1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Eine Lok dampft durch die Geschichte

Schaustück

12.11.2014

Eine Lok dampft durch die Geschichte

Die preußische Dampflok „Posen 2455“ aus dem Jahr 1919 gilt als Symbol für die wechselvolle europäische Geschichte. Jetzt steht sie im Museum Bahnpark Augsburg.
Bild: Silvio Wyszengrad

Die preußische Lokomotive „Posen 2455“ gilt als technisches Meisterwerk. Sie ist seit dem Ersten Weltkrieg unterwegs. Nach 55 Jahren Dienstzeit wurde sie auf das Abstellgleis gestellt. Jetzt fährt sie wieder ab Augsburg

Mehrere Hunderttausend Kinder und Jugendliche wurden unter den Nazis über Tausende von Kilometern hinweg in Vernichtungslager verschleppt. Ein „Zug der Erinnerung“ fuhr in den vergangenen Jahren durch Deutschland und Polen. Er erzählte die Geschichte der europäischen Deportationen nach. Gezogen wurden die Waggons mit der Ausstellung von der historischen Dampflokomotive „Posen 2455“. Die preußische Dampflok aus dem Jahr 1919 gilt als ein Symbol für die wechselvolle europäische Geschichte. Jetzt steht die Lok im Museum Bahnpark Augsburg.

Vor Kurzem schloss der Bahnpark einen Vertrag über die „Posen 2455“. Künftig ist sie im Museum im Stadtteil Hochfeld beheimatet. Dort waren schon zu Zeiten der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Bundesbahn Loks der „preußischen Gattung P 8“ stationiert. Von Augsburg aus wird die Lok in ganz Deutschland eingesetzt und soll auf diese Weise von der preußischen, deutschen und europäischen Geschichte berichten.

Rückblick: Die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts waren eine turbulente Zeit. In Berlin regierte Kaiser Wilhelm II. mit viel Prunk und Pomp ein Reich, das sich im Zeitalter des Imperialismus auf dem Weg zur Weltmacht sah. In fernen Kolonien wurde die Flagge des Kaiserreiches gehisst. Daheim in Preußen bestimmte das Militär den Alltag. Wilhelm II. begeisterte sich für die Flotte und investierte viel Geld in den Bau neuer Kriegsschiffe. Auch die „Königlich Preußische Eisenbahn-Verwaltung“ stand beim technischen Fortschritt nicht zurück. Sie machte mit Höchstleistungen immer wieder Schlagzeilen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Der Preußische Staat reichte zur Jahrhundertwende von der dänischen Grenze im Norden bis nach Kattowitz in Oberschlesien, von Saarbrücken im äußersten Südwesten bis nach Eydtkuhnen an der Grenze zu Russland. Dieses Staatsgebiet konnte nur durch ein leistungsfähiges und engmaschiges Eisenbahnnetz erschlossen werden. Im Zeichen wirtschaftlicher Prosperität entstanden in den Metropolen repräsentative Bahnhofsgebäude. Sie sollten als „Kathedralen des Verkehrs“ den Wohlstand des Landes symbolisierten. Ingenieure planten für die Eisenbahnen gewaltige Brückenbauwerke, die Täler und Kanäle überwanden.

Moderne Lokomotiven und Triebwagen sorgten mit immer neuen Geschwindigkeitsrekorden für Aufsehen: Am 7. Oktober 1903 erreichte ein elektrischer Versuchstriebwagen der Firma Siemens-Halske auf einer Militärstrecke bei Berlin die sagenhafte Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern.

Zur gleichen Zeit entwickelte der Maschinentechniker Robert Garbe in der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin eine neue Dampflokomotive, die später als „Gattung P 8“ in die Eisenbahngeschichte eingehen sollte. An den Zeichentischen entstand eine leistungsfähige und zugleich robuste Lokomotive, die mit einer Höchstgeschwindigkeit von 110 Stundenkilometern auch im Schnellzugdienst einsetzbar war. Moderne „Heißdampftechnik“ sorgte für einen niedrigen Kohleverbrauch. Zwischen 1906 und 1939 wurden nach den Plänen von Robert Garbe insgesamt 3948 Dampflokomotiven der Baureihe P 8 gebaut, die unter anderem auch nach Polen, Litauen und Rumänien geliefert wurden.

Doch als die berühmten „Linke-Hofmann-Werke“ in Breslau im März 1919 eine dieser P-8-Lokomotiven mit der Bezeichnung „Posen 2455“ zur Ablieferung bereit stellten, war die Welt eine andere geworden: Der Erste Weltkrieg war wenige Monate zuvor für Deutschland verloren gegangen und hatte ganz Europa in eine Katastrophe gestürzt. Millionen von Soldaten hatten auf den Schlachtfeldern den Tod gefunden. Am 9. November 1918 war in Berlin die Republik ausgerufen worden. Wenig später musste Kaiser Wilhelm abdanken und ins Exil gehen. Aus dem Kaiserreich wurde die Weimarer Republik, die in Berlin von unerfahrenen Demokraten regiert wurde. „Preußens Gloria“ war Hunger, Not und Elend gewichen.

1920 wurden die deutschen Eisenbahnen „verreichlicht“. Die Länder Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg mussten ihre Eisenbahnen zur „Deutschen Reichsbahn“ zusammenschließen und in das Eigentum des Deutschen Reiches übergeben. Grund dafür waren die Reparationsansprüche, welche die Alliierten nach dem Ende des Ersten Weltkrieges an Deutschland stellten und die vor allem auch von den Eisenbahnen zu erfüllen waren. Bereits im Waffenstillstandsvertrag von Compiègne war Deutschland unter anderem zur Abgabe von 5000 Lokomotiven, 10000 Personen- und 150000 Güterwagen an die Siegermächte verpflichtet worden.

Auch die Dampflok „Posen 2455“ geriet in den Strudel der Geschichte. Nach ihrer Ablieferung im März 1919 zog sie Personenzüge durch Schlesien. Im August 1926 wurde die Lokomotive dann an die Rumänischen Staatseisenbahnen verkauft. Weitere Stationen der Maschine waren die Städte Craiova, Severin, Bukarest, Simeria, Arad und Cluj. Über Jahrzehnte hinweg dampfte die „Preußin“ nun durch die Karpaten, die Walachei und Transsilvanien. Sie überstand den Zweiten Weltkrieg unbeschadet und wurde erst im Jahr 1974 im rumänischen Fetesti nach rund 55 Jahren Dienstzeit aufs Abstellgleis geschoben. Das Schicksal der Lok schien besiegelt; der Weg auf den Schrottplatz war vorgezeichnet. Doch es kam ganz anders. Nach dem Ende der Diktatur in Rumänien im Jahr 1989 entdeckte der deutsche Unternehmer Manuel Jußen die abgestellte Lokomotive. Nach zähen Verhandlungen schloss Jußen einen Kaufvertrag, ließ die Lokomotive in Rumänien restaurieren, betriebsfähig herrichten und weitgehend in den preußischen Ablieferungszustand des Jahres 1919 zurückversetzen. Mit ihrer alten Bezeichnung „Posen 2455“ trat die Lok dann im August 2001 ihre „Heimreise“ nach Deutschland an. Seither zieht sie Museumszüge durchs Land.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
_WYS6678.jpg
Augsburg

15-Jährige in Asylheim vergewaltigt: Gab es noch eine weitere Tat?

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden