Newsticker
Heiko Maas bringt Regel-Lockerungen für Geimpfte ins Spiel
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Enger, kürzer, weiter: Die Änderungsschneiderei ist ihr Leben

Augsburg

14.01.2021

Enger, kürzer, weiter: Die Änderungsschneiderei ist ihr Leben

Sema Ugurlu ist Änderungsschneiderin aus Leidenschaft und hofft, bald wieder für ihre Kunden öffnen zu dürfen.
Bild: Bernd Hohlen

Plus Sema Ugurlu repariert und ändert seit vielen Jahren die Kleidung der Augsburger. In dieser Zeit hat die 58-jährige Türkin auch fünf Kinder großgezogen.

Für Sema Ugurlu bedeutet der aktuelle Lockdown einen emotionalen Kraftakt. "Der Laden ist mein Leben. Ich vermisse meine Kunden so sehr", sagt die Änderungsschneiderin. Die Sehnsucht dürfte auf Gegenseitigkeit beruhen, denn die Türkin hat in 35 Arbeitsjahren im Theaterviertel viele Stammkunden gewonnen. Sie müssen jetzt auf die Dienste der 58-Jährigen verzichten, denn die Nähmaschine in ihrer Werkstatt ruht wegen Corona seit Mitte Dezember.

Dafür hat Ugurlu in diesen Tagen Zeit, von ihrem Leben zu erzählen, das einerseits für eine türkische Migrantin typisch sein mag, andererseits aber auch viele überraschende Facetten aufweist. Als ihre Eltern mit der kleinen Sema Mitte der 1960er Jahre aus der Stadt Konya zunächst nach München auswanderten, war das Anwerbeabkommen mit der Türkei erst wenige Jahre alt. Als das Mädchen zwölf war, kam die Familie nach Augsburg, wo die Mutter zunächst in Oberhausen und später in Göggingen eine Änderungsschneiderei eröffnete. Die Eltern erwarteten, dass ihre Tochter einmal in ihre Fußstapfen tritt und so absolvierte Sema Ugurlu nach dem Qualifizierenden Hauptschulabschluss eine Lehre zur Bekleidungsfertigerin, einer Industrienäherin. "Eigentlich hätte ich gerne in einer Apotheke gearbeitet. Doch dann hieß es immer, wir gehen wieder in die Türkei zurück." Für ausgefallene Berufswünsche war im Leben des - wie Fotos bezeugen- sehr hübschen jungen Mädchens kein Platz.

Änderungsschneiderin: 3000 Kilometer aus der Türkei zurück nach Augsburg

Tatsächlich kehrte die Familie in die türkische Heimat zurück, auch weil die Mutter krank wurde. Sema Ugurlu heiratete dort einen Landsmann und wurde bald schwanger. Doch trotz der neuen Lebenssituation keimte die Sehnsucht nach Deutschland wieder auf. Die junge Mutter legte mit ihrem Vater und dem Baby 3000 Kilometer mit dem Auto zurück, um wieder in Augsburg Fuß zu fassen. "Mein Mann durfte damals wegen der Nachzugsregelungen nicht mitkommen und meine Mutter blieb wegen ihrer Krankheit zurück", erklärt sie.

Sema Ugurlu musste schnellstmöglich wieder arbeiten, denn das Geld war so knapp, dass sie sich auf dem Flohmarkt Winterstiefel und einen Kinderwagen besorgte. Wie glücklich war sie, als sie in der Heilig-Kreuz-Straße die passenden Räume für ihre Änderungsschneiderei fand und einen Kredit für die Ausstattung genehmigt bekam. Allmählich fasste die junge Unternehmerin Fuß im Viertel, mit dem Nachzug des Ehemanns 1989 war die Familie wieder vereint. Bald kündigte sich das zweite Kind an, dem noch drei weitere folgten. "Ich wurde immer die Schneiderin mit dem Kinderwagen genannt", sagt Ugurlu mit einem Lächeln.

Augsburg: Sema Ugurlu kümmerte sich um den Unterhalt der Familie

Eine Elternzeit gönnte sie sich nicht. Bis kurz vor und wenige Tage nach der Geburt saß die Unternehmerin wieder in ihrem Laden hinter der Nähmaschine, immer eines oder auch mehrere Kinder um sich herum. "Mein Mann hat mitgeholfen, aber ich musste das Geld für die Familie verdienen", sagt sie. Teilweise habe sie spätabends noch gearbeitet, wenn alle anderen im Bett waren. Ugurlu jammerte nie und will sich auch rückblickend nicht beklagen. Lieber hebt sie hervor, wie ideal sie Familie und Beruf in ihrer Änderungsschneiderei unter einen Hut bringen konnte - auch dank ihrer hilfsbereiten Kunden wie beispielsweise der Kinderärztin. "Die ist zu mir in den Laden gekommen, damit ich nicht in die Sprechstunde musste."

Sema Ugurlu hat für jeden Stoff den passenden Faden parat.
Bild: Bernd Hohlen

Heute erinnert noch ein kleiner Kinderstuhl in ihrem Geschäft an diese Zeiten. Zu ihren vier Söhnen und ihrer Tochter im Alter von 22 bis 34 Jahren hat sie nach wie vor engen Kontakt und spricht voller Stolz von der angehenden Ärztin, dem Geschäftsführer oder dem Juristen. Sie könne sich immer auf ihre Kinder verlassen - gerade auch in der aktuellen Situation, wo sie noch auf die versprochenen staatlichen Hilfsgelder warte. "Ich habe meine Kinder großgezogen. Sie geben alles zurück, was ich für sie getan habe."

Zweimal ist Sema Ugurlu mit ihrer Schneiderei innerhalb des Viertels umgezogen. Mit der jetzigen Lage direkt am Hofgarten ist die 58-Jährige sehr zufrieden. Die vielen Behörden ringsum bescherten ihr Laufkundschaft, die ihr gut tue. Es werde nicht mehr so viel geändert und repariert wie früher. Eher kauften sich die Leute was Neues, bedauert die Unternehmerin. Dennoch will sie, so lange die Gesundheit es zulässt, ihrem Metier treu bleiben. "Das ist hier mein Leben", sagt sie wie schon zu Beginn des Gesprächs. Über ihren Mann verliert Ugurlu indes nur wenige Worte. Sie ist mittlerweile geschieden.

Die Augsburger Änderungsschneiderin hat mit 50 ihren Führerschein gemacht

Seit ihrer Hochzeit bedeckt die Türkin ihr Haar mit einem Kopftuch und hat es auch nach der Trennung nicht abgelegt. "Ich selbst habe mich dafür entschieden. Bei uns in der Familie gibt es da keinen Zwang. Meine Tochter beispielsweise trägt keines", sagt sie. Die Augsburgerin macht auch keinen Hehl daraus, dass sie eine gläubige Muslimin ist. Im Gegenteil: Um sich weiterzubilden und zugleich etwas für sich zu tun, absolviert sie gerade eine Ausbildung in der muslimischen Seelsorge. Wenn es Corona wieder zulässt, will sie Muslimen in Krankenhäusern und Altenheimen beistehen. Vor ein paar Jahren hat sie sich einen weiteren Wunsch erfüllt. "Ich habe mit 50 meinen Führerschein gemacht, auch wenn ich dafür einige Anläufe gebraucht habe." Sema Ugurlu hat schon viel geschafft in ihrem Leben. Jetzt wartet sie nur noch sehnsüchtig darauf, dass ihr die Kunden wieder Kleidungsstücke zum Kürzen, Enger- oder Weitermachen vorbeibringen dürfen.

Lesen Sie auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren