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Porträt

29.08.2017

Eine Künstlerin, die aneckt

Die Künstlerin Esther Glück in ihrem Atelier in Dachau. Im Vordergrund der grüne Mantel, den sie aus Gras geflochten hat. Das hat ihr Anfeindungen in Dachau gebracht, weil sie das Gras aus dem Konzentrationslager Dachau verwendet hat.
Bild: Esther Glück

Mit einer großen Installation ist Esther Glück gerade in Augsburg zu sehen. In ihrer Heimat Dachau haben sich an ihren Arbeiten mehrfach lange Diskussionen entzündet. Widerstand zu leisten, das liegt bei ihr in der Familie

In diese stille, saubere Wohnstraße im Zentrum Dachaus will das blaue Haus, umgeben von einem großen, wilden Garten, sich nicht so recht einfügen. Hinter dem Gebäude, in einem kleinen quadratischen, modernen und lichtdurchfluteten Würfel, hängt auf einem Metallgestell ein aus Gras geflochtener Mantel. Aus einem CD-Spieler auf dem Boden ist Monteverdi zu hören.

Dieser Mantel hat ihr eine Menge Anfeindung im Ort eingebracht, erzählt Esther Glück, die Künstlerin, die mit ihrer aktuellen „Garten <–> Gan“-Installation gerade die Synagoge in Kriegshaber bespielt. Das Gras stammt aus der KZ-Gedenkstätte, für die der Ort weltweit traurige Berühmtheit erlangte. „Da gibt es einfach Leute, die gerne das Deutungsmonopol für sich beanspruchen“ und so wird man mal eben als Diebin des Heus aus einem ehemaligen Konzentrationslager hingestellt. Das war 2005 und fand erst dann ein jähes Ende, als die Stiftung bayrischer Gedenkstätten die Arbeit aus Überzeugung aufkaufte. Jetzt restauriert Glück den Mantel in ihrem Atelier im Garten ihres blauen Hauses.

Auch mit einer anderen Arbeit hatte Glück im Ort für Diskussionsstoff gesorgt. Vor einem Kindergarten errichtete sie ein Gestell, auf dem in fünf Metern Höhe ein kleiner Junge balanciert. Die Eltern beschwerten sich, die Figur mache ihren Kindern Angst oder sorge gar für Nachahmung. Eine Zeit lang verhüllte die Stadt das Kunstwerk und erst nach etlicher Überzeugungsarbeit, auch durch den Oberbürgermeister Florian Hartmann, wurde die Installation endlich als das, was sie ist – nämlich ein Zeichen für die Kinder und bestimmt nicht gegen sie – akzeptiert und schlussendlich willkommen geheißen.

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Ja, gibt Glück lachend zu, als bequemer Charakter werde sie wohl nicht wahrgenommen. Das war schon bei ihrem Großvater so. Der habe zu Lebzeiten Widerstand geleistet, Juden vor dem Regime versteckt. Die Haltung ließ auch sie nicht los. Und so zwingt sie den Betrachter ihrer Werke immer wieder, sich sowohl mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Landes, genauso aber mit der gegenwärtigen Erinnerungskultur und aktuellen gesellschaftspolitischen Strömungen auseinanderzusetzen. „Es ist ein Unding, zu sagen, ‚Das ist heute kein Thema mehr’, wenn es noch Überlebende gibt, auch Nazis. Die Gesellschaft ist geprägt von ihrer Geschichte und daran muss man arbeiten.“

Dabei sei es wichtig, künstlerisch mit diesen Themen umzugehen und diese aufzuarbeiten, ein ums andere Mal. „Ich glaube, wenn man Geschichte nur liest, fehlt einem Erfahrung und um Erfahrung zu machen, kann man den Weg über die Kunst wählen.“ Dass Glück das gelingt, zeigen allein die aufgebrachten Reaktionen ihrer Heimatstadt, den Ort, den sie sich übrigens nicht bewusst für ihr Schaffen ausgesucht hat, sondern in den sie bereits 1966 hineingeboren worden ist und den sie trotz manches Widerspruchs als den Rückzugsort empfindet, an dem sie ihre künstlerische Haltung immer wieder hinterfragt und „an dem mir keiner was kann“. Für ihre Kunst sucht sie willentlich den Weg hinaus aus dem Institutionellen, nutzt den öffentlichen, konfrontativen Ort. Denn man müsse die Leute mitnehmen, alles andere wäre nicht klug, sagt sie. „Ich finde, dass die Kunst oft als elitär verkauft wird. Das halte ich nicht für richtig.“ Das fange schon damit an, dass sich einige Künstler verweigern, sich selbst über ihre Kunstwerke zu äußern und den Betrachter oft unbeholfen zurücklassen. Das sei eine Überheblichkeit, die ihr nicht liege.

In einem ihrer vergangenen Großprojekte, dem Kunstfilm „Für das Ende der Zeit“, welcher am Mittwoch im Rahmen der Installation „Garten <–> Gan“ gezeigt wird, befasst sich Glück ebenfalls mit dem Erinnerungs- wie Vergessensprozess innerhalb der Gesellschaft. Für die Arbeit hatte Glück mehrere tausend Zeichnungen angefertigt, dabei mit einer Radiertechnik gearbeitet, sodass am Ende für alle Skizzen gerade einmal zehn Blatt Papier verwendet wurden. Die Spuren des vorangegangenen Bildes sind immer auf dem nächsten und übernächsten zu erkennen und verblassen nur allmählich. Der Film wird jährlich am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus auf BR-Alpha ausgestrahlt.

Glücks engagierte Kunst bedeutet in Zeiten gesellschaftlicher Zuspitzung, die in einer bisher nicht ahnbaren Geschwindigkeit vonstatten geht, eine Festigung sozialer Grundmaßstäbe der Aufarbeitung und des Vordenkens von Wertvorstellung und Historie. Ein Prozess, der, mag es auch mancher anders sehen, keinen Abschluss oder Endpunkt kennt.

Im Rahmen der Ausstellung „Garten <-> Gan“ in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber wird am Mittwoch, 30. August, um 19.30 Uhr der Kunstfilm „Für das Ende der Zeit“ von Esther Glück gezeigt.

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