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23.05.2018

Einfach Nena?

Seit kurzem 58 Jahre alt, längst mehrfache Oma: Nena bei ihrer Tour zum 40-jährigen Bühnenjubiläum am Dienstagabend in der Augsburger Kongresshalle.
Bild: Siegfried Kerpf

Porträt Das Konzert der Mutter aller deutschen Popstars in Augsburg hätte bitter werden können – nicht ausverkauft, eher reserviertes Publikum: Zeichen, dass ihre Zeit nach 40 Jahren nun endgültig zu Ende geht? Aber nicht mit ihr!

Wie das wohl wirklich sein mag? Wenn man als Popmusiker mit Jahrzehnte andauernder Karriere nach dem nächsten zweistündigen Konzertabend von der Bühne geht? Irgendetwas zwischen „Na ja, Job erledigt“ in schlechten und „Na also, mal ein wieder intensiver Abend“ in guten Fällen? Und doch muss man als Unterhaltungsunternehmer ja immer den Eindruck erwecken, es sei ein besonderer Abend  – das persönliche Engagement, die eigene Emotionalität eine Frage der Professionalität. Glücklich und beseelt auf Knopfdruck? Schwierige Sache. So kann man am Show-Erfolg stumpf fürs wirkliche Empfinden werden, abhängig von Ruhm oder in der ewigen Wiederholung zur bloßen Maske. Und womöglich gibt es nur den einen Ausweg …

Es ist Dienstagabend in der Augsburger Kongresshalle – und es hätte ein wirklich schwieriger Abend werden können. Einer, in dem die für den Pop so wesentlichen Rollenbilder brüchig werden, weil der Rahmen eben so offenkundig nicht mehr zur Pose passt: Wo ein Star ist, muss Rummel und Verehrung herrschen. Mit Nena macht so etwas wie die Mutter aller deutschen Popstars Station, es ist die „Nichts versäumt“-Tour anlässlich eines Bühnenjubiläums.

Vor 40 Jahren trat Gabriele Susanne Kerner aus dem westfälischen Hagen zum ersten Mal auf die Bühne, spätestens seit „99 Luftballons“ vor 35 Jahren kennt die ganze Welt sie als Nena – und zumindest als deutsche Pop-Ikone ist sie seitdem immer präsent geblieben. Mehrfach Mutter und mehrfach Großmutter geworden, immer wieder eine erfolgreiche Aktualisierung ihrer Musik hingelegt, zuletzt mit bereits Mitte 50 und dem Album „Oldschool“, und stützender Pfeiler von Fernsehshows wie „ The Voice of Germany“ und „Sing meinen Song“ … Nein, wer da nun in Augsburg auf die Bühne tritt, ist kein reiner Nostalgiestar, Nena ist eine, die erkennbar immer noch etwas wollte, Gegenwart und Zukunft mit und in ihrer Musik nämlich.

Und dann das: Mit rund 2000 Zuschauern ist die Augsburger Halle deutlich nicht ausverkauft – so viel zum Rummel; und Nena muss das auf der Galerie sitzende Publikum gleich mehrfach auffordern, zu einem ihrer alten großen Hits, dem früh gespielten „Nur geträumt“, doch bitte auch aufzustehen, ist verdutzt, als die Ankündigung anderer Evergreens wie „Du kennst die Liebe nicht“ keinerlei Begeisterung auslöst: „Wie? Kennt ihr die alten Dinger nicht?“ – so viel zur Verehrung. So hätte dieser Dienstagabend also zu einer schmerzlichen Götterdämmerung werden können, zu einem Zeichen, dass ihre Zeit als Star nun doch mal vorbei ist und auch besser vorbei sein sollte, wenn die Rollen brüchig und die Masken sichtbar werden.

Dass es nicht so weit kommt, dass Nena am Ende des zweistündigen Konzerts sogar im Gefühl des Triumphs mit ihrer neunköpfigen Band in einer Polonaise durchs Publikum zieht und den Refrain eines neuen, programmatisch trotzigen Songs singt: „Immer noch da“ – diese Verkehrung ins Gegenteil ist eben das Resultat des einzigen Auswegs aus dem Popmusik-Dilemma. Besser: Nena erscheint an diesem Abend als die Personifikation des Auswegs. Denn die Lust und die Leidenschaft, mit denen die 58-Jährige ein mitreißend schwungvolles Programm in die Halle fetzt, zeugt von einer nach vier Jahrzehnten noch unversehrt scheinenden Passion für das, was sie da tut.

Das zeigt sich in Momenten, in denen sie einen Hit wie „Leuchtturm“ einerseits in Helene-Fischer-artige Schlagerseligkeit tauchen und andererseits mit Rolling-Stones-Riff für den Rock’n’Roll erobern kann. Das zeigt sich aber vor allem, als Nena mitten in der Show auf eine kleine Bühne im Publikum umsattelt. Der Kniff ist im Pop längst verbreitet, um dann unmittelbarer mit einem Acoustic-Set auf das Publikum einwirken zu können. Bei Nena aber wird die kleine Bühne zum Probenraum, wie damals, als sie 17 war. Es wird punkig, sie greift zur Gitarre, ist das Gör von einst, noch immer. Herrlich!

Und passend auch, dass sie inmitten des finalen Hit-Trubels – nach „Wunder geschehen“ und „99 Luftballons“ samt „Hey Jude“-Erweiterung, vor „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ – noch mal auf die Bühne zurückkehrt. Dann nämlich stellt sie neben die junge Punk-Nena die neue Pop-Nena, ebenfalls abseits der legendären Achtziger: mit spaßigem Hip-Hop in „Oldschool“ und Ausflügen in den Elektro in „Willst Du mit mir gehen“. Sie spart sich auch großen Garderoben-Zauber (wechselt bloß zweimal die Jacke), sie spart sich Welt- und Liebe-Predigten und lebt mit einer so versierten wie vertrauten Band ihre Passion: Live Musik machen und ihr Publikum – wie groß es auch sein mag und wie sehr auch im Gegensatz zu ihr spürbar gealtert – überwältigen.

So bekommt diese schrille Schrulle an die 60 tatsächlich auch die geneigt beobachtenden Normalo-Augsburger aus ihrer freundlichen Feierabendstimmung gerissen. Statt einer Nostalgie-Show, die leicht zum Abgesang hätte werden können, wird auch aus diesem Abend ein Konzert, in dem ein Star das offenbart, was hier jenseits des für den Pop essenziellen Ruhms wirkt: das Herz. Und das Herz von Nena ist seit 40 Jahren 17 Jahre alt.

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