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Bluespots Productions

09.02.2015

Eine Theater-Reise ins Ungewisse

Auf dem Bahnsteig mit unbekanntem Ziel. Die Tanzart-Tanzkompanie ging dem Exil-Thema im Stil alter Hollywood-Musikfilme nach.
Bild: Diana Deniz

Niemand ahnt, wohin einen das Ensemble vom Bahnhof aus bringt

Auf dem Hauptbahnhof beginnt die Reise, wo sonst. Ein Auflauf im Gebäude. Eintrittskarten werden dort in Fahrscheine umgetauscht, auch wenn niemand weiß, wohin diese Reise ins Exil geht. Rund 150 Zuschauer wollen den Festivalbeitrag von Bluespots Productions sehen.

Das Ensemble schickt seine Zuschauer in die Vergangenheit: Schon die Zugfahrkarte (sie müsste als schönste Bahnkarte des Jahres einen Preis bekommen) scheint aus der guten alten Zeit zu stammen. Aber die gute alte Zeit entpuppt sich auch als schlimme alte Zeit. Mit dem Zug geht es vom Bahnsteig 501 ins Ungewisse. Niemand kennt das Ziel, die Zuschauer sind diejenigen, die 1941 vor der Ausreise stehen. Alle flüchten vor dem Nazideutschland, das noch von einem militärischen Sieg zum nächsten eilt.

Der Zug, mit dem die Reise beginnt, stammt aus der Gegenwart. Für den ersten Teil dieser Zeitreise gehört also Fantasie dazu. Über die Zug-Lautsprecher säuselt eine anscheinend leicht angetrunkene Frau dem Lokführer Abu ordinär ins Ohr, dass er sie einmal fahren lassen solle und dass sie nicht wisse, wie sie die Flüchtlinge im Zug begrüßen solle: „Sie machen Gesichter, als ob sie in Hundescheiße getreten sind und den Geruch nicht mehr loswerden.“

Die Reise endet am Bahnpark. Es wird nostalgischer. Wo bislang die Grenze zwischen Publikum und Ensemble aufgelöst war, die Schauspieler-Schaffner mit den Zuschauern direkt verhandelten, beginnt zwischen den alten Dampflokomotiven das Theater. Sitzplätze und Decken für das Publikum, fünf Tänzerinnen, die im Stil alter Hollywood-Musikfilme tanzen, erst dominiert die Freude über den großen Aufbruch, später zieht immer mehr Unsicherheit am Bahngleis ein. Ergreifend ist es, aber aus der Distanz. Es wird geklatscht. Die gute alte Zeit erscheint wieder doppelgesichtig: schön ausstaffiert wie aus einem Kostümfilm, abgründig in ihrer Bedeutung.

So geht es weiter: Die nächste Episode führt an eine Bar – der Bahnhof in Helsinki. Der Physiker Ziffel und der Arbeiter Kalle unterhalten sich, zum Beispiel über Pässe. Sie seien der edelste Teil eines Menschen, sagt Kalle, der Mensch sei nur der mechanische Halter eines Passes, sagt Ziffel. Das Persönliche sparen sie aus. Beide sind Spielball der Weltpolitik, zwei Gestrandete, die bei Bier und Whisky nach Brechts „Flüchtlingsgesprächen“ philosophieren.

Und noch einmal Brecht: Episode drei. Dieses Mal im Zug von Moskau ans Ende der Welt. Die transibirische Eisenbahn. Ende Mai 1941. Brecht sitzt im Abteil und hat eine Erscheinung: Er sieht seine Margarete Steffin, die gerade in Moskau stirbt, ihm sagt, er soll das Marx-Buch wegwerfen, wenn er in die USA einreist. Die Zuschauer sitzen eng an eng – eine klaustrophobische Atmosphäre, aber eben auch eine klassische Theatersituation. Die Schauspieler sprechen, das Publikum sitzt ein bisschen unbequemer als sonst.

Vor allem die atmosphärische Verdichtung dieser Reise, auch Details wie die Zugfahrtkarte überzeugen. Im Gedächtnis von dieser Reise ins Exil bleiben nicht Sätze, sondern Situationen.

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