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Porträt

27.08.2016

Er dichtet, was keiner zu denken wagt

Benedikt M. Kramer in seiner Augsburger Wohnung, wo er den Gedichtband „Glücklichsein ist was für Anfänger“ schrieb. Es geht vor allem um Probleme und Gefühle des Alltags. „Alles stammt zu 100 % aus meinem Leben“, sagt Kramer.
Bild: Harrison-Zehelein

Der Augsburger Schriftsteller Benedikt Maria Kramer schreibt schockierende Gedichte über die Geschehnisse im Alltag. Tabu-Themen kennt er nicht. Sein zweiter Band ist in Arbeit

Wenn sich Benedikt Maria Kramer an seinen Schreibtisch setzt, um zu schreiben, ist es meist Nacht. In der Dunkelheit blüht der 36-Jährige auf. Gedanken rasen durch seinen Kopf, er beginnt sein Leben zu reflektieren und Gedichte zu schreiben. Stundenlang sitzt der Augsburger dann in seiner bescheidenen Wohnung, kratzt sich am Drei-Tage-Bart, rauft sich das blonde Haar, raucht Zigarette um Zigarette und schreibt sich die Seele aus dem Leib.

Da er nicht ausschließlich vom Schreiben leben kann, arbeitet der Schriftsteller im Nebenberuf als Barkeeper und steht als Teil des Musikduos „Das Ding & Alfredo Garcia“ regelmäßig auf der Bühne. Irgendwann will er aber ohne Zweitjobs über die Runden kommen. Ein erster Schritt in diese Richtung ist sein erstes Buch, der Gedichtband „Glücklichsein ist was für Anfänger“. Es ist ein Sammelwerk der Gedichte, die Kramer in vielen langen Nächten an seinem Schreibtisch verfasst hat.

Die Gedichte handeln ausschließlich von realen Ereignissen in Kramers Leben. Sie sind ehrlich, derb und – wie der Buchtitel – oft auch ernüchternd. Es geht um tiefgründige Themen wie Glück, Familie, Liebe, Sehnsucht und Sex. Aber auch um die alltäglichen Probleme des Lebens wie Geld, Arbeit, Einsamkeit und Streit. Er verwendet dabei eine klare und einfache Sprache. Der Schweizer Autor Andreas Niedermann verglich Kramer jüngst mit dem US-Schriftsteller und Dichter Charles Bukowski. Wie Bukowski schreibt Kramer hart, obszön und direkt. Sein Vorbild ist jedoch ein Anderer: Franz Dobler. Der Allgäuer Schriftsteller wohnt nur einen Steinwurf von Kramers Wohnung im Augsburger Hochfeld. „Er ist eine Inspiration für mich“, sagt Kramer. In Anlehnung an Doblers „Bastard“-Magazin gründete er 2010 das Literaturmagazin „Superbastard“.

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Das Schreiben fing mit einer tiefen Lebenskrise vor acht Jahren an. 2008 trennte sich Kramer von seiner ersten großen Liebe. Er war damals erfolgreicher Filmregisseur, hatte 2005 sogar eine Nominierung für den besten deutschen Nachwuchsfilm („Die neuen Mieter“). Sein Weg schien steil nach oben zu führen. Es kam anders. Nach dem Beziehungsaus stürzte Kramer ab, betäubte sich mit Alkohol. „Es blieben aus dieser Zeit hübsche Narben“, sagt er. Um diese Narben zu verarbeiten, begann er zu schreiben. Das war nicht neu für ihn, schließlich hatte er jahrelang Drehbücher geschrieben. Nun aber verfasste er literarische Texte und Gedichte. Das Schreiben wurde für ihn zu einer Art Zwang. „Das Schreiben ist das beste Mittel, mit mir selbst zurechtzukommen. Es ist zugleich die Suche nach mir, als auch eine Flucht vor mir“, sagt Kramer.

Etliche Jahre zuvor hatte er die Schule frühzeitig verlassen – auch aus disziplinarischen Gründen. Den Wandel vom Kind zum Erwachsenen empfand er als heftig und schmerzhaft. Kramer begann eine dreijährige Lehre zum Steinmetz im Betrieb seines Vaters, die er abschloss. „Ich habe erstmals gespürt, wie sich richtiges Arbeiten anfühlt und schnell festgestellt: Das möchte ich nicht.“ Zudem habe er ein dickeres Fell bekommen, sei reifer und selbstständiger geworden. Nach der Lehre holte er das Abitur nach. Es folgten mehrere Studiengänge, die Kramer allesamt abbrach, um sich dem Filmen zu widmen. Das lief bis zu besagter Lebenskrise gut. Dann kam das Schreiben.

„Ich habe begriffen, dass die Welt weder schön noch hässlich ist, sondern etwas Absurdes dazwischen“, sagt Kramer. Deswegen auch der Buchtitel. „Wenn du einmal erkennst, dass Glücklichsein etwas für Anfänger ist, erreichst du nie mehr jenen vermeintlich unbeschwerten Zustand, in dem man seine Ängste verdrängt.“ Kramer spricht langsam. Jedes Wort scheint wohl überlegt zu sein. So wie in seinen Gedichten. „Klar, ich habe Haare auf der Brust und ich habe einen Penis. Aber ich bin kein Mann. Ich bin ein kleines Mädchen in Ballettschuhen“, schreibt Kramer beispielsweise über sein Rollenverständnis.

Auf den ersten Blick vermögen seine Worte zu schockieren. Man muss sie oft zwei- oder dreimal lesen, um auf ihre wahre Bedeutung zu kommen. „Ich versuche das auszusprechen, was man nicht zu denken wagt“, sagt Kramer. Tabus gibt es nicht. Auffällig ist in den Gedichten auch der wiederkehrende Bezug zur Heimat. So rauscht er in seinen Gedichten den Perlachberg hinunter, lungert auf den Stufen der Augsburger Haifischbar herum und verirrt sich im Wittelsbacher Land: „Ich bin ein Augsburger Pflänzchen, das seine Wurzeln immer wieder gerne in Stadt und anliegende Landkreise schlägt.“

Kramer will seinen Lebensstil ändern, keine Nachteule mehr sein. Das nächste Buch ist in Arbeit. Es soll im November erscheinen. Wieder wird er in den Tiefen seiner selbst wühlen und, wie er es selbst formuliert, alles zulassen, nichts mehr empfinden und den Zusammenstoß suchen, „wie ein Eisberg auf der Suche nach einem Dampfer“.

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