Jazzclub

18.01.2016

Einfach krass

Der Drummer von Panzerballett legte im Augsburger Jazzclub in einer Plexiglaskabine los.
Bild: Eric Zwang-Eriksson

Münchner Panzerballett erfüllt das Kellergewölbe mit urgewaltigen Metal-Tönen

Es gibt krasse Fälle, da werden an der Kasse bereits Ohrstöpsel für das bevorstehende Musikspektakel angeboten. Daran ist erst einmal nichts Ungewöhnliches, es sei allerdings in einem Jazzclub. Dann aber wird es spannend. Beim Besuch des Panzerballetts geschah genau dieses, doch so mancher Jazzhörer trat am Freitagabend unter diesen Umständen lieber den Rückzug an.

Berstend voll zeigte sich der Jazzclub in der Philippine-Welser-Straße dennoch zum Konzert des in München ansässigen Quintetts, das sich der Vermählung von Progressive Metal und wildem Jazz verschrieben hat. Insbesondere junge Menschen, eher dem Metal Publikum zuzuweisen, hatten sich eingefunden im Kellergewölbe.

Befremdlich der Anblick, der sich auf der Bühne bot: große Verstärkeranlagen und ein noch größeres Schlagzeug, eingepfercht hinter Acrylwänden. Er ließ erahnen, dass hier bald eine Urgewalt losbrechen würde. Sie tat es mit einem Wumms – und zauberte ein Lächeln in die Gesichter der Zuhörer.

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Die Komplexität der Kompositionen lässt sich kaum in Worte fassen, das Mitzählen der Takte, das Erkennen der Metren ist unmöglich. Und doch schaffen es diese abstrakten Strukturen, dargeboten von zwei verzerrten Gitarren, einem jazzigen Saxofon und einer fett auftrumpfenden Rhythmusgruppe, der keine Zählzeit zu schräg schien, homogen und auf schräge Weise eingängig zu klingen.

Nicht allein eigene Kompositionen schufen den Kosmos der tanzenden Kriegsmaschine. Eindrücklicher noch war die Verkrassung bekannter Standards, getoppt durch die Verkrassung der Verkrassung – „zweiter Ordnung“, wie es der Leiter und Gitarrist des Panzerballetts, Jan Zehrfeld, ausdrückte. Übrigens handelt es sich durchweg um studierte Musiker: Jan Zehrfeld an der Musikhochschule Graz und der Sibelius-Akademie Helsinki, Josef Doblhofer (guit) und Sebastian Lanser (dr) am Bruckner-Konservatorium Linz, Alexander von Hagke (sax) in München und New York, Heiko Jung (b) am Richard-Strauss-Konservatorium München.

Da waren also Henry Mancinis „Pink Panther Theme“, Piero Umilianis „Mahna Mahna“ oder der überaus beliebte Jazzstandard „St. Thomas“ von Sonny Rollins. Was von ihnen übrig blieb, waren Fragmente ihrer selbst, Bruchstücke, Ahnungen, umrahmt und eingekesselt vom Wahnsinn des progressiven Metal, gepaart mit dem Wahnsinn des Jazz und dargeboten von fünf Musikern, die zur absolut obersten Liga ihres Fachs gehörten.

Zwölf Jahre existiert das Panzerballett bereits und hat es doch erst jetzt geschafft, Augsburg zu besuchen. Bleibt nur zu hoffen, dass der nächste Besuch dieses großartigen auditiven Overkills weniger lange brauchen wird.

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Nicole_Prestle.tif
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