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01.07.2010

Eine Liebe im Tiroler Krieg

In einer Seitengasse in Augsburg geschieht ein Unglück, das die junge Liebe des Südtiroler Handwerksburschen Franz Egger (Wolfgang Menardi) und der Augsburger Arzttochter Katharina Heimstedt (Inga Birkenfeld) schlagartig verändert - und in den Tiroler Aufstand hineinzieht. Foto: FR Entertainment, Barbara Bauriedl
Bild: FR Entertainment, Barbara Bauriedl

Die Kamera lässt den Blick des Betrachters in großartiger Manier von oben über einen schneebedeckten Alpenkamm gleiten, um dann wie ein Bussard in die Tiefe der Südtiroler Berglandschaft zu fallen. Das ist die erste Szene des neuen Kinofilmes "Bergblut", der heute bei den Münchner Filmfestspielen Deutschlandpremiere hat, und sie steht symbolisch für das, was einen in dem Film erwartet: Tiefe.

Die Handlung beginnt mit der zarten Liebesgeschichte zwischen dem Tiroler Tischlerlehrling Franz Egger und der Arzttochter Katharina Heimstedt, die sich in Augsburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts kennen und lieben lernen. "Ich spürte, dass etwas im Kommen war. Dann sah ich ihn das erste Mal: ein Wanderer aus dem Gebirge, den der Wind nach Augsburg in die Lehre geführt hatte …" In seiner Sprache spielt "Bergblut" trotz absoluter Authentizität der verwendeten Dialekte - allein für die Sprechrollen wurden 100 Darsteller gecastet, die muttersprachlich die Originaldialekte beherrschten - an solchen Stellen mit bezaubernder Poesie.

Über 100 Komparsen bevölkern die Szene an der Stadtmauer

Trotz anfänglichem Widerstand des Vaters heiraten die beiden. Am Roten Tor ereignet sich eine ergreifende Schlüsselszene. Warum dort? "Es war ein historischer Ort, der für das alte Augsburg steht, ein Ort, den es bereits 1809 genau so gegeben hat. Es ist ein Tor in die Vergangenheit", sagt Regisseur Philipp J. Pamer. Mit viel Aufwand hat das Filmteam das Areal vor dem mittelalterlichen Stadttor um 200 Jahre in die napoleonische Zeit zurückversetzt. Historische Marktstände und mehr als 100 Komparsen in historischen Gewändern bevölkern die Szene: Ein Schmied schlägt auf rot glühendes Eisen ein, ein Metzger bietet grobe Schlachtware feil, französische Soldaten der Grande Armée Napoleons befinden sich unter dem Marktvolk, durch das Arm in Arm das junge Paar wandelt.

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Katharina, grandios gespielt von Inga Birkenfeld, eröffnet ihrem jungen Mann Franz (Wolfgang Menardi) unter dem Torbogen, dass sie schwanger ist. Voll Freude kauft er ihr daraufhin eine handgeschnitzte Heiligenfigur. "Der heilige Ulrich, er ist ja nicht nur der Schutzpatron dieser Stadt, sondern auch von den Reisenden und Schwangeren", erzählt ihnen der Schnitzer orakelnd.

Aber alsbald führen Wortgeplänkel zu einem Streit mit einem französischen Sergeanten, den Franz im Affekt mit der Holzfigur erschlägt. Der heilige Ulrich wird solcherart auf tragische Weise zukunftsweisend für das weitere Schicksal der beiden Liebenden. Vor der französischen Militärgerichtsbarkeit fliehen Katharina und Franz über die Berge in dessen Heimat Tirol. Das strategisch wichtige Alpenland allerdings war wenige Jahre zuvor unter der Bezeichnung "Südbayern" von Napoleon dem verbündeten Wittelsbacher König Max I. gegeben worden. Die bayerischen Fahnen wehten von Vorarlberg bis zum nördlichen Gardasee. Auch in dieser politischen Realität liegt eine Parallele mit Augsburg: 1807 hatte Napoleon die Freie Reichsstadt ebenfalls den Bayern gegeben.

Mit voller Wucht in den Aufstand Andreas Hofers hineingerissen

Während sich aber die Augsburger notgedrungen mit den neuen Herren abgefunden hatten, lagen die Verhältnisse in Tirol ganz anders. Alle alten, traditionsreichen Institutionen waren zerschlagen, die Klöster aufgehoben und Priester teilweise verhaftet und deportiert worden. Überhaupt griff die neue Regierung mit dem Verbot von Kreuzwegen, Prozessionen, Wallfahrten, Wettersegen und Wetterläuten derart tief in das religiöse Brauchtum der tiefgläubigen Tiroler ein, dass darin vielleicht die eigentliche Ursache für den Volkskrieg zu finden ist. Unter dem Joch der tyrannischen Herren bricht im April 1809 der Aufstand unter Führung Andreas Hofers aus, in den Franz und Katharina mit voller Wucht hineingerissen werden.

Es ist aber nicht der Bilderrausch großartiger Schlachtenszenen, den "Bergblut" zeigt, sondern das Erleben des Krieges der Daheimgebliebenen, der Frauen, Mütter und Alten. Der Film führt in ein Kriegslazarett, wo Katharina die furchtbar zugerichteten Verwundeten pflegt. Als Tirol nach dem Friedensschluss von Schönbrunn im Oktober 1809 erneut an Bayern fällt und Andreas Hofer gegen eine vielfache Übermacht das letzte Aufgebot zusammentrommelt, greift Katharina aus Liebe und Verzweiflung zum Äußersten, um ihren Mann am Fortziehen zu hindern. Und nimmt in Kauf, dass sie Franz' Vater an den Haaren aus dem Haus schleift und verstößt, weil sie damit ihren Mann am Leben erhält. Die letzte Schlacht am Berg Isel endet für die Tiroler mit einer vernichtenden Niederlage, Franz' jüngerer Bruder Veit wird von einer Kanonenkugel zerfetzt.

Die moralische Größe des Filmes liegt darin, dass weder Tiroler noch Bayern noch Franzosen als "die Guten" oder "die Bösen" vorgeführt werden. Pamer zeigt die Handelnden in ihrer Zerrissenheit, die auch nach extremen Situationen menschlich sind. "Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der abgrundtief böse ist. Jeder von uns trägt zwei Seiten in sich", sagt der Regisseur.

Nähere Informationen und Trailer:

www.bergblut.com

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