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Augsburg

23.02.2021

Entführt nach Palästina? Eine Mutter kämpft verzweifelt um ihr Kind

Meryem Alasawi mit ihrem Sohn Jamil - seit sechs Monaten hat die Augsburgerin keinen Kontakt mehr zu ihm.
Bild: Alasawi

Plus Die Augsburgerin Meryem Alasawi sucht ihren Sohn Jamil. Ihr Ex-Mann hat das Kind offenbar in seine Heimat Palästina entführt. Die Sache ist tragisch und gefährlich.

Als Meryem Alasawi am Telefon von ihrem Sohn erzählt, kämpft sie mit den Tränen. "Er war ein sehr fröhliches Kind und er liebte Spielzeugautos. Eines seiner Autos musste zum Schlafengehen immer mit ins Bett." Alasawi spricht von Jamil in der Vergangenheit. Die Augsburgerin weiß nicht, wie es ihrem vier Jahre alten Kind geht. Seit sechs Monaten hat die 29-Jährige keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn. Sie sagt, ihr Ex-Mann habe das gemeinsame Kind in sein Heimatland Palästina entführt. Sie selbst hält sich seit über einem halben Jahr in Palästina und in Israel auf, um nach dem kleinen Jamil zu suchen. Doch dort stößt sie auf Hürden. Die Anwaltskanzlei aus Augsburg, mit der sie regelmäßig in Kontakt steht, spricht von einem Drama. Alasawi sagt, sie wisse nicht, wie lange sie noch durchhält. Sie fürchtet um das Leben des Sohnes, aber auch um ihr eigenes.

Der kleine Jamil wird als fröhliches Kind beschrieben

Eigentlich lebt Meryem Alasawi mit ihrem Sohn in der Hammerschmiede, einem gutbürgerlichen Stadtteil im Norden Augsburgs. Sie selbst war vor über 20 Jahren als Kind aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Alasawi hat die deutsche Staatsbürgerschaft, arbeitet als pharmazeutisch-technische Assistentin in der Apotheke im Nahversorgungszentrum in Oberhausen. Dort wird sie als zuverlässige und hilfsbereite Mitarbeiterin beschrieben. Die Kita ihres Sohnes liegt auf dem Weg zur Arbeit. Jamil besuchte gerne die Zirbelzwerge, er hatte hier auch seine Freunde. "Er ist fröhlich, aufgeweckt und ein süßer Lockenkopf", berichtet Lea Erhard, die Leiterin der Oberhauser Kindertagesstätte.

Der vierjährige Jamil wird von der Leiterin seiner Augsburger Kita als ein fröhliches Kind beschrieben.
Bild: Alasawi

Vier Jahre lang waren Alasawi und ihr Mann, ein gebürtiger Palästinenser, verheiratet. Dann ließ sich die junge Frau vor rund zwei Jahren scheiden. Schuld waren Differenzen wegen verschiedener Lebensweisen. "Er ist Moslem und ich war ihm zu deutsch. Ich bin zwar auch Muslimin, aber ich bin in Deutschland aufgewachsen. Die deutsche Kultur, wie etwa Weihnachten feiern, gehört zu meinem Leben", sagt die Mutter. Gerne würde sie die Zeit zu jenem Tag im Jahr 2019 zurückdrehen, an dem sie einen fatalen Fehler beging.

Mutter aus Augsburg stolpert offenbar in eine Falle

Sie erzählt: "Mein Ex-Mann fragte, ob er mit Jamil für zwei Wochen nach Palästina zu seinen Eltern fliegen kann. Der Großvater liege im Sterben und wolle noch einmal seinen Enkel sehen." Die Mutter willigte ein. Allerdings gab es ein Problem. Da das Kind einen deutschen Pass hat, kann es in das autonome Palästina zwar ein-, aber ohne palästinensischen Pass nicht mehr ausreisen, erklärt sie. Um einen palästinensischen Ausweis zu erhalten, müsse man gegenüber den dortigen Behörden bestätigen, dass diejenige Person dort auch lebe. Alasawi unterschrieb ihrem Ex-Mann zuliebe ein Formular, indem sie sich einverstanden erklärte, dass Jamil bis zum 18. Lebensjahr bei der Oma in Palästina lebe. Zuvor habe sie sich über das Vorgehen noch erkundigt. "Viele palästinensische Familien handhaben das so. Es ist nur eine förmliche Vereinbarung." Zudem habe ihr Mann versprochen, das Kind zurückzubringen. Es sei nur eine Formalität, habe er beschwichtigt. Offenbar war es aber eine Falle.

Die Augsburgerin Meryem Alasawi sucht ihren Sohn Jamil. Ihr Ex-Mann hat das Kind offenbar in sein Heimatland Palästina entführt.
Video: Alasawi/Instagram

Mutter bekam vom Gericht das alleinige Sorgerecht zugesprochen

Von der Reise nach Palästina im Oktober 2019 ist Jamil bis heute nicht zurückgekehrt. Der Vater hingegen zwischendurch schon. Kitaleiterin Erhard erinnert sich gut an jenen Tag, als Jamils Papa plötzlich in der Einrichtung auftauchte. Perplex sei sie gewesen, weil sonst immer nur die Mutter ihre Ansprechpartnerin war. "Er wollte mich überzeugen, dass die Mutter nicht in der Lage sei, sich um Jamil zu kümmern, er wollte mich auf seine Seite ziehen."

