textil- und Industriemuseum Augsburg. Dort sind ab heute Quilts von 22 renommierten Textilkünstlerinnen aus Deutschland und der Schweiz zu sehen. Sie entstanden für einen internationalen Wettbewerb des Vereins für Quiltkunst. „Quilts haben sich in den letzten Jahren zu einer selbstbewussten Gattung moderner Textilkunst entwickelt“, sagt Museumsleiter Karl Borromäus Murr.

Quilts? Das sind ursprünglich gesteppte Zierdecken, die man auch als Wandteppich verwenden kann. Eine Tradition der Quilts reicht bis zu frühen amerikanischen Siedlern zurück, den Amish People. Die Siedlerfrauen arbeiten gemeinsam an den Patchworkdecken. Für sie ist es eine handwerkliche Tradition.

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Seit den 1970er Jahren entdeckten immer mehr bedeutende internationale Künstler das Quilten. „Picasso und andere Vertreter der Moderne haben wichtige Werke weben lassen, um sie aufrollen und immer bei sich haben zu können“, sagt Gisela Hafer vom Verein für Quiltkunst.

Im Textilmuseum sind nun großformatige Quilt-Kunstwerke aus der Gegenwart zu sehen. Sie zeigen eine unglaubliche Vielfalt von Techniken und Materialien. Inhaltlich kreisen die Werke um viele verschiedene Themen. Optisch werden sie so präsentiert, dass sie im Ausstellungsraum zu schweben scheinen. So bilden sie immer wieder neue spannende Räume.

Das sind zum Beispiel Wandteppiche in klassisch moderner Formensprache. Sie erinnern an Bilder von Malern wie Klee oder Kandins-ky. Andere Quilts spielen mit der künstlerischen Reduktion von Farbe, wieder andere mit dem Thema Recycling. Auch Natur und Landschaft spiegeln sich in Wandteppichen wider. Isabelle Wiessler gibt Stimmungen wieder, die sie auf einer Reise in die unendlichen Weiten der Mongolei erlebt hat.

Einige Werke drehen sich rund um Mythologie. Gabriele Kleindienst hat in ihrem „Garten der Lüste“ Inseln mit Fischen, Kraken, Korallen und wundersamen Menschenwesen geschaffen. Wie die legendären Sirenen sollen sie den Betrachter in Versuchung führen.

In vielen Fällen setzen sich die Textilkünstlerinnen in ihren Werken kritisch mit Problemen der heutigen Zeit auseinander – mit den gnadenlosen Diktaten der Schönheitsindustrie, mit Umweltverschmutzung, Industriebrachen oder auch mit der Bankenkrise.

Brigitte Kopp hat sich für ihre Quilts mit dem Titel „Der stumme Schrei“ ein Zitat von Bert Brecht vorgenommen. Es geht um die Überfrachtung der Menschen mit Informationen und um die Abstumpfung in der Wahrnehmung unserer Umwelt. Ja – auch solche Themen lassen sich auf Wandteppichen darstellen.

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