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24.01.2019

„Eine sehr sensible Dame“

Elbphilharmonie Bei einem Konzert von Jonas Kaufmann in Hamburgs attraktivem Konzerthaus haben Zuhörer gerufen: „Hier hört man auch nichts!“ Wie steht’s nun um die Akustik?

Hamburg Dass die Elbphilharmonie eine besondere Akustik hat, ist seit zwei Jahren Stand der Dinge. Die meisten Kritiker und Musiker stellten und stellen dem architektonisch atemberaubenden Hamburger Konzerthaus ein positives Zeugnis aus und schwärmen vom „glasklaren Klang“ und von der „Transparenz“ in der Amphitheater-Kapsel des großen Saals.

Das „Glasklare“ hat jedoch auch den Nachteil, dass der Saal keinen musikalischen Fehler, keine Störung durchs Auditorium verzeiht. Wenn ein Musiker oder Sänger den Ton nicht genau trifft, dann fällt das mehr auf als üblich. Und auch die Geräusche im Zuschauerraum sind nur allzu gut zu hören – husten oder rascheln mit Bonbonpapier sollte man tunlichst vermeiden.

Diese Problematik hat nun bei einem Konzert des Startenors Jonas Kaufmann beinahe einen Eklat ausgelöst – und die Diskussion über die „Elphi“-Akustik neu entfacht. Während seines Konzerts hatten Zuhörer, die hinter dem Orchester saßen, den Platz gewechselt, weil sie den Sänger nicht hören konnten. Von anderen Besuchern heißt es, sie hätten „Hier hört man auch nichts!“ gerufen. Und nach seinem Auftritt kritisierte Kaufmann die Akustik im Saal auch noch vernehmlich. „Sein Klang hat auch mit der Materialwahl zu tun, die mich am Anfang sehr verstört hat“, erklärte der Sänger dem Hamburger Abendblatt und meinte damit wohl die 11000 profilierten Gipsfaserplatten, die den Großen Saal auskleiden. „Mit Holz gäbe es einen wärmeren, weichen Klang. Das ist eine Krux, mit der Hamburg nun wohl leben muss“, meinte der Tenor, der sich mittlerweile vorstellen kann, sein nächstes Hamburger Konzert in der Laeiszhalle zu geben. Diese ist nämlich nicht nach dem Weinberg-Prinzip gebaut, sondern wie eine Schuhschachtel – und damit nach einem akustisch durchaus bewährten klassischen Konzertsaal-Format.

Kritiker bemängeln schon länger, dass Besucher – entgegen den Versprechungen von Akustiker Yasuhisa Toyota – längst nicht auf allen Plätzen der Elbphilharmonie gleich gut hören können. Deshalb wurde wohl auch Kanzlerin Merkel bei der Einweihung im Januar 2017 in den Block M platziert, von dem man bereits wusste: Besser geht’s nicht.

Dort aber saß jetzt wahrscheinlich nicht der aufgebrachte Konzertgänger und Käufer des Hamburger Abendblatts, der in einem Leserbrief erklärte: „Hype um geniale Akustik in der Elbphilharmonie bröckelt.“ Eine weitere Besucherin, die sich in Konzerten von Schlagzeuger Martin Grubinger und Cellist Yo-Yo Ma noch über den „wunderbaren Klang“ gefreut hatte, zeigte explizit Verständnis dafür, dass verärgerte Zuhörer den Saal beim Kaufmann-Konzert verließen. „Die Elbphilharmonie ist dabei, ihren Ruf zu verlieren“, schrieb sie.

Burkhard Glashoff vom Konzertveranstalter ProArte äußert sich über die Elbphilharmonie mit den diplomatisch gesetzten Worten: „eine sehr sensible Dame“. „Die Akustik der Elbphilharmonie ist nicht über Nacht schlechter geworden, sie ist nach wie vor ganz hervorragend“, so Glashoff gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk. Gleichzeitig sei der Kaufmann-Konzertpart, Gustav Mahlers sinfonischer Liederzyklus „Das Lied von der Erde“, für den Sänger eher ungewöhnlich gewesen, was einige Kaufmann-Fans sicherlich irritiert habe.

Dazu komme noch, dass bei einem solchen groß besetzten Orchester-Werk eine Schwäche der Elbphilharmonie deutlich werde: Dass nämlich auf den Plätzen hinter der Bühne Gesangsdarbietungen schlechter zu hören sind als im Parkett.

Diese Problematik ist auch Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter bekannt. „Überall in der Elbphilharmonie hört man gut. Es liegt aber in der Natur von Weinberg-Sälen, dass die Plätze direkt hinter dem Orchester bei Gesangsdarbietungen akustisch benachteiligt sind, da die menschliche Stimme einen sehr gerichteten Schall abgibt“, so Lieben-Seutter.

Lieben-Seutter weiter: Unter den rund 800 Konzerten im Großen Saal habe es in den vergangenen zwei Jahren ungezählte Höhepunkte und nur eine Handvoll Problemfälle gegeben. Über bauliche Veränderungen werde daher auch nicht nachgedacht. Aber: „Wir sind bereits seit längerem mit Veranstaltern im Gespräch darüber, für Lieder- und Arienabende einen alternativen Saalplan zu verwenden, da die Ticketpreise direkt hinter der Bühne verglichen mit ähnlichen Sälen relativ hoch sind.“

Dieser Umstand sorgte sicher auch für den Ärger und die Enttäuschung der Jonas-Kaufmann-Freunde: starker Preis, schwache tenorale Fülle. (dpa, rh)

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