Zu diesem Zeitpunkt hatte Meryem Alasawi nämlich schon eine Sorgerechtsklage am Amtsgericht Augsburg eingereicht. Auch die Kitaleiterin sagte im Prozess als Zeugin aus. Wie die Augsburger Anwältin der Mutter, Gabriele Ammer-Barwitz bestätigt, bekam Meryem Alasawi im Januar 2020 im Wege einer einstweiligen Anordnung das alleinige Sorgerecht zugesprochen. Der Beschluss sei im Februar 2020 vom Oberlandesgericht bestätigt und eine Rückführung des Kindes angeordnet worden. Doch Jamil blieb verschwunden.

Bundesamt für Justiz ist in den Fall eingeschaltet

Aus lauter Verzweiflung reist die 29-Jährige im vergangenen Sommer selbst nach Palästina, um nach ihrem Kind zu suchen. Viermal schafft sie es dort, vor Gericht ein Treffen mit Jamil zu erwirken. Viermal sieht sie ihren Sohn tatsächlich - allerdings nur auf der Polizeiwache im Beisein der Beamten, wie sie schildert. Sie erzählt: "Der Kleine hat ständig gesagt, dass er mit mir mitkommen will und ich ihn nicht dalassen soll. Er hat immer wieder geweint." Am 1. Oktober 2020 schließt sie Jamil dort ein letztes Mal in ihre Arme. Danach verschwindet der Junge erneut spurlos. Die Mutter sieht in den sozialen Netzwerken wie Facebook, dass ihr Ex-Mann dort präsent ist. Doch sie erhält keinerlei Information, wo er sich aufhält.

Für die Augsburgerin Meryem Alasawi ist es kaum zu ertragen, nicht zu wissen, wo sich ihr Sohn befindet und wie es ihm geht. Das Bild entstand auf einer Polizeiwache in Palästina, wo sie Jamil sehen durfte.
Bild: Alasawi

Alasawi hat sich inzwischen in Jerusalem eine Wohnung gemietet. Sie fühle sich dort sicherer. Nahezu täglich versucht sie bei den Behörden vor Ort etwas zu erreichen - und scheitert. An was genau, kann letztendlich niemand sagen. Inzwischen ist das Bundesamt für Justiz in den Fall eingeschaltet. Das Amt kümmert sich um Kindesrückführungen. Doch selbst damit ist es nach Auskunft der Mutter bis heute nicht gelungen über die Behörden vor Ort in Israel die Rückführung des Kindes zu ermöglichen.

Die Mutter fühlt sich in Palästina bedroht

Die Situation ist offenbar mehr als angespannt. Wie Meryem Alasawi am Telefon berichtet, versucht die Familie ihres Ex-Mannes, die in Palästina einflussreich sei, offenbar alles Mögliche, damit sie das Land verlasse - sie spricht von Bedrohungen und Verfolgungen bis hin zu Mordversuchen. Als sie nach dem ersten Treffen mit dem Sohn auf der Polizeiwache wegfuhr, seien sie und ihr Fahrer von einem Auto verfolgt worden, aus dem geschossen wurde.

Meryem Alasawi hat Angst, aber größer ist die Furcht um ihren Sohn. Keinesfalls will die Mutter ohne ihr Kind zurück nach Augsburg. Sie hat unbezahlten Urlaub genommen, Familie und Freunde schicken ihr Geld. Aber das reicht nicht. "Ich habe inzwischen Schulden angehäuft." Ihre Chefin Katrin Hafner sagt, sie halte die Stelle für sie frei. "Frau Alasawi ist eine super Mitarbeiterin. Ich habe weiterhin Kontakt zu ihr. Das gesamte Team fiebert mit ihr mit", so die Apothekenleiterin. Meryem Alasawi kämpft um ihr Kind. Aber sie hat Angst, dass ihre Kraft irgendwann nachlässt.

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23.02.2021

Liebes AZ-Team,
es gibt keinen Staat Palästina - es gibt ein Gebiet in Israel (Westjordanland und den Gazastreifen), welches von einer Organisation 1988 aus dem Exil als "Staat Palästina" definiert wurde. Deutschland erkennt diesen Staat jedoch nicht an. Bitte bleiben Sie bei korrekten Bezeichnungen. Vielen Dank

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24.02.2021

Man weiß doch ganz genau, warum ein Journalist diesen Namen verwendet...

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24.02.2021

Das Westjordanland ist besetztes Gebiet. Es ist somit keine Gebeit in Israel. Diese Annektion wurden weder von der BRD noch von der EU anerkannt. Mit entsprechenden zollrechtlichen Folgen. Somit ist Ihre Bezeichnung "ein Gebiet in Israel" schlicht falsch. Daran ändert auch die aggressive Siedlungspoltik Israel nichts.
https://de.wikipedia.org/wiki/Israelisch_besetzte_Gebiete

Der korrekte Ausdruck in der BRD wäre "palestinensisches Autonomiegebiet".
https://de.wikipedia.org/wiki/Pal%C3%A4stinensische_Autonomiegebiete

Übrigens wird der Staat Palästina von 138 der 193 UN-Staaten anerkannt.
"Am 29. November 2012 wurde der Status der PLO-Delegation als Staat Palästina[36] zum Beobachterstaat (‚non member observer state‘ status) der Vereinten Nationen aufgewertet (UN-Resolution 67/19).[37] Der Antrag des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas erhielt 2012 in der Abstimmung in der Generalversammlung 138 Ja- und neun Nein-Stimmen bei 41 Enthaltungen und fünf Abwesenheiten.[38] Nach der Abstimmung betonte der Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon, die Statusaufwertung sei kein Ersatz für direkte Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien.[39] Deutschland enthielt sich der Stimme, während u. a. Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg dafür stimmten.[40] Israel reagierte auf den Beschluss der UNO mit einer Forcierung seiner Siedlungspolitik.[41]"

